Transitionsmedizin: Hausärzte meist außen vor

Veröffentlicht am .

Dr. Bernhard Riedl webZum Vergrößern bitte klicken.

Wenn chronisch kranke Jugendliche von der pädiatrischen Betreuung in die Erwachsenenversorgung wechseln, brauchen sie besondere Unterstützung. Hier setzt die Transitionsmedizin an. Sie zu fördern, hat sich die Deutsche Gesellschaft für Transitionsmedizin zur Aufgabe gemacht. An deren 6. Kongress Mitte November in München nahm Dr. med. Dipl.-oek. Bernhard Riedl, Lehrbeauftragter der TUM und Mitglied im ehemaligen Ausschuss Pädiatrie des Deutschen Hausärzteverbandes, als Referent teil und vertrat den Bayerischen Hausärzteverband in einer Podiumsdiskussion. Im Interview erklärt er, warum die transitionsmedizinische Versorgung in Deutschland ausgebaut werden muss und Hausärztinnen und Hausärzte bei entsprechenden Projekten eigentlich eine zentrale Rolle spielen sollten – es bislang aber nicht tun.

Warum ist Transition ein wichtiges Thema?

Dr. med. Dipl.-oek. Riedl: Wir wissen aus Studien, dass sich der Krankheitsverlauf bei Kindern beziehungsweise Jugendliche mit chronischen Erkrankungen beim Wechsel von der kinder- und jugendärztlichen Betreuung in die Erwachsenenversorgung oft verschlechtert, vor allem, wenn der Übergang nicht koordiniert und gesteuert erfolgt. Und die Zahl der Betroffenen ist größer, als man vielleicht annehmen mag. Rund 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden an einer chronischen Erkrankung wie beispielsweise Rheuma, Diabetes, Asthma oder ADHS.

Wie sind die schlechteren Krankheitsverläufe beim Wechsel der Versorgung zu erklären?

Dr. med. Dipl.-oek. Riedl: Die betroffenen Jugendlichen sind es von Kind auf gewohnt, Anweisungen zu befolgen. Andere managen ihre Krankheit für sie, sagen ihnen, was wann zu tun ist. In der erwachsenenorientierten Versorgung wird von ihnen plötzlich erwartet, dass sie selbst Verantwortung übernehmen. Viele der Jugendlichen haben das nicht gelernt und verfügen noch nicht über die erforderliche Selbstständigkeit im Umgang mit ihrer Erkrankung. Hinzu kommt, dass dieser Übergang von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin in eine ohnehin schwierige Zeit fällt, in der sich jeder Jugendliche – auch ohne den Zusatzballast einer chronischen Erkrankung - mit Pubertätsproblemen herumschlagen muss. Deshalb ist es besonders wichtig, dass der Übergang koordiniert erfolgt und die Jugendlichen darauf vorbereitet werden. Darin sieht die Transitionsmedizin ihre Aufgabe.

Wie arbeitet die Transitionsmedizin?

Dr. med. Dipl.-oek. Riedl: Es geht wie gesagt darum, den Jugendlichen zu vermitteln, wie sie selbst Verantwortung für ihre Krankheit übernehmen können. Das geht am besten im Team aller, die an der medizinischen Versorgung des Betreffenden beteiligt sind, also auch nichtärztliche Gesundheitsberufe wie zum Beispiel Ergotherapeuten oder Sozialarbeiter. Bewährt haben sich Transitionskonferenzen, in denen man gemeinsam eine Aufbauphase mit Schulungen für die Jugendlichen abstimmt, die ihnen all das vermitteln, was sie zum selbstständigen Umgang mit ihrer Erkrankung wissen müssen. Dabei sind natürlich auch alle relevanten Informationen vom Kinder- und Jugendarzt an den Erwachsenenarzt zu übergeben. Gut bei den Jugendlichen kommen zum Beispiel „Transitionscamps“ an, in denen interdisziplinäre Workshops mit Aktivitäten kombiniert werden. Ein großes Problem sehe ich aber darin, dass Hausärzte bei den wenigen Modellen zur Transitionsmedizin, die es bislang in Deutschland gibt, keine Rolle spielen, obwohl ihnen in der weiteren Versorgung der jungen Erwachsenen eine zentrale und koordinierende Rolle zukommt – nicht nur bei Weiterbehandlung der chronischen Erkrankung. Schließlich nehmen Kinder und Jugendliche den Hausarzt ja auch regelmäßig für andere Beratungsanlässe in Anspruch – wie jeder andere auch.

Woran liegt das?

Dr. med. Dipl.-oek. Riedl: Das liegt sicher auch an dem Vorurteil vieler Pädiater, wonach Hausärzte Kinder nicht versorgen können, und an Krankenkassen, die sich dem beugen. So haben außerhalb Bayerns viele Krankenkassen ausschließlich mit Kinder- und Jugendärzten Verträge über die Erbringung der Gesundheitsuntersuchungen U10 und U11 abgeschlossen. In Bayern ist das glücklicherweise nicht so. Diese Einstellung geht auch an der Realität vorbei; schon ab 12 ist die Mehrheit der Kinder bei einem Hausarzt und nicht mehr beim Kinderarzt in Behandlung. Darin liegt ein weiteres Problem: Wir haben in Deutschland nicht nur zu wenige transitionsmedizinische Angebote, diese setzen auch zu spät an, nämlich erst mit 17, 18 oder 19 Jahren. Besser wäre, Jugendlichen ab 16 entsprechende Angebote zu unterbreiten mit dem Hausarzt als künftigen zentralen Ansprechpartner.

Gibt es Fortbildungsangebote, die das Thema Transitionsmedizin in der Hausarztpraxis vertiefen?

Dr. med. Dipl.-oek. Riedl: Ja, die gibt es. Das IhF bietet das Modul Transitionsmedizin schon seit Jahren über Qualitätszirkel an. Die Teilnahme lohnt sich, auch wenn wir als Hausärzte per se darauf geschult sind, Menschen jeden Alters kompetent zu betreuen. In diesen Fortbildungen wird der Fokus aber nochmal ganz speziell auf den medizinischen Beratungs- und Schulungsbedarf gelegt, den chronisch kranke Jugendliche bei Übergang in die Erwachsenenversorgung haben.

Kontakt

HzV: Vertragsinhalte

Tel 089 1273927-30 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

HzV: Abrechnung

Tel 02203 57561111 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Fortbildungsveranstaltungen

Tel 089 1273927-50 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Verbandsmitgliedschaft

Tel 089 1273927-10 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Hausarzt Patienten Magazin

Heft HA17 10 Titel R05 webHier finden Sie die bisherigen Beihefter des Bayerischen Hausärztever- bandes
und Ihr Bestellformular.

medCAST

medcast

Prof. Montag über Big Data in Wissenschaft und Medizin

Newsletter bestellen

icon mailAbonnieren Sie
unsere BHÄVnews.