„Jeder neue Studienplatz ist hochwillkommen“

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2018 11 06 Antrittsrede Söder als neu gewählter Ministerpräsident kZum Vergrößern bitte klicken.

„Für ein bürgernahes Bayern“ ist der 60seitige Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freie Wähler überschrieben, der am Sonntag vorgestellt worden ist. Auf drei Seiten skizzieren die beiden Regierungsparteien, wie sie die Gesundheitspolitik in Bayern in den kommenden fünf Jahren gestalten wollten. Die wichtigsten Auszüge aus hausärztlicher Sicht und die entsprechenden Einordnungen von Dr. Dieter Geis, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes:

Koalitionsvertrag: „Haus- und Fachärzte, Apotheken, Pflegeeinrichtungen, Heilmittelerbringer und Hebammen müssen weiterhin flächendeckend und wohnortnah zur Verfügung stehen. ... Unser Ziel ist: Die beste Medizin in Stadt und Land, für jedermann und bezahlbar.

Dr. Dieter Geis: „Die flächendeckende medizinischen und vor allem hausärztliche Versorgung in Stadt und Land nachhaltig zu sichern, ist seit Jahren eine Kernforderung des Bayerischen Hausärzteverbandes. Der Passus findet deshalb selbstverständlich unsere Zustimmung.“

Koalitionsvertrag: „Unser Leitmotiv ist die Liebe zum Menschen. Der Patient muss stets im Mittelpunkt stehen. Das wollen wir auch in unserer Mediziner-Ausbildung noch stärker betonen, ebenso bei der Auswahl der Medizinstudenten.“

Dr. Dieter Geis: „Medizinstudierende ausschließlich nach der Abiturnote auszuwählen, ist der falsche Weg. Davor warnen wir seit Jahren. Gerade als Hausärztin oder Hausarzt ist neben dem medizinischen Wissen vor allem eines wichtig: Empathie. Diese Schlüsselqualifikation in die Auswahl der Medizinstudierenden einzubauen und im Studium stärker zu berücksichtigen, ist deshalb selbstverständlich richtig.“

Dr. Geis März 2016 kZum Vergrößern bitte klicken.

Koalitionsvertrag: „Einen Schwerpunkt werden wir auf die stärkere Einbeziehung der Kommunen legen, da diese den besten Überblick über die örtliche Bedarfslage und mögliche Lösungsoptionen haben. Zudem werden wir den Weg zur Gewinnung des erforderlichen Fachkräftenachwuchses konsequent fortsetzen.“

Dr. Dieter Geis: „Der Auftrag, die medizinische Versorgung sicherzustellen, liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung, ist also in ärztlicher Hand. Die Kommunen wären schlecht beraten, wenn sie selbst die medizinische Versorgung organisieren wollten. Jede Form der Unterstützung ist aber hoch willkommen. Positiv ist es auch, Fachkräfte besser zu fördern, wie unsere Medizinischen Fachangestellten. Gerade auf dem Land bieten unsere Praxen gute und nachhaltige Arbeitsplätze insbesondere für Frauen.“

Koalitionsvertrag: „Wir erhalten und stärken die wohnortnahe medizinische und pharmazeutische Versorgung. Wir wollen, dass es in Bayern auch zukünftig überall gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte gibt.“

Dr. Dieter Geis: „Richtig, Schmalspur-Ausbildungen, wie zum Physician Assistent, sind für die ambulante Versorgung als Lückenfüller absolut ungeeignet. Gerade auf dem Land brauchen wir kompetente Fachärzte für Allgemeinmedizin als Hausärzte. Sorge bereitet uns auch die zunehmende Kommerzialisierung des Medizinstudiums durch ausländische Anbieter, die möglicherweise zu Lasten der Qualität geht. Es darf keine Zwei-Klassen-Mediziner geben.“

Koalitionsvertrag: „Hierzu werden wir die Medizinerausbildung durch die Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020 an die aktuellen Erfordernisse anpassen. Wir erhöhen die Zahl der Studienplätze um über 2.000 Plätze. Für den Zugang zum Studium wollen wir eine Flexibilisierung und zusätzliche eignungsbezogene Zulassungskriterien, z. B. eine Vorausbildung, baldmöglichst umsetzen.

Dr. Dieter Geis: „Auch wenn in die Zahl 2000 die bereits beschlossenen Medizin-Studienplätze an der neuen Fakultät in Augsburg miteingerechnet sind, ist dies ein gutes Signal. Jeder neue Studienplatz ist hochwillkommen.“

Koalitionsvertrag: „Wir sorgen dafür, dass auch in den ländlichen Regionen Bayerns die medizinische Versorgung gesichert bleibt. Hierzu führen wir eine Landarztquote und eine neue Landarztprämie ein. Bei der Vergabe von Medizin-Studienplätzen schöpfen wir alle Möglichkeiten für eine Landarztquote aus. Das Landarztstipendium gewähren wir auch Fachärzten.“

