Apropos Terminservice- und Versorgungsgesetz: „An der Versorgungsrealität vorbei"

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„Wir haben schon viele Gesundheitsreformgesetze erlebt. Aber keines greift derart in die Praxisorganisation und die Aufgaben der ärztlichen Selbstverwaltung ein und ist dabei weniger zielführend als das nun vom Bundeskabinett abgesegnete Terminservice- und Versorgungsgesetz, das TSVG.

Um die Wartezeiten der gesetzlich Versicherten insbesondere auf Facharzttermine zu senken, sollen die Terminservicestellen, die sich bislang als Flopp erwiesen haben, weiter ausgebaut werden. Sie sollen rund um die Uhr Termine vermitteln – auch in Hausarztpraxen. Ein völlig unnötiger Dirigismus: Wir Hausärzte sind für unsere Patienten da, wenn sie uns brauchen – dazu brauchen wir keine externen Vermittler.

Uns Vertragsärzten wird zudem vorgegeben, wie wir unsere Arbeitszeit zu organisieren haben: 25 Sprechstunden pro Woche sollen es mindestens sein. Und die Hausbesuche dürfen darauf angerechnet werden – danke schön auch! Dazu brauchen wir kein Gesetz. Einen Hausarzt mit vollem Kassensitz zu finden, der weniger als 25 Sprechstunden pro Woche anbietet, dürfte schon heute nicht einfach sein bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit der Vertragsärzte von 52 Wochenstunden. Und die Kassenärztlichen Vereinigung werden kurzerhand zur „Sprechstundenpolizei“ degradiert, die überprüfen sollen, was ohnehin Status Quo ist.

Die knappe Ressource Arzt wird nicht mehr, in dem man neue Zugangswege schafft, sondern durch die Stärkung der hausärztlichen Tätigkeit und die Stärkung des freiwilligen Primärarztsystems „Hausarztzentrierte Versorgung“. Und die Strukturierung und Steuerung der Versorgung gehört nicht in die Hände mehr oder weniger qualifizierter anonymer Mitarbeiter in Terminservicestellen!

Wenn der Hausarzt erster Ansprechpartner der Patienten ist und nur bei Bedarf an den Spezialisten überweist, entlastet das den Spezialisten und schafft so zeitliche Freiräume in den Praxen. Denn mehr als 80 Prozent der gesundheitlichen Probleme, die Anlass zum Aufsuchen der Hausarztpraxis sind, werden dort auch gelöst. Und wenn es schnell gehen muss mit dem Termin bei Spezialisten, hilft der Hausarzt selbstverständlich bei der Terminvermittlung.

Fazit: Das TSVG geht an der Versorgungsrealität völlig vorbei. Statt Hausärzte als erste Anlaufstelle der Patienten zu stärken, werden Ärzte und Selbstverwaltung mit praxisfernen Vorgaben gegängelt. Mehr noch: Das Gesetz öffnet dem ineffektiven Chipkarten-Tourismus Tür und Tor, indem Spezialisten gezwungen werden, freie Sprechstunden ohne vorherige Terminvereinbarung zu vergeben und ihnen dafür Honorarzuschläge in Aussicht gestellt werden! Anstatt auf diese Weise ein ungesteuertes Patientenverhalten durch ein erhöhtes Honorarangebot an den Facharzt von gesetzgeberischer Seite zu zementieren, sollte die Bundesregierung den Mut haben, das bewährte freiwillige Primärarztsystem der hausartzentrierten Versorgung durch Anreizsysteme für die Patienten voranzubringen. Hier wäre das zusätzlich versprochene Geld wirklich sinnvoll angelegt!"