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"Ich erwarte auch von Patientenseite in dieser außergewöhnlichen Zeit Solidarität"

Im Interview äußert sich Dr. Markus Beier, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, zur aktuellen Corona-Lage. Dabei appelliert er auch an Patienten, Geduld zu zeigen beim Termin für die Zweitimpfung - auch im eigenen Interesse.

 
Dr. Markus Beier
Dr. Markus Beier, 
Landesvorsitzender
des Bayerischen Hausärzteverbandes

Herr Dr. Beier, die Corona-Pandemie dominiert weiterhin den Alltag, aber es gibt Hoffnung. Seit Ende März impfen die bayerischen Hausärztinnen und Hausärzte im Regelbetrieb gegen eine Covid-Infektion. Wie ist die Lage?

Dr. Markus Beier: Stand 7. Mai 2021 wurden bereits über 1,3 Millionen Impfdosen in niedergelassenen Praxen in Bayern verimpft. Dies ist eine hervorragende Leistung, der größter Respekt gebührt und Dank all jenen schuldet, die sich daran beteiligt haben. Aber diese Zahl ist auch Ausdruck einer großen Kraftanstrengung, die neben dem normalen Praxisalltag geleistet werden muss. Wir alle kennen die Widrigkeiten rund um Impfstoffbestellung, Beratung und Impfung zu Genüge. In einzelnen Bereichen sind definitiv Grenzen erreicht, auf die wir als Berufsverband mit Ruhe und Entschlossenheit hinweisen müssen. Pandemiebekämpfung erfordert von allen Beteiligten gegenseitige Rücksichtnahme, aber auch großes Engagement.

Gehört zu diesem Engagement auch, dass in allen Praxen geimpft wird?

Dr. Markus Beier: Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind die Impfprofis, deshalb ist es wichtig, dass sich alle hausärztlichen Praxen an der Impfkampagne beteiligen – auch aus Solidarität gegenüber den bereits impfenden Kolleginnen und Kollegen. In den bayerischen Hausarztpraxen gibt es sehr viele Best-Practice-Beispiele, die zeigen, wie die Impfungen organisiert werden können. Kollegen, die hier Unterstützung benötigen, stehen wir gerne mit Rat und Tat zur Seite. Außerdem veröffentlichen sowohl die KBV als auch die KVB regelmäßig äußerst hilfreiches Informationsmaterial.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Impfzentren?

Dr. Markus Beier: Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind ein wesentlicher Teil der Impfallianz in Bayern. Um in der Pandemiebekämpfung voran zu kommen, müssen wir breit aufgestellt sein – zuvorderst in den niedergelassenen Praxen als Hauptort des Impfens, aber bis zum Erreichen einer noch deutlich höheren Durchimpfungsrate weiterhin auch in den Impfzentren. Nur so werden Hausärztinnen und Hausärzte die Doppelbelastung aus Impfkampagne und hausärztlicher Versorgung meistern. Dabei muss gelten: Die erste und zweite Impfung eines Patienten gehören grundsätzlich in eine Hand, und in den Praxen muss jeder Impfstoff in ausreichender und planbarer Menge zur Verfügung stehen.

Vor allem über den Impfstoff AstraZeneca reißt die öffentliche Diskussion nicht ab. Wie empfinden Sie diese Dauer-Debatte?

Dr. Markus Beier: Vorab: AstraZeneca bietet einen hervorragenden Schutz vor einer lebensbedrohlichen oder gar tödlichen Covid-Infektion. Dieser Schutz überwiegt bei weitem die schweren, aber äußerst seltenen Nebenwirkungen. Bei AstraZeneca haben sich zwei Rahmenbedingungen aktuell geändert. Erstens, es gibt keine Priorisierung mehr. In Bayern übrigens seit zwei Wochen, im Bund seit 6. Mai. Zweitens: Aus der Empfehlung der STIKO, AstraZeneca nur an über 60Jährige zu verimpfen, resultierte die Befürchtung unter Ärzten, sie könnten haftbar gemacht werden, wenn sie AstraZeneca an Jüngere verimpfen. Auch hier wird es jetzt eine gesetzliche Klarstellung im Infektionsschutzgesetz geben. Ist eine umfängliche ärztliche Beratung und Aufklärung erfolgt, greift im Falle eines Impfschadens die sogenannte Staatshaftung.

Auch wenn AstraZeneca im Umkehrschluss für über 60Jährige ausdrücklich empfohlen wird, gibt es Patienten, die diesen Impfstoff ablehnen.

Dr. Markus Beier: Der aktuelle Durchimpfungsstand bei den 60- bis 70jährigen ist in der Tat noch sehr unbefriedigend. Da gerade in dieser Altersgruppe das Risiko einer schweren Covid-Infektion rapide ansteigt, ist eine schnellstmögliche Impfung dringend angeraten. Es ist aber nicht immer die Sorge vor einer äußerst seltenen Nebenwirkung, warum einige Patienten AstraZeneca ablehnen. Immer mehr spielt auch die Urlaubs- oder Freizeitplanung eine Rolle. Die Zweitimpfung, die der Einstieg zurück ins normale Leben ist, soll bei AstraZeneca bestenfalls erst nach zwölf Wochen erfolgen. Minimum sollten neun Wochen Abstand sein. Das mag dem einen oder anderen zu lang sein, aber ich erwarte auch von Patientenseite in dieser außergewöhnlichen Zeit Solidarität. Dies gilt auch für den Impfstoff selbst. Wir brauchen jede Impfdosis. Wer meint, Rosinenpickerei betreiben zu können, schadet Mitmenschen.

Man hört immer wieder, dass Patienten bitten, den Abstand bis zur zweiten Impfung deutlich zu verkürzen. Wie sollen man als Hausarzt reagieren?

Dr. Markus Beier: Im Einzelfall können bei schwerwiegenden Gründen wie anstehenden Chemotherapien Unterschreitungen sinnvoll sein. Urlaubsplanungen fallen aber sicherlich nicht darunter. Wissenschaftlich belegt ist, dass bei AstraZeneca ein Unterschreiten des 12-Wochen-Abstand mit einer deutlichen Verschlechterung der Schutzwirkung einher geht. Das kann weder im Interesse des Arztes noch des Patienten sein.

Wie können Patienten später belegen, dass sie beide Impfungen erhalten oder eine Covid-Infektion überstanden haben? Man hört immer wieder vom „Grünen Pass“, der das Ticket zurück ins normale Leben sein soll.

Dr. Markus Beier: Was Patienten neben dem gelben, internationalen Impfpass oder einem Ausdruck eines positiven PCR-Befunds bei vorheriger Erkrankung noch benötigen, hat die Politik noch nicht abschließend geklärt. Es bleibt dabei: Hausarztpraxen sind Orte der medizinischen Prävention und Heilbehandlung. Wir sind keine ausgelagerten Passämter.

 

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