Bayerischer Hausärzteverband lud zur Fachtagung Geriatrie

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Bis 2030 wird fast jeder dritte Bürger in Deutschland über 65 Jahre alt sein – was das Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen stellen wird. Welche Weichen jetzt dringend gestellt werden müssen, darüber diskutierten Ärzte, Politiker und weitere Gesundheitsexperten auf der Fachtagung Geriatrie, zu der der Bayerische Hausärzteverband in den Konferenzsaal der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns eingeladen hatte.

In seiner Begrüßung unterstrich Dr. Oliver Abbushi, Münchner Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, die bedeutende Rolle der Hausärzte bei der medizinischen Versorgung von alten und multimorbiden Menschen und machte deutlich, dass mit einem Facharzt für Geriatrie, der von interessierter Seite immer wieder gefordert wird, der demographische Wandel nicht zu meistern sei.

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Dr. Abbushi: „Für uns Hausärzte ist die Betreuung hochbetagter geriatrischer Patienten nichts Neues. Sie ist ein nennenswerter Anteil unserer täglichen Arbeit. Für uns liegt die Herausforderung eher in der steigenden Anzahl dieser äußerst betreuungsintensiven Patienten.“

Dass die Hausärzte die nötige Kompetenz haben, alte Menschen gut zu versorgen bestätigten auf der Auftakt-Podiumsdiskussion nicht nur die Ärzte Dr. Wolfgang Krombholz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, und Dr. Gunther Carl, stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Nervenärzte, sondern auch Bernhard Seidenath. Der Abgeordnete des Bayerischen Landtags und stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses stellte für den ambulanten Bereich klar: „Der Facharzt für Geriatrie ist der Hausarzt.“

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Der CSU-Politiker hatte erst unlängst einen Antrag im Landtag zur Verbesserung der geriatrischen Versorgung in Bayern durchgesetzt. Kernpunkte sind dabei der Ausbau und Förderung von Wissenschaft und Lehre in der interdisziplinären geriatrischen Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Pflege sowie die Schaffung von weiteren Lehrstühlen für Geriatrie oder von geriatrischen Zentren. Außerdem sollen geriatrische Themen in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner eine noch größere Bedeutung bekommen.

Zu Diskussionen führte der Passus im Antrag, dass geprüft werden solle, „ob für die Verbesserung der geriatrischen Versorgung die Etablierung eines Facharztes für Geriatrie zielführend ist“.

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Zumindest für die Hausärzte ist eine weitere Facharztzersplitterung weder notwendig, noch zielführend. Ein Argument: Derzeit leben im Freistaat über 2,6 Millionen Menschen, die älter als 65 Jahre sind, also möglicherweise eine geriatrische Versorgung benötigen. Um ein flächendeckende Versorgung sicherzustellen, wären dafür rund 2600 neue Fachärzte für Geriatrie notwendig. Diese Ärzte zeitnah auszubilden, ist absolut unrealistisch, da selbst die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin derzeit in Bayern gerade mal 200 Mediziner pro Jahr abschließen.

„Wir halten die Einführung eines Facharztes für Geriatrie und damit die Einführung einer weiteren Versorgungsebene im ambulanten Setting für kontraproduktiv“, stellte Dr. Abbushi klar und forderte sich stattdessen auf den hausärztlichen Nachwuchs zu konzentrieren: „Wichtiger ist es für eine ausreichende Verfügbarkeit von patientennahen Hausärzten zu sorgen. Selbst in München, das gespickt ist mit den renommiertesten Kliniken und Tausenden von Fachärzten, gibt es Stadtteile, in denen es keinen Hausarzt mehr gibt.“

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Nach der Podiumsdiskussion vertieften die Teilnehmer das Thema Geriatrie in zwei Workshops, die von Dr. Ernst Engelmayr, Fortbildungsbeauftragter des Bayerischen Hausärzteverbandes, und Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer und Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes Bezirk Niederbayern, geleitet wurden. Als Referenten dabei waren Prof. Dr. Jochen Gensichen (Leiter des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München), Angelika Kern (Alzheimer Gesellschaft München e. V.), Prof. Dr. Antonius Schneider (Leiter des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München), Dr. Jens Trögner (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Geriatrie in Bayern), Dr. Christian Ullrich (Chefarzt der Medizinischen Klinik im Diakoniewerk München-Maxvorstadt) und Dr. Katja Wimmer (FÄ für Innere Medizin und Abteilungsleiterin Versorgung und Gesundheit der Bosch BKK).

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Prof. Dr. Antonius Schneider präsentierte einen Kriterienkatalog für eine gute Kooperation von Hausärzten und Pflegeeinrichtungen, der an seinem Lehrstuhl entwickelt worden ist. Dr. Katja Wimmer stellte in ihrem Vortrag den Patientenbegleiter der Bosch BKK und die Förderung der VERAH-Ausbildung vor. „Der Vorteil für den Patienten ist eine individuelle Betreuung durch eine besonders qualifizierte Praxismitarbeiterin“, lobt Dr. Wimmer die VERAH. Und Prof. Dr. Jochen Gensichen erläuterte, dass neben den eigentlichen Erkrankungen gerade bei älteren Menschen häufig auch die Psyche betroffen sei. „Depression als Komorbidität verschlechtert die Prognose der anderen Erkrankungen.“

Auch Dr. Christian Ullrich warnte deshalb davor, sich als Arzt nur auf die jeweilige Erkrankung zu fokussieren und nicht den ganzen Menschen im Blick zu haben. Der Chefarzt erläuterte anhand mehrerer Beispiele die Problematik „Multimorbidität trifft auf Fachspezifität“ im stationären Bereich. Sein Fazit: „Geriatrische Behandlung ist nicht gleichbedeutend mit der Summation fachspezifischer Leitlinien. Entscheidend sind die Priorisierung medizinischer Probleme und die Fokussierung auf die hauptsächlich lebensqualitätseinschränkenden Faktoren. Weniger ist mehr!“