Dr. Dieter Geis: „Für eine nachhaltige Lösung muss der Hausarztberuf generell attraktiv sein. Zahlreiche Forderungen des Bayerischen Hausärzteverbandes wurden dafür bereits umgesetzt, wie die gesetzliche Verankerung der Hausarztverträge, die Reform des Bereitschaftsdienstes oder die Abschaffung der Medikamenten-Regresse. Jetzt gilt es, die hausarztzentrierte Versorgung zu einem freiwilligen Primärarztsystem weiterzuentwickeln. Als Zwischenschritt lehnen wir aber eine Landarztquote und eine Landarztprämie nicht per se ab. Jede Maßnahme, die einen Teil dazu beiträgt, die Versorgung zu sichern, findet unsere Unterstützung.“

Koalitionsvertrag: „Um passgenaue Versorgungslösungen vor Ort zu entwickeln (z. B. in den Gesundheitsregionen Plus), werden wir die Kommunen noch stärker in die Gesundheitsversorgung vor Ort einbeziehen. Wir wollen Kommunen dabei unterstützen, einen Beitrag für die medizinische Versorgung in ihrer jeweiligen Gemeinde zu leisten. Die gute Versorgung durch Apotheken vor Ort wollen wir erhalten.“

Dr. Dieter Geis: „Hausärztliche Versorgung und die medizinische und pflegerische Versorgung insgesamt sind – ohne Frage – auch kommunale Themen. Mit einzelnen GesundheitsregionenPlus arbeiten wir bereits heute gut zusammen, so beispielsweise mit der GesundheitsregionPlus Haßberge im Rahmen der Förderung hausärztlicher Famulaturen – einem vierwöchigen Praktikum in der Hausarztpraxis für Medizinstudierende. Bei allem Verständnis für die kommunalen Belangen dürfen aber die bewährten Strukturen der ärztlichen Selbstverwaltung nicht geschwächt und müssen Nachhaltigkeit und Finanzierbarkeit weiterhin eine Rolle spielen.

Koalitionsvertrag: „Auf Bundesebene setzen wir uns für eine bessere und flexiblere Steuerung der Niederlassung von Ärzten mit dem Instrument der kleinräumigen Bedarfsplanung ein.“

Dr. Dieter Geis: Die Sicherstellung der ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung obliegt der Kassenärztlichen Vereinigung. Zusammen mit den Krankenkassen setzt diese die Rahmenvorgaben der Bedarfsplanung um. Die sinnvolle und notwendige Steuerung der Niederlassungen muss auch in Zukunft auf Basis ärztlicher Expertise erfolgen. Auch eine kleinräumige Bedarfsplanung löst das vorherrschende Problem des Ärztemangels nicht.

Koalitionsvertrag: „Wir wollen eine gerechte Mittelverteilung aus dem Gesundheitsfonds unter den Ländern, die den Versorgungsstrukturen Bayerns Rechnung trägt. Daher werden wir beim Bund auf die Einführung eines Regionalfaktors im Risikostrukturausgleich drängen und den Gesundheitsfonds überprüfen.“

Dr. Dieter Geis: „Die Einführung eines Regionalfaktors im Risikostrukturausgleich trägt der hohen Wirtschaftskraft Bayerns und daraus resultierender höherer Einnahmen und Ausgaben Rechnung und sollte zügig umgesetzt werden.“

Koalitionsvertrag: „Für die Palliativ- und Hospizversorgung hält die Koalition an allen beschlossenen Ausbauzielen fest. Wir verdoppeln die Versorgungsangebote für schwerstkranke und sterbende Menschen. In Bamberg errichten wir ein neues Kinder- und Jugendhospizzentrum. Die ehrenamtliche Hospizarbeit werden wir finanziell stärker unterstützen.“

Dr. Dieter Geis: „Der Bayerische Hausärzteverband ist bereits vor Jahren als erste Ärzte-Organisation dem Bayerischen Hospiz- und Palliativbündnis beigetreten. Auch in unserer Weiterbildung nehmen die Bereich Palliativ- und Hospizversorgung eine wichtige Rolle ein. Die Versorgung alter, multimorbider oder sterbender Menschen ist eine Kernaufgabe von uns Hausärztinnen und Hausärzten.“

Koalitionsvertrag: „Wir wollen die Organspendebereitschaft erhöhen und werden hierzu einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.“

Dr. Dieter Geis: „Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr. Bei diesem sensiblen Thema brauchen Patienten Ansprechpartner, denen sie vertrauen, und dafür sind wir Hausärztinnen und Hausärzte prädestiniert, deshalb verschickt der Deutsche Hausärzteverband als Dachverband der 17 Landesverbände gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in diesen Tagen ein Info-Paket an alle Mitglieder der Landesverbände, um Hausärzte und Patienten über Organ- und Gewebespenden aufzuklären.“

Koalitionsvertrag: „Im Zuge einer umfassenden Präventionsstrategie werden wir die Gesundheitskompetenz stärken. Schon im Kindes- und Jugendalter muss ein Bewusstsein für gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung geschaffen werden. Wir fördern die Suchtprävention und Drogentherapie in Bayern.“

Dr. Dieter Geis: „Wir Hausärzte begleiten unsere Patienten und deren Familien oft über viele Jahre oder gar Jahrzehnte, deshalb ist die Prävention ein wichtiges Thema in der Hausarztpraxis. Eine entsprechende Vergütungsstruktur weiterzuentwickeln, ist längst überfällig.“