August 2014

München, 7. August 2014 –  Was tun gegen den drohenden Hausarzt-Mangel? Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und selbst Orthopäde mit Praxissitz nahe der noblen Düsseldorfer Königsallee, hat da ein einfaches Rezept. „Patienten haben künftig möglicherweise auch einmal verstärkt Fachärzte als erste Ansprechpartner“, zitiert ihn die Deutsche Presseagentur. Laut Gassen könnten beispielsweise Diabetologen die Versorgung von Diabetikern steuern, Kardiologen die Versorgung Herzkranker. In diesem Zusammenhang spricht er von „grundversorgenden Fachärzten“.

Ein im Grunde widersinniger Begriff, denn „grundversorgende Fachärzte“ können eigentlich nur die Fachärzte für Allgemeinmedizin sein, also die Hausärztinnen und Hausärzte. Gassens Geistesblitz ist ohne Frage populistisch, aber zu Ende gedacht ist er nicht - und im Interesse der Patienten erst recht nicht. Dass der Patient seinen Hausarzt vielleicht gar nicht gegen ein, wie auch immer geartetes, grundversorgendes Spezialisten-Netz eintauschen möchte, ignoriert Herr Gassen einfach.

Aber selbst im Falle des Falles würde die Gassen-Rechnung nicht aufgehen. Besonders dramatisch sind die Lücken in der wohnortnahen hausärztlichen Versorgung nämlich auf dem Land. Und dort gibt es weit und breit keine Fachärzte, mit denen man diese Lücken stopfen kann.

Der einzige Weg, die drohende Versorgungskatastrophe zu vermeiden, ist eine Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems zu einem Primärarztsystem unter hausärztlicher Führung. Wenn die Hausärzte die Behandlung im System wirklich steuern können, müssen Patientinnen und Patienten nicht mehr von einem Facharzt zum anderen geistern. Das ist nicht nur im Interesse der Patienten, sondern auch für die Solidargemeinschaft erheblich günstiger. Und es stärkt die Rolle des Hausarztes, die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten und ist damit die beste Nachwuchswerbung, die man sich für den eigentlich schönsten Beruf der Welt vorstellen kann.

Was der KBV-Chef mit seinem Prinzip der „grundversorgenden Fachärzte“ da vorschlägt, ist nicht nur ein Placebo, das ungeeignet ist, um eine flächendeckende wohnortnahe ambulante medizinische Versorgung in Stadt und Land für die Zukunft zu sichern. Es hat auch gefährliche Nebenwirkungen, die den Hausärztemangel noch zusätzlich verschärfen könnten. Denn wenn die Spezialisten die Grundversorgung in Teilen mit übernehmen, könnte dies das Ende getrennter Honorartöpfe für Haus- und Fachärzte bedeuten. Dann drohen Honorarverschiebungen zugunsten der Fachärzte, die den Beruf des Hausarztes für den medizinischen Nachwuchs nicht eben attraktiver machen.

Das müsste auch Herrn Gassen klar sein. Für seinen kontraproduktiven Vorschlag zulasten der Patienten verleiht der Bayerische Hausärzteverband dem KBV-Vorsitzenden Dr. Andreas Gassen die gesundheitspolitische Zitrone für den Monat August 2014.

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Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht nur schwer durchschaubar und ineffizient, sondern zunehmend auch ungerecht und inhuman. Mit der „Gesundheits-Zitrone des Monats“ macht der Bayerische Hausärzteverband die schlimmsten Auswüchse öffentlich.


Ansprechpartner Presse:
Torsten Fricke, Mobil 0171/41 58 329
Heike Blümmel,Tel. 089/127 39 27 12

Die "August-Zitrone" 2014 als PDF