MVZ Genossenschaften: „Wachsam bleiben und Verantwortung übernehmen“

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Die „MVZ DerArzt eG“ mit Sitz in Köln will in großem Stil Hausarztpraxen aufkaufen. Wie die Ärzte Zeitung in ihrer Ausgabe vom 03.09.2018 berichtet, plant die MVZ Genossenschaft bis zum Jahr 2023, 1.000 Praxen mit 2.000 angestellten Ärzten unter ihrem Dach zu vereinen – bundesweit. „Wir haben uns für die Gründung einer Genossenschaft entschieden, da wir die Freiheit des Arztberufes sicherstellen und verhindern, dass sich ‚das Kapital‘ der ambulanten Gesundheitsversorgung bemächtigt und irgendwann an der Börse verkauft“, heißt es auf der Website der MVZ DerArzt eG.

Dass diese Aussage mit Vorsicht zu genießen ist, zeigt sich bei einem Blick auf die Organisationsstruktur der Genossenschaft. Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der MVZ DerArzt eG ist Banker Michael G. Kosel, dem „alle Geschäftsprozesse unterliegen“. Auch der Vorsitz der MVZ DerArzt Verwaltungsgenossenschaft obliegt Geschäftsleuten: Alexander Maubach und Oliver Krenzer, verantwortlich für den „Praxis-Einkauf und die Akquisition neuer Nachfolge-Praxen“.

Die MVZ DerArzt eG schreibt sich auf die Fahnen die Gesundheitsversorgung vor dem Verkauf an der Börse zu schützen. Dass sowohl Michael Kose als auch Oliver Krenzer auch im Vorstand der „evbd Aktiengesellschaft“ sind, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Bei der Präsentation ihres Modells etablieren sie sich als neue Hoffnungsträger der hausärztlichen Versorgung: „Der Deutsche Hausarzt Bundesverband hat im Mai 2017 erklärt, dass das Pilotprojekt, welches 2 Jahre zuvor begonnen wurde und die Gründung einer bundesweiten Hausarzt-MVZ-Kette zum Ziel gehabt hat, erfolglos beendet wurde. Das war die letzte Hoffnung der Hausärzte in Deutschland, welche sich mit dem Gedanken tragen, Ihre Praxis in den kommenden Jahren zu schließen“, heißt es weiter.

Dr. Dieter Geis, Vorstandsvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Die MVZ DerArzt eG platziert sich als Retter in der Not, dabei wird hier ein profitorientiertes Geschäftsmodell etabliert, das den Hausarztberuf industrialisiert. Wir unterstützen den Zusammenschluss von Ärzten, die mit einem MVZ die hausärztliche Versorgung in Eigenregie verwalten. Doch davon kann hier keine Rede sein.“
1000 Praxen mit 2000 angestellten Ärzten ist kein kleines Unterfangen. Im Interview mit der Ärzte Zeitung erklärt Krenzer, warum das ein realistischer Ansatz ist: Man müsse nur auf die Zahl der Ärzte schauen, die in den nächsten Jahren aus Altersgründen aus der Versorgung ausscheiden. Den Investoren garantiert die Genossenschaft dabei vier Prozent Gewinnanteil; angesichts der hohen Umsatzrenditen von Arztpraxen sei das ein realistischer Wert.

Die „hohen Umsatzrenditen“ dürften dann auch der Grund für die groß angesetzten Pläne der MVZ DerArzt eG sein. Die Zulassungsgenossenschaft der MVZ DerArzt eG hat im Juni von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen die Zulassung zum Betrieb von Arztpraxen erhalten. In Chemnitz hat die Genossenschaft bereits das von einem Krankenhausträger betriebene MVZ Diakomed mit vier KV-Sitzen an zwei Standorten übernommen. Im Frühjahr 2019 soll Westfalen-Lippe folgen, dann stehen Bayern, Hessen und Niedersachsen auf dem Programm. Sollte sich diese Form der medizinischen Versorgung etablieren steht nicht nur der freie Hausarztberuf auf dem Spiel, auch die Steuerungsfunktion der Kassenärztlichen Vereinigungen wird dadurch ausgehebelt, denn ein Arztsitz, der an ein MVZ gegen Anstellung verkauft wird, muss nicht mehr offiziell ausgeschrieben werden. „Hier müssen wir wachsam bleiben. Es darf nicht sein, dass fremdfinanzierte Konzernstrukturen die hausärztliche Versorgung steuern“, warnt Dr. Geis.

„Junge Ärzte wollen erst einmal in Anstellung arbeiten – das ist völlig legitim. Doch neben dem Wunsch der Work-Life Balance müssen die Kolleginnen und Kollegen auch den Mut haben Verantwortung zu übernehmen, ansonsten werden wir von Kapitalgesellschaften überrollt. Der Beruf des Hausarztes lebt von der engen Patientenbindung. Wir behandeln und begleiten Menschen von Jung bis Alt, kennen die Familie und die Krankengeschichte. Eine anonyme Versorgung, die von Kapitalgesellschaften gelenkt ist können weder Ärzte noch Patienten wollen.“