Hausärztliche Versorgung ist parteiübergreifendes Anliegen

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2018 Imhof Dr. BeierZum Vergrößern bitte klicken.

Mehr als ein Drittel (34,9 Prozent) der Hausärztinnen und Hausärzte in Bayern sind 60 Jahre und älter. Aber nach wie vor kommen nicht genügend junge Allgemeinmediziner nach, um die Nachfolge der Ruheständler anzutreten. Dies Problem wird von bayerischen Politikern parteiübergreifend wahrgenommen.

„Jede Bürgerin und jeder Bürger hat einen Anspruch auf eine hochwertige medizinische Versorgung. Wir müssen deshalb alles tun, um die Versorgung durch Hausärzte nachhaltig sicherzustellen", erklärte Bayerns Patienten- und Pflegebeauftragter Hermann Imhof (CSU), als er die Hausarztpraxis von Dr. Markus Beier, stellv. Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, in Erlangen besuchte.

MdL Thomas Gehring bei Dr. Boris Ott Foto GehringZum Vergrößern bitte klicken.

Auch der Allgäuer Landtagsabgeordnete Thomas Gehring (Grüne), der die Hausarztpraxis von Boris Ott in Blaichach besuchte, stellte fest, dass zu einer guten medizinischen Versorgung „unsere Hausärztinnen und Hausärzte des Vertrauens gehören, deshalb müssen wir die politischen Rahmenbedingungen dafür schaffen“.

Das sieht Landtagsabgeordnete Ruth Waldmann (SPD) ähnlich und betonte im Gespräch mit Dr. Wolfgang Ritter in München, dass Hausärzte nicht nur auf dem Land fehlen: „Auch innerhalb großer Städte wie München, Nürnberg oder Augsburg gibt es Stadtviertel mit akutem Mangel an Hausärzten.“

Waldmann DR. RitterZum Vergrößern bitte klicken.

Was aber muss geschehen, um den Hausärztemangel zu beseitigen und sicher zu stellen, dass die Menschen auch künftig eine Hauarztpraxis in Wohnortnähe haben?

Dr. Dieter Geis, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, verweist auf die Kernforderungen seines Verbandes an die Politik. Dazu gehört die Stärkung der hausärztlichen Aus- und Weiterbildung, unter anderem durch mehr Medizinstudienplätze in Bayern, die Abschaffung des Numerus Clausus als alleiniges Zugangskriterium zum Medizinstudium und die sofortige Etablierung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin, damit das Fach von Anfang an bei Medizinstudierenden präsent ist.

Dr. Christoph Grassl Bernhard Seidenath Dr. Wolfgang Ritter kZum Vergrößern bitte klicken.

Diese Forderungen stießen bei SPD-Politikerin Ruth Waldmann auf offene Ohren und auch CSU-Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath sagte im Gespräch mit Dr. Christoph Grassl und Dr. Wolfgang Ritter in München: „Wir brauchen bundesweit mehr Medizinstudienplätze – und für Bayern die Landarztquote, um jenen jungen Menschen bevorzugt einen Medizinstudienplatz zu geben, die sich später auch bei uns auf dem Land niederlassen wollen“. 

„Wir brauchen mehr Medizinstudierende, die Hausarzt werden wollen“, ist auch die CSU-Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler überzeugt und sagte während ihres Praxisbesuchs bei Dr. Jürgen Büttner in Roth, Vorstandsmitglied des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Gerade in ländlichen Räumen und für ältere Patienten ist es unentbehrlich, eine Hausarztpraxis in der Nähe zu haben. Ich werde mich deshalb weiterhin mit großem Engagement für die flächendeckende hausärztliche Versorgung einsetzen.“

MdB Prof. Ullmann Foto Deutscher BundestagZum Vergrößern bitte klicken.

Der Bundestagsabgeordnete und Obmann der FDP-Fraktion im Ausschuss für Gesundheit des Bundestages Prof. Dr. Andrew Ullmann aus Würzburg sprach sich bei seinem Besuch in der Hausarztpraxis von Dr. Dieter Geis in Würzburg/Randersacker für ein Gesamtkonzept der hausärztlichen Versorgung auf dem Land aus: „Das Problem, dass heute Landarztpraxen keine Nachfolger finden, hat weniger mit Geld, sondern in erster Linie mit attraktiven Lebensverhältnissen zu tun.

Wo die moderne Verkehrsanbindung fehlt, wo Kindergärten und Grundschulen geschlossen werden, Bäckereien, Metzgereien und andere Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf fehlen, gibt es bald auch keine Haus- oder Fachärzte vor Ort mehr, weil junge Ärztinnen und Ärzte sich dort nicht mehr niederlassen wollen. Der Freistaat Bayern und die Kommunen müssen daher alle Kräfte darauf verwenden, die Attraktivität des ländlichen Raums zu garantieren.

