„Schuster, bleib bei deinem Leisten!“

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Im Interview geht Dr. Dieter Geis, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, auf aktuelle berufspolitische Themen ein, darunter auch Bestrebungen sogenannter grundversorgender Fachärzte oder medizinischer Assistenzberufe, Teile der hausärztlichen Tätigkeit zu übernehmen. In seinen Augen keine probaten Maßnahmen gegen den Hausärztemangel.

Dr. Geis März 2016 kZum Vergrößern bitte klicken.

Ein zentrales gesundheitspolitisches Thema im ersten Halbjahr 2017 war der Masterplan Medizinstudium 2020, der  nach zähem Ringen verabschiedet wurde und die Allgemeinmedizin im Studium stärken soll. Ein großer Wurf?

Dr. Geis: Der Masterplan Medizinstudium 2020 enthält viele gute Ansätze. So ist zum Beispiel vorgesehen, das Medizinstudium praxisnaher zu gestalten, Sozialkompetenzen der jungen Mediziner zu stärken und die Allgemeinmedizin zum Prüfungsfach im Staatsexamen zu machen. Ferner müssen die Medizinstudierenden künftig einen PJ-Abschnitt in der ambulanten Versorgung  verbringen. Auch soll es an allen medizinischen Fakultäten künftig  Lehrstühle für Allgemeinmedizin geben.

Gerade für dieses letztgenannte Ziel des Masterplans setzt sich der Bayerische Hausärzteverband schon seit Jahren – und mit Blick auf die neu entstanden allgemeinmedizinischen Lehrstühle in Bayern – ja auch erfolgreich ein. Die vorgesehene Reform des Zugangs zum Medizinstudium und die Veränderung der  Auswahlkriterien sehen wir ebenfalls positiv. Auch das hat die Delegiertenversammlung des Bayerischen Hausärzteverbandes immer wieder gefordert.

Leider ist die Finanzierung all dieser Maßnahmen bislang noch nicht abschließend gesichert, was die Umsetzung des Masterplans gefährden könnte. Der Bayerische Hausärzteverband fordert daher eine schnelle und faire Klärung dieser Frage. Alle Beteiligten – Bund und Länder, aber auch die Hochschulen - müssen hier ihren Beitrag leisten. Keiner darf sich aus der Verantwortung stehlen, wenn es um die Sicherung der hausärztlichen Versorgung einer immer älter werdenden Bevölkerung geht. Auch die Hochschulen dürfen sich nicht länger im Elfenbeinturm der Forschung verstecken. Sie sind ein wichtiger Teil im Rahmen der Ausbildung der künftigen Allgemeinmediziner und tragen damit auch versorgungspolitisch eine Mitverantwortung.

Bayern schafft zusätzliche Medizinstudienplätze: In Augsburg sollen ab dem Wintersemester 2019/2020 die ersten Medizinstudierenden in einem Modell-Studiengang ausgebildet  werden. Mit einem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin will sich die Universität Augsburg nach den derzeitigen Plänen aber noch weitere drei Jahre Zeit lassen. Wie bewerten Sie das?

Dr. Geis: Dass Bayern zusätzliche Medizinstudienplätze anbietet, ist in jeden Fall zu begrüßen. In Anbetracht der aktuellen Situation ist es jedoch nicht nachvollziehbar, dass die Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin auf die lange Bank geschoben werden soll. Im Masterplan Medizinstudium 2020 wird die Stärkung der Allgemeinmedizin in den Fokus gerückt, und an der neu gegründeten Medizinischen Fakultät soll sie wieder hinten angestellt werden. Das ergibt keinen Sinn. Wir werden von Verbandsseite her alles dafür tun, damit die medizinische Fakultät in Augsburg mit einem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an den Start gehen kann.

Wo sehen Sie die wichtigsten Ansatzpunkte, um die Hausarztmedizin für den Nachwuchs attraktiver zu machen?

Dr. Geis: Selbstverständlich  ist es sehr wichtig, die Allgemeinmedizin im Studium zu stärken und die Studierenden schon frühzeitig mit der Allgemeinmedizin in Berührung zu bringen. Aber damit darf es nicht aufhören. Die Rahmenbedingungen der hausärztlichen Tätigkeit müssen stimmen, das heißt weniger Bürokratie und belastende Bereitschaftsdienste und ein sicheres, angemessenes Honorar.

