Selbstbestimmtes Sterben: Außerklinische Ethikberatung hilft in Konfliktsituationen weiter

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Team Außerklinische Ethikberatung webZum Vergrößern bitte klicken.

Wenn Patienten sehr schwer erkrankt und nicht mehr entscheidungsfähig sind, ist es nicht immer einfach, dem Patientenwillen gerecht zu werden. Fragen wie „nochmal ins Krankenhaus einweisen oder nur noch Symptombehandlung zu Hause?“, „Künstliche Ernährung einstellen oder fortführen?“, „nochmal operieren oder nicht?“ können dann zu Konflikten der Angehörigen untereinander oder mit dem Arzt  beziehungsweise dem Pflegedienst führen, zumal, wenn keine Patientenverfügung vorliegt.

In den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein können sich Patienten und ihre Angehörigen, aber auch Hausärzte, Pflegeeinrichtungen, Hospizhelfer und Seelsorger in dieser Situation an die Außerklinische Ethikberatung im Netzwerk Hospiz Südostbayern wenden. Das 2012 gegründete Pilotprojekt wurde kürzlich mit dem Bayerischen Gesundheitspreis 2017 ausgezeichnet.

Dr. Peter Wienert, Hausarzt in Schönau am Königssee und Bezirksdelegierter für Oberbayern im Bayerischen Hausärzteverband, gehört zum Team der Außerklinischen Ethikberatung. Er hat erlebt,  dass Konflikte, die Entscheidungen am Lebensende betreffen, alle Beteiligten schwer belasten können und gerade auch Hausärzte in solchen Situationen das Angebot der Außerklinischen Ethikberatung schätzen. „Selbst wenn der Patient seinen Willen in einer Patientenverfügung festgehalten hat, sind Konflikte im fortgeschrittenen Stadium einer Erkrankung nicht ausgeschlossen“, ist seine Erfahrung. „Im Anfangsstadium einer lebensbedrohlichen oder unheilbaren Erkrankung können sich die Betroffenen den weiteren Verlauf oft nicht vorstellen und ändern später manchmal ihre frühere Einstellung zu lebensverlängernden Maßnahmen oder Therapien. Personen im Umfeld des Kranken können dann verschiedener Ansicht sein, was dieser letztendlich gewollt hätte.“

Preisträger Projekt Außerklinische Ethikberatung Dr. Birgit Krause Michel Netzwerk Hospiz Bad ReichenhallZum Vergrößern bitte klicken.

Im stationären Bereich gibt es inzwischen an vielen Häusern ein professionelles Beratungsangebot in solchen Situationen. Im ambulanten Bereich aber sind die Patienten, ihre Angehörigen und die behandelnden Ärzte meist auf sich gestellt.  Hier setzt die „Außerklinische  Ethikberatung“ an, die das „Netzwerk Hospiz – Verein für Hospizarbeit und Palliativbetreuung Südostbayern e.V.“ seit 2012 als eines der bundesweit ersten Pilotprojekte dieser Art anbietet. Ideengeberin war die Palliativmedizinerin und heutige Vorsitzende Dr. Birgit Krause-Michel.

Patienten und ihre Angehörige, aber auch Hausärzte, Pflegedienste, Hospizhelfer und Seelsorger können die Außerklinische Ethikberatung rund um die Uhr anrufen, wenn Konflikte auftreten, die von den Betroffenen alleine nicht zu lösen sind. Dann wird ein kleines Team aus den ehrenamtlichen Beratern – rund 20 Ärzte, Pflegende, Juristen, Seelsorger und Sozialarbeiter der Landkreise Berchtesgadener Land und Traunstein – zusammengestellt, das zu einem Beratungsgespräch zum Patienten kommt.

„Wer zu dem Beraterteam gehört, das nach Hause kommt, bestimmen diejenigen mit, die an uns herangetreten sind“, erklärt Dr. Wienert.  „Ein Hausarzt und ein Jurist sind in der Regel immer dabei.“ Gerade letzteres ist ihm sehr wichtig. „Der rechtliche Rahmen, in dem man sich bewegt, wenn es beispielsweise darum geht, lebenserhaltende Maßnahmen einzustellen, ist sehr komplex und für den Arzt, aber auch die Angehörigen, nicht immer überschaubar“, so Dr. Wienert.

Dafür, dass die Beratungsqualität stimmt, sorgen unter anderem die regelmäßigen Fortbildungen, an denen das multiprofessionelle Team der Außerklinischen Ethikberatung teilnimmt. „Wir treffen uns einmal im Quartal, neben Fortbildungsthemen stehen dann auch Fallbesprechungen und der gegenseitige Austausch auf dem Programm“, berichtet Dr. Wienert. Trotzdem kann das Beraterteam nicht immer mit der perfekten Lösung für jeden Fall aufwarten. „Das Ergebnis dieser kostenloses Beratungen ist ja auch nicht bindend, es sind Lösungsvorschläge, die gemeinsam erarbeitet werden, ein Hilfsangebot, nicht mehr und nicht weniger“, stellt Dr. Wienert klar.

In 61 Fällen hat die Außerklinische Ethikberatung bislang bei der Lösung von Konflikten geholfen. Meist wurde sie von Familienangehörigen schwerst kranker Patienten eingeschaltet (24 mal), aber auch von Heimen beziehungsweise einer außerklinische Intensivpflege (16 mal), Hausärzten (9 mal), gesetzlichen Betreuern (6 mal) und Brückenschwestern beziehungsweise SAPV-Teams (4 mal).

Erfahrungsgemäß ist es für die Betroffenen eine Erleichterung, offen sprechen zu können und neue Blickwinkel eröffnet zu bekommen. Das bestätigt auch eine Untersuchung im Rahmen einer Dissertation, die 2016 veröffentlicht wurde und hier nachzulesen ist. Trotzdem stößt das Angebot der Außerklinischen Ethikberatung zuweilen auch auf Ablehnung. „Es ist eben ein schwieriges Thema, und mein Eindruck ist, dass Betroffene gelegentlich vor der Anrufung der Außerklinischen Ethikberatung zurückschrecken, weil sie befürchten, sich dann vor einer Art Tribunal verantworten zu müssen“, sagt Dr. Wienert. Die Auszeichnung mit dem Bayerischen Gesundheitspreis könnte die Außerklinische Ethikberatung und wie sie arbeitet bekannter machen und auch Nachahmer finden, hofft er. Er und seine Teamkollegen sind natürlich auch stolz, aus den vielen beeindruckenden nominierten Projekten für den Preis ausgewählt worden zu sein.

Weitere Informationen zur Außerklinischen Ethikberatung finden interessierte hier auf der Projekt-Website.

Das Bayerische Gesundheitsministerium stellt in einer Broschüre die diesjährigen Preisträger sowie die nominierten Projekte vor. Die Broschüre steht hier zum Download bereit.

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