Hausarztzentrierte Versorgung: „Innovationsmotor für die Regelversorgung“

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Interview mit Melanie Huml, die sich auch unter dem im März 2018 gewählten Ministerpräsidenten Markus Söder ihren Platz im Kabinett sichern konnte. Eines der Themen: Die Bedeutung der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV).

Melanie Huml Foto StMGPZum Vergrößern bitte klicken.

Frau Ministerin, Sie haben Medizin studiert. Was ist für Sie der schönere Beruf? Gesundheitsministerin oder Ärztin?

Melanie Huml: Bei meiner Berufswahl hat mich immer der Wunsch geleitet, anderen Menschen zu helfen. In beiden Berufen kann ich mich für andere einsetzen. Bei meiner jetzigen politischen Arbeit kann ich Dinge, die mir am Herzen liegen, noch mehr voran bringen. Dabei animiert mich stets ein afrikanisches Sprichwort, das im Studentenwohnheim hing: "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Welt verändern."

Sie sind selbst Mutter und wissen, was es heißt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Würden Sie jungen Frauen empfehlen, Hausärztin zu werden?

Melanie Huml: Ja natürlich! Wir müssen diese Chance nutzen: Es darf nicht sein, dass Ärztinnen vor der Entscheidung stehen, den Kinderwunsch aufzuschieben oder ihren Beruf aufzugeben. Allerdings sehe ich auch als etwas zu kurz gegriffen, hier nur Ärztinnen anzusprechen. In der Familie sollten beide Partner eine Rolle spielen - und auch männliche Kollegen achten mehr auf die Balance von Familie, Freizeit und Beruf.

Als Gesundheitsministerin setze ich mich für familienfreundlichere Arbeitsbedingungen und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf ein. Hier hat Bayern bereits viele Initiativen ergriffen. Wir haben uns unter anderem maßgeblich dafür eingesetzt, die gesetzlichen Vorgaben für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Ärztinnen zu erleichtern. So können sich seit dem Jahr 2012 niedergelassene Ärztinnen, die ein Kind bekommen haben, zwölf statt wie früher nur sechs Monate lang vertreten lassen. Außerdem wurde die Residenzpflicht für Vertragsärzte aufgehoben, was zu einer deutlich flexibleren Wohnortwahl führt. Darüber hinaus hat Bayern den Kammern bereits 2013 die Möglichkeit gegeben, Teilzeit-Weiterbildungen deutlich flexibler zu gestalten.

Um verstärkt junge Ärzte für eine Niederlassung auf dem Land zu begeistern, wollen Sie die Landarztquote einführen und Medizin-Studienplätze für jene bereitstellen, die sonst am Numerus Clausus scheitern würden. Wann wird dieses Projekt umgesetzt?

Melanie Huml: Wir haben in Bayern vieles auf den Weg gebracht, um die gute hausärztliche Versorgung der Menschen im Land auch künftig sicherzustellen. Ein Baustein ist die Landarztquote. Es sollen künftig bis zu fünf Prozent aller Medizinstudienplätze in Bayern für Studierende vorgehalten werden, die sich verbindlich bereit erklären, später als Hausarzt in ländlichen Regionen zu arbeiten, die bereits hausärztlich unterversorgt sind oder von Unterversorgung bedroht sind.

Die Landarztquote soll in möglichst vielen Bundesländern eingeführt werden. Für die Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber und die einzugehenden Verpflichtungen sollen möglichst einheitliche Vorgaben gefunden werden. Das erfordert noch erheblichen Abstimmungsbedarf. Die Gesundheits- und Wissenschaftsministerien in den Ländern haben insbesondere in der Frage des Auswahlverfahrens noch unterschiedliche Vorstellungen. Darüber hinaus sind nach dem NC-Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Dezember 2017 die veränderten Anforderungen an das Vergabeverfahren für Medizinstudienplätze zu berücksichtigen. Die Umsetzung der Landarztquote wird deshalb leider noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Allein in Bayern schließt jede Woche eine Hausarztpraxis für immer, weil sich kein Nachfolger findet. Sie haben kurz nach Ihrem Amtsantritt Förderprogramme aufgelegt, um diesen Negativtrend zu stoppen. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?

Melanie Huml: Unsere Niederlassungsförderung ist sehr erfolgreich! Das Programm ist Teil des im Jahr 2012 aufgelegten bayerischen Förderprogramms zum Erhalt und zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. Bisher haben wir insgesamt rund 38 Millionen Euro in das Förderprogramm investiert.

Besonders die Niederlassungsförderung wird stark nachgefragt: Mittlerweile konnten wir schon 444 Niederlassungen und Filialbildungen fördern, davon allein 358 Hausärztinnen und Hausärzte.Damit stärken wir die haus- und fachärztliche Versorgung in allen Regionen Bayerns.

Sie haben nachdrücklich und erfolgreich dafür gekämpft, dass die Hausarztverträge per Gesetz gesichert werden. Warum ist die HzV so wichtig?

Melanie Huml: Hausarztverträge stärken zunächst einmal die Rolle des Hausarztes als Lotse durch unser Gesundheitssystem. Sie bieten damit bessere Orientierung und tragen dazu bei, unnötige Doppeluntersuchungen oder sogar gefährliche Übermedikamentierung zu vermeiden. Das Leistungsangebot in den Hausarztverträgen geht zudem inhaltlich bzw. qualitativ zumeist über die Regelversorgung hinaus. Längere Sprechzeiten, zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen, gesteigerte Fortbildungsverpflichtungen für die teilnehmenden Ärzte – um nur einige Beispiele zu nennen. Sie dienen damit im Ergebnis auch als Innovationsmotor für die Regelversorgung. Und nicht zuletzt tragen diese Verträge über das eigene Verhandlungsmandat der Hausärzte mit den Krankenkassen auch dazu bei, dass der Beruf des Hausarztes auch in den Augen des ärztlichen Nachwuchses attraktiv bleibt.

Einige Kassen gewähren mittlerweile Versicherten, die sich in die HzV einschreiben, einen Bonus. Sollte das nicht auf alle Kassen ausgeweitet werden?

Melanie Huml: Auf freiwilliger Basis dürfen Krankenkassen bereits jetzt bestimmte Anreize für die Teilnahme ihrer Versicherten an Wahltarifen wie den Hausarztverträgen vorsehen. Damit ist diese Möglichkeit Teil des gewollten Wettbewerbs der Krankenkassen untereinander, weil sich Krankenkassen dadurch in ihrem Leistungsangebot voneinander stärker unterscheiden können.

Gegenüber einer Pflicht für Krankenkassen, solche Anreize zu setzen, bin ich skeptisch. Schließlich ist die Teilnahme am Hausarztvertrag sowohl für Hausärzte wie auch für die Versicherten freiwillig – und soll es auch bleiben. Die freie Arztwahl ist ein hohes Gut in unserem Gesundheitswesen.

Als Ministerin haben Sie eine hohe Verantwortung und stehen permanent unter Stress. Was machen Sie als Gesundheitsministerin für Ihre eigene Gesundheit?

Melanie Huml: Ich lege Wert darauf, Bewegung in den Alltag einzubauen, wann immer es möglich ist. So nehme ich zum Beispiel häufig die Treppe statt den Aufzug. Außerdem spiele ich gerne mit meinen Kindern draußen. Ich achte außerdem auf eine möglichst ausgewogene Ernährung - was nicht immer leicht ist.