Dr. Markus Beier Harald Weinberg kZum Vergrößern bitte klicken.

Auch sollen Haus- bzw. Fachärzte keine Regresse mehr befürchten müssen, wenn sie zum Beispiel notwendige Hausbesuche machen. Vielmehr müssen ihre Aufwände für Hausbesuche angemessen entschädigt werden.“

Der Bundestagsabgeordnete der Fraktion DIE LINKE, Harald Weinberg, sieht dagegen spezielle Landarztprogramme eher kritisch, „weil nicht sicher ist, ob sich der eine oder andere später nicht freikauft“.

Er setzt auf „andere Zugänge zum Medizinstudium, um genau die jungen Menschen zu finden, die sich später unter anderem als Hausärztin oder Hausarzt niederlassen wollen“. Bei seinem Besuch in der Hausarztpraxis von Dr. Markus Beier in Erlangen ist er sich sicher: „Der Numerus Clausus hat ausgedient.“

2018 Dr. Vetter PatzdernikZum Vergrößern bitte klicken

Dr. Karl Vetter, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, plädiert nicht nur für mehr Medizinstudienplätze, sondern fordert auch Lehrstühle für Allgemeinmedizin.

„Gerade in der Oberpfalz werden Hausärzte händeringend gesucht. Deshalb ist es dringend geboten, dass auch die Universität Regensburg den anderen Hochschulen in Bayern folgt und einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin einrichtet“, unterstrich er, als er zu Gast in der Hausarztpraxis von Annette Pazdernik in Roding war.

MdL Carolina Trauter Maria Stich Stefanie Berger kZum Vergrößern bitte klicken

Dass es an der Universität Augsburg zum Start des Modellstudiengangs Medizin im nächsten Jahr auch einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt, ist Carolina Trautner, Staatssekretärin im Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus, ein wichtiges Anliegen. „Gerade dieser innovative Modellstudiengang verlangt die frühe Einbindung der Allgemeinmedizin“, sagte sie bei ihrem Besuch in der Gemeinschaftspraxis von Maria Stich und Stefanie Berger in Thierhaupten bei Augsburg.

Wichtig für die Entscheidung zur Niederlassung sind aber auch gute Arbeitsbedingungen und finanzielle Sicherheit. Daher fordert der Bayerische Hausärzteverband die Förderung der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) durch einen Bonus für HzV-Versicherte.

2018 Prof. Bauer Dr. BüttnerZum Vergrößern bitte klicken

Prof. Dr. Peter Bauer, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, befürwortet diesen Vorschlag bei seinem Besuch in der Hausarztpraxis von Dr. Jürgen Büttner: „Unter Beibehaltung der freien Arztwahl kann es zielführend sein, Patienten, die sich freiwillig in die HzV einschreiben, einen Bonus zu gewähren“. Dem schloss sich auch LINKE-Politiker Harald Weinberg an. HzV-Patienten könnten „zum Beispiel von der Medikamentenzuzahlung befreit werden“, meinte er im Gespräch mit Dr. Beier.

Die Hausärzte nutzten die Praxisbesuche auch, um deutlich zu machen, welche Maßnahmen ungeeignet sind: „Was wir nicht brauchen, sind Kreation immer neuer Gesundheitsberufe wie den Physician Assistant oder die Delegation von medizinischen Leistungen an externe Dienstleister.“ Stattdessen, so Dr. Beier, solle die speziell weitergebildete Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, kurz VERAH, weiter gestärkt werden.

Dr. Berger HoletschekZum Vergrößern bitte klicken.

„Das VERAH-Modell funktioniert nur deshalb so ausgezeichnet, weil die VERAH Teil des Hausarztteams ist und tagtäglich eng mit dem Hausarzt zusammenarbeitet. Die VERAH kennt die Patienten. Und die Patienten kennen die VERAH.“ Würde man Drittanbieter mit den Aufgaben der VERAH beauftragen, wären die Patienten die Leidtragenden, warnt Dr. Beier.

Das VERAH-Modell  lobte auch auch Dr. Jakob Berger, 2. Stellvertretender Vorsitzender des Bayerrischen Hausärzteverbandes, gegenüber dem CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Holetschek, der auch Mitglied des Ausschusses für Gesundheit und Pflege im Bayerischen Landtag ist. Hier, so Dr. Berger, biete die Digitalisierung Chancen. „Unsere Tele-VERAH hat in ihrem Rucksack mehrere digitale Messgeräte und kann vor Ort die wichtigsten Daten eines Patienten direkt in Echtzeit - und natürlich verschlüsselt - in die Praxis übermitteln und mit dem Hausarzt die weiteren Schritt besprechen.“ Klaus Holetschek  versprach bei seinem Besuch in der Praxis von Dr. Berger, dieses Projekt zu unterstützen: „Im Zeitalter der Digitalisierung müssen wir zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger die Chancen nutzen, die sich durch die neue Technik ergeben.“