Februar 2016

 München, 4. Februar 2015 – „Hier kämpfst Du für Deine Patienten. Nicht für den Profit“, lässt die Bundeswehr in ihrer aktuelle Werbekampagne eine Assistenzärztin sagen. Und weiter jubelt die junge Frau ganz im Geiste ihres Arbeitgebers, sie habe „mehr Zeit für den einzelnen Patienten“ und wolle den „vielen Menschen zeigen, wie ideal die Arbeitsbedingungen im medizinischen Bereich hier sind.“

„Zeit haben“ ist in der Tat etwas, was die medizinische Behandlung bei der Bundeswehr auszeichnet, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang als es uns die grünen Werbemanager glauben lassen wollen. So schreibt der Wehrbeauftragte Dr. Hans-Peter Bartels in seinem aktuellen Bericht an den Bundestag:

„Erkrankte berichteten wiederholt, dass wegen fehlenden Assistenzpersonals Sanitätseinrichtungen, wenn überhaupt, nur schlecht telefonisch erreichbar waren, so dass eine taggleiche Terminvergabe nicht immer möglich war und längere Wartezeiten in Kauf genommen werden mussten. In einem Fall bemängelte ein Soldat die zu langen Wartezeiten sowohl bei der Beschaffung erforderlicher Medikamente als auch bei der truppenzahnärztlichen Versorgung am Standort. Die vom Petenten angeforderte Medikamentenlieferung hatte sich um sechs Monate verzögert.“

Sechs Monate für ein Medikament – ein unglaublicher Skandal, aber offenbar kein Einzelfall. So rügt der Wehrbeauftragte, dass der Sanitätsdienst der Bundeswehr massiv unterbesetzt ist und deshalb ohne zivile Unterstützung nicht auskommt:

„In den Fachgebieten der Humanmedizin wurde im Jahr 2015 insgesamt ein Personalfehl von knapp 300 Fachärzten errechnet. Um die Unterbesetzung im klinischen Bereich zumindest zum Teil aufzufangen, mussten der Personalpool des Ergänzungspersonals Einsatz ausgeschöpft und Assistenzärzte im letzten Weiterbildungsjahr sowie zivile Vertragsärzte eingesetzt werden.“

Doch offenbar, so rügt der Wehrbeauftrage weiter, leiden nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte bei der Bundeswehr. Ein Problem sei nämlich, so der Wehrbeauftragte, „dass mehr als zehn Prozent der Sanitätsoffiziere jährlich nach erfolgreichem Abschluss des Studiums nachträglich den Dienst verweigern“. Und in einem die Lage noch beschönigenden Amtsdeutsch heißt es, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten nicht für alle Sanitätsoffiziere attraktiv und damit erstrebenswert ist“.

„Ideale Arbeitsbedingungen“, wie es die Bundeswehr in ihrer vom Steuerzahler finanzierten Kampagne verspricht, schauen wohl anders aus. Dies ist bedauerlich und wird deshalb zu recht vom Wehrbeauftragten gerügt.

Nicht nachvollziehbar ist es aber, dass die Bundeswehr aus purer Verzweiflung alle zivilen Ärztinnen und Ärzte diskreditiert, die ebenfalls mit großem persönlichen Engagement für ihre Patienten kämpfen. Einziger Unterschied: Im zivilen Leben muss wohl kein Patient sechs Monate auf ein dringend benötigtes Medikament warten.

Für so viel irreführende Propaganda erhält die Bundeswehr deshalb vom Bayerischen Hausärzteverband die gesundheitspolitische Zitrone für den Monat Februar 2016.

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Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht nur schwer durchschaubar und ineffizient, sondern zunehmend auch ungerecht und inhuman. Mit der „Gesundheits-Zitrone des Monats“ macht der Bayerische Hausärzteverband die schlimmsten Auswüchse öffentlich.

Ansprechpartner Presse:
Torsten Fricke, Mobil 0171/41 58 329
Heike Blümmel, Telefon 089/127 39 27 12

Die "Februar-Zitrone" 2016 als PDF