Mit der Bereitschaftsdienstreform und einer flächendeckenden Hausarztzentrierten Versorgung sind wir diesbezüglich in Bayern schon gut aufgestellt. Zudem ist die Berufsausübung für Hausärzte auch durch die Möglichkeit fachgruppengleicher und damit rein hausärztlicher MVZ – eine langjährige Forderung des Bayerischen Hausärzteverbandes, die mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz 2015 umgesetzt wurde – noch flexibler geworden. Dies entspricht den Wünschen der jungen Ärztegeneration und schafft auch für die Kolleginnen und Kollegen, die ihren Ruhestand planen,  mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Von niedergelassenen Ärzten wird die Möglichkeit, angestellt tätig zu werden, zum Beispiel in einem MVZ, zunehmend genutzt. Langfristig ein Problem?

Dr. Geis: Eine Anstellung kann den Einstieg in die Niederlassung erleichtern. Die jungen Kolleginnen und Kollegen können  Erfahrung sammeln und Sicherheit gewinnen. Deshalb muss es diese Möglichkeit auch geben. Der Goldstandard bleibt aber die Freiberuflichkeit und damit die Tätigkeit als niedergelassene Hausärztin oder niedergelassener Hausarzt in eigener Praxis – alleine oder gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen. Nur hier können die Hausärztinnen und Hausärzte unabhängig arbeiten und laufen nicht Gefahr, z.B. Rücksicht auf die Interessen einer profitorientierten Konzernleitung nehmen zu müssen.

Aber damit sich junge Mediziner auf eine Niederlassung in eigener Praxis – alleine oder mit Kolleginnen und Kollegen – einlassen, brauchen sie Planbarkeit und wirtschaftliche Sicherheit. Hier kommt wieder die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) oder Hausarztverträge ins Spiel.
Deshalb sehen wir Politik und Krankenkassen in der Pflicht, diese Versorgungsform, die nachweislich die Patientenversorgung verbessert, den Stellenwert des Hausarztes als Schlüsselfigur in der medizinischen Versorgung stärkt und ihm ein adäquates und kalkulierbares Honorar garantiert, zu fördern, beispielsweise durch Anreize für Patienten, sich in den Hausarztvertrag ihrer Kasse einzuschreiben.

An welche Anreize denken Sie?

Dr. Geis: Das kann zum Beispiel ein vergünstigter Versicherungstarif sein, eine Bonuszahlung oder die Befreiung von Medikamentenzuzahlungen. Schließlich entlasten Patienten, die sich für die HzV entscheiden, das Gesundheitssystem, indem sie bei gesundheitlichen Problemen immer zuerst ihren Hausarzt aufsuchen. Im Klartext heißt das: Kein Ärzte-Hopping, weniger Doppeluntersuchungen und unnötige Krankenhauseinweisung, mehr Prävention. Wer an der HzV teilnimmt, geht Studien zufolge beispielsweise regelmäßiger zu Vorsorgeuntersuchungen und nimmt Schutzimpfungen eher wahr.

Das SGB V sieht schon jetzt die Möglichkeit vor, die HzV durch solche Bonuszahlungen zu fördern. So zahlt die Bosch BKK ihren HzV-Versicherten 40 EUR im Jahr oder die AOK Baden-Württemberg gewährt Zuzahlungsbefreiungen. Leider folgen in Bayern noch zu wenige Kassen diesen positiven Beispielen.

