Juli 2013

Im Juli geht die Gesundheits-Zitrone an die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE) für die Verharmlosung der verheerenden Wirkung, die Prüfverfahren und Regresse für Ärzte und Patienten haben.

 München, 29. Juli 2013 – Regress - schon der Begriff ist eine Täuschung. Regress heißt Rückkehr, könnte also dafür stehen, dass ein Arzt das Geld zurückzahlen muss, das er zu Unrecht eingenommen hat.

Dem ist aber nicht so. Das existenzbedrohende Damoklesschwert Regress droht jenen Ärzten, die ihren Patienten mehr Medikamente oder Therapien verordnen als der Durchschnitt. Was unter anderem daran liegen kann, dass sie als Vollversorger-Praxen mehr alte und chronisch-kranke Menschen versorgen als Spezialpraxen, die nur einzelne Behandlungen anbieten.

Doch damit nicht genug: Der über Sein und Nicht-Sein entscheidende Durchschnittswert wird erst rückwirkend ermittelt. Jede Verschreibung wird also für den Arzt zum unkalkulierbaren persönlichen Risiko, da er nicht wissen kann, wo der Durchschnitt in der Zukunft liegen wird. Und am Ende haftet er mit seinem Privatvermögen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern verteidigt dagegen das Damoklesschwert Regress und spricht verharmlosend von einer „Wirtschaftlichkeitsprüfung bei Arzneimittelverordnungen", die angeblich ein wichtiges Instrument sei, „um dem wirtschaftlichen Umgang mit Versichertengeldern gerecht zu werden".

Wirtschaftlicher Umgang mit Kranken? Ein Fall von vielen: Ein Facharzt für Lungenkrankheiten geriet in die Regressmühle, weil er überdurchschnittlich viele Schwerkranke hatte. Der Grund: Die Praxis des anderen Kollegen am Ort lag im 2. Stock, einen Fahrstuhl gab es dort nicht, und auch keine Parkplätze vor dem Haus. Die Schwerstlungenkranken wechselten daraufhin zu der Praxis, wo es Aufzug und Parkplätze gab. Folge: Der Pneumologe wurde wegen angeblich „unwirtschaftlichem" Verhaltens mit einem Regress-Verfahren überzogen und wusste sich am Ende nicht mehr anders zu helfen, als keine neuen Schwerkranken als Patienten anzunehmen.

In einem anderen Fall wollte ein Landarzt, der die Suche nach einem Nachfolger längst aufgegeben hatte, die letzten Jahre vor dem Ruhestand den Praxisbetrieb langsam herunterfahren. Er nahm deshalb keine neuen Patienten mehr an und behandelte nur noch seine langjährigen Stamm-Patienten. Doch die waren mit dem Landarzt in die Jahre gekommen und deshalb kränker als der Durchschnitt. Folge: Regress in sechststelliger Höhe wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit. Der Landarzt schloss daraufhin seine Praxis und arbeitete die letzten Berufsjahre in einer Festanstellung.

Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände erzählt, dass 2012 in Bayern insgesamt „nur" 1.594 neue Prüfverfahren eingeleitet worden sind. Unabhängig von der Wertung, ob dies viele oder wenige sind, ist die Wirkung verheerend: Jeder Arzt weiß, dass er mit jeder einzelnen Verordnung seine Existenz aufs Spiel setzt und muss deshalb entsprechend übervorsichtig agieren. Am Ende zahlen deshalb nicht nur Ärzte, sondern Patienten die Zeche.

Für soviel patienten- und versorgungsfeindliche Zahlenspiele verleiht der Bayerische Hausärzteverband deshalb der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern die „Gesundheits-Zitrone" des Monats Juli.

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Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht nur schwer durchschaubar und ineffizient, sondern zunehmend auch ungerecht und inhuman. Mit der „Gesundheits-Zitrone des Monats" macht der Bayerische Hausärzteverband die schlimmsten Auswüchse öffentlich.

Ansprechpartner Presse:
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Die "Juli-Zitrone" als PDF