AMTHO: Regressforderung trotz neun Medikamenten pro Tag

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An einem Beispiel aus Erlangen wird deutlich, dass die AOK die Abrechnung der Leistung AMTHO (Arzneimitteltherapieoptimierung) auch in Fällen beanstandet hat, in denen die Abrechnungsvoraussetzung klar erfüllt sind.

Ella K. NLZum Vergrößern bitte klicken.

Ella K. ist schwer lungenkrank und leidet infolgedessen auch an Bluthochdruck. Die 54-Jährige muss deshalb täglich neun Medikamente mit insgesamt elf Wirkstoffen einnehmen. „Die Therapie hat Gott sei Dank angeschlagen. Aber mehrere Medikamente gleichzeitig zu verordnen, ist immer eine besondere Herausforderung, da sich Wirkungen verstärken oder aufheben können“, erklärt ihr behandelnder Hausarzt Dr. Markus Beier. Regelmäßig untersucht der Erlanger Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin deshalb seine Patientin und überprüft Medikamente und  Dosis.

Für Patienten, die sich in einen Hausarztvertrag eingeschrieben haben, gehört dieser wichtige Check zu der besonderen medizinischen Betreuung, die sie bei ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin erfahren. So ist diese regelmäßige Medikamentenüberprüfung beispielsweise im Hausarztvertrag der AOK Bayern als Arzneimitteltherapieoptimierung (AMTHO) garantiert und richtet sich an Patienten, die dauerhaft mindestens sechs verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen.

Als AOK-Versicherte hatte sich Ella K. in den Hausarztvertrag eingeschrieben, auch damit ihr behandelnder Hausarzt regelmäßig ihre Medikamente überprüft und über die AMTHO-Leistung honoriert bekommt. Doch obwohl Ella K. täglich sogar 9 Medikamente einnehmen muss, schickte die AOK Bayern ihrem Arzt eine Regressforderung. „Das ist ein Skandal, der sich gerade tausendfach in Bayern wiederholt“, empört sich Dr. Beier. „Die AOK Bayern hat keine validen Daten, welcher Versicherte wie viele Medikamente verschrieben bekommen hat, unterstellt uns Ärzten aber im Blindflug und pauschal Abrechnungsbetrug, statt, wie es vertraglich geregelt ist, zunächst die Abrechnung über das Rechenzentrum prüfen zu lassen. Das ist ein Affront, der leider weitreichende Folgen hat. Kein Wunder, dass viele junge Mediziner unter solchen Bedingungen nicht mehr bereit sind, sich als Hausarzt in Bayern niederzulassen. Die Zeche zahlen dann unsere Patientinnen und Patienten, wenn die Lücken in der hausarztzentrierten Versorgung immer größer werden.“

Diese Vorgehen der AOK Bayern ist nicht nur deshalb unverständlich, weil die Kasse gesetzlich verpflichtet ist, ihren Versicherten Hausarztverträge anzubieten, sondern weil auch die Kassen selbst von Hausarztverträgen profitieren. Wenn bei komplexen Erkrankungen der Hausarzt die fachübergreifende Therapie steuert, können unnötige oder doppelte Untersuchungen vermieden werden. Was weniger Leid, aber auch geringere Kosten bedeutet. Das gleiche gilt, siehe AMTHO, bei der Verschreibung von Medikamenten. In Baden-Württemberg gehört die dortige AOK deshalb auch aus eigenem Interesse zu den großen Unterstützern der Hausarztverträge.