Der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) hat kürzlich in einem „Grundsatzpapier“ gefordert, sogenannten grundversorgenden Fachärzten hausärztlich Aufgaben wie die Koordination der Versorgung bei „unimorbiden“ Patienten zu übertragen, und hat dies unter anderem mit dem Hausärztemangel begründet. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Dr. Geis: Fachärzte können keine hausärztlichen Leistungen übernehmen, weil sie dafür schlicht nicht ausgebildet sind.  Um Symptome einordnen zu können – auch wenn diese nur einen Bereich/eine Körperregion betreffen – braucht man den ganzheitlichen Ansatz des Hausarztes. Abgesehen davon kann der „unimorbide Patient“ weitere bzw. Folgeerkrankungen entwickeln, die vom Spektrum des Spezialisten nicht abgedeckt sind. Solche Vorschläge sind nicht die Lösung, im Gegenteil, sie gefährden die Patienten. Da kann ich nur sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Ein Thema, das auf dem Deutschen Ärztetag im Mai und auch danach immer wieder diskutiert wurde, ist die Einführung eines Facharztes für Geriatrie. Könnte sich dadurch die Versorgung von Patienten mit geriatrischen Erkrankungen verbessern?

Dr. Geis: Eine weitere Zersplitterung der Versorgung durch das Kreieren eines neuen Spezialisten verbessert die Versorgung nicht, sondern macht sie schlechter.  Die Geriatrie ist ein Querschnittsfach, mit dem jede Fachrichtung konfrontiert ist, schließlich können geriatrische Erkrankungen ganz unterschiedliche Spezialisten erforderlich machen.

Wichtig ist doch, dass der Hausarzt, der die Patienten oft jahrzehntelang betreut, ihr Vertrauen genießt und ihre Krankengeschichte kennt, auch beim Auftreten von Alterserkrankungen erster Ansprechpartner bleibt. Dafür bringen Hausärzte durch ihre Ausbildung, in der die Geriatrie fester Bestandteil ist, und durch ihre Erfahrung die nötige Kompetenz mit. Im Hausarzt vor Ort haben alte Menschen ein niederschwelliges Versorgungsangebot, das erhalten werden muss.

Telemedizin ist ein Schlagwort, das immer häufiger in den Medien auftaucht. Können telemedizinische Anwendungen gegen den Hausärztemangel helfen?

Dr. Geis: Eins muss klar sein: Telemedizin kann den Hausarzt vor Ort nicht ersetzen, sie hat aber das Potenzial, ihn zu entlasten. Ein gutes Beispiel ist das Modell „TeleArzt“, dessen Umsetzung in Bayern langsam anläuft. Dabei wird eine zur Versorgungsassistentin der der Hausarztpraxis (VERAH) fortgebildete Medizinische Fachangestellte mit dem „Tele-Rucksack“ ausgestattet, der  mobile Diagnosegeräte wie Pulsoximeter  und Spirometer enthält sowie einen Tablet-PC. Damit kann sie Messergebnisse direkt an die Hausarztpraxis schicken und den Arzt, falls nötig, per Videotelefonie dazu schalten. Wenn er gebraucht wird, ist der Hausarzt so beim Hausbesuch dabei, ohne die Praxis zu verlassen.
Wichtig bei solchen Modellen ist, dass hier an eine Praxisangestellte delegiert wird. Der Hausarzt bleibt so Herr der Behandlung; es wird keine neue Schnittstelle eröffnet.

Auf dem Deutschen Ärztetag in Freiburg wurde auch über die Akademisierung der medizinischen Assistenzberufe diskutiert. Könnte beispielsweise ein Physician Assistant  künftig  Aufgaben der Hausärzte übernehmen?

Dr. Geis: Der Deutsche Ärztetag hat sich klar dafür ausgesprochen, dass Studiengänge wie der Physician Assistant kein grundständiges Studium, sondern ein Weiterbildungsstudium für nichtärztliche Gesundheitsberufe wie beispielsweise Medizinische Fachangestellte bleiben soll. Mit anderen Worten: Es soll kein Arztersatz oder „Hausarzt light“ geschaffen werden. Vielmehr geht es um einen hochqualifizierten Assistenzberuf, der auf Weisung des Arztes tätig wird und diesen gezielt entlastet.

Vor Bestrebungen, die ärztliche Therapiehoheit auszuhebeln, warne ich ausdrücklich. In Deutschland haben Mediziner ein komplexes Studium und anschließend eine langjährige Weiterbildung absolviert; daher sollten sie auch Herr der Behandlung bleiben.  Alles andere würde die hohe Qualität der medizinischen Versorgung in Deutschland gefährden. Auch hier kann ich nur wieder sagen: Schuster bleib bei deinem Leisten!

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