Prof. Bauer: Sprechzeiten und Hausbesuche besser vergüten

Veröffentlicht am .

Prof. Dr. Peter Bauer, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler und Mitglied im Gesundheitsausschuss, bekleidet seit November 2018 auch das Amt des Bayerischen Patienten und Pflegebeauftragten. Im Interview spricht er über seinen Arbeitsalltag, seine Herzensangelegenheiten und über Möglichkeiten, den Medizinernachwuchs zu stärken.

Prof. Bauer neu kZum Vergrößern bitte klicken.
Herr Prof. Bauer, wie würden Sie Ihre Funktion als Patienten- und Pflegebeauftragter beschreiben?

Prof. Bauer: Ich kümmere mich um alle Anliegen der Patienten. Gefühlt gibt es immer ein ‚wir da oben‘ und ‚wir da unten‘, ich möchte die Verbindungsklammer dazwischen sein und den Patienten und Pflegebedürftigen als Ratgeber Hilfestellung leisten. In diesem Sinne versuche ich die teils sehr komplexen Strukturen in unserem Gesundheitswesen klarer und verständlicher zu machen und die Politik insgesamt menschlicher zu gestalten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Patienten- und Pflegebeauftragter aus und was sind in diesem Zusammenhang die häufigsten Fragen oder Anliegen?

Prof. Bauer: Unser Büro erreichen täglich schriftliche oder telefonische Anfragen, um die ich mich dann kümmere. In einem aktuellen Fall geht es um ein Altenpflegeheim, das kurz vor der Schließung steht. Hier versuche ich mit den Beteiligten, Wege zu finden, um das Heim am Leben zu erhalten. Von Seiten der Patienten gibt es oft Beschwerden über die Einstufung des Pflegegrades durch den Medizinischen Dienst. Immer wieder Thema ist auch die Nachfrage nach Kurzzeitpflegeplätzen. Dabei vermittle ich gezielt Ansprechpartner, die den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen weiterhelfen. Im Falle von Beschwerden gegenüber Krankenhäusern oder Krankenkassen habe ich die Möglichkeit, Stellungnahmen einzuholen und weiteres zu veranlassen.

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf als neuer bayerischer Patienten- und Pflegebeauftragter?

Prof. Bauer: Für mich ist Pflege ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Ich werde mich dafür einsetzten, dass die Pflegefachkräfte mehr geschätzt und anerkannt werden. Ein sehr wichtiges Anliegen ist für mich die Gewinnung von Pflegekräften. Dazu müssen wir den Pflegeberuf attraktiver gestalten, zum Beispiel durch Tarifverträge und reduzierte, rechtssichere Dokumentationspflichten. Außerdem müssen wir die Ausbildung, insbesondere von ausländischen Pflegekräften, verbessern. Allein bei der Sprachprüfung haben wir eine Durchfallquote von 60 Prozent. Einen Grund dafür sehe ich in dem verhältnismäßig großen Anteil an Grammatik, der im Lehrplan vorgesehen ist. Die Sprachpraxis wird hingegen stark vernachlässigt. Hier sollte anders gewichtet werden, denn die Erfahrung zeigt: Bei Pflegekräften aus dem Ausland mangelt es oft an der Qualität der Alltagssprache.

Welche Maßnahmen haben Sie bereits geplant?

Prof. Bauer: Ich habe konkret vor, bayernweite Pflegestammtische einzurichten. Menschen sollen sich so über Probleme vor Ort austauschen und gegenseitig unterstützen können. Das soll zunächst niederschwellig und ohne aufwendige Formalien umgesetzt werden. Ziel soll es sein, Menschen in Form von Gesprächskreisen zusammenzubringen, die die gleichen Interessens- und Problemlagen teilen. Dieses Projekt ist eine Herzensangelegenheit für mich und ich hoffe, dass wir dieses Vorhaben mit Unterstützung aller wichtigen Akteure im Gesundheits- und Pflegebereich umsetzten können.

Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht der Hausarzt bei der Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen?

Prof. Bauer: Der Hausarzt ist so zu sagen die ‚Königsfigur im Gesundheitswesen‘. Er begleitet die Patienten von der Wiege bis zur Bahre, kennt die sozialen Strukturen und bringt dadurch auch eine hohe soziale Kompetenz mit. Er wird mit Arbeit überflutet, das weiß ich, aber er hat trotzdem die Empathie für seine Patienten und steht ihnen betreuend und hilfreich zur Seite. Ich will die Rolle des Hausarztes stärken und damit auch die sprechende Medizin. Das muss natürlich auch besser honoriert werden. Die Sprechzeiten und insbesondere die Hausbesuche – von denen ich weiß, wie wertvoll sie sind- müssen angemessen vergütet werden, das ist der wichtigste Punkt für mich.

Sie kommen aus Ansbach in Mittelfranken, wo sich der Hausärztemangel stark bemerkbar macht. Gerade der Planungsbereich Ansbach-Nord gilt mit einem Versorgungsgrad von 77 % als unterversorgt. Wo sehen Sie Möglichkeiten zur Lösung dieses Problems?

Prof. Bauer: Hier setze ich auf die Gewinnung des hausärztlichen Nachwuchses. Dabei gibt es drei wichtige Punkte. Erstens: Mehr Medizinstudienplätze. Im Koalitionsvertrag haben wir uns das Ziel gesetzt, 2000 neue Medizinstudienplätzen in Bayern zu schaffen. Zweitens sehe ich in dem Stipendienprogramm, das Medizinstudierende mit 600 Euro im Monat unterstützt, sofern sie sich für eine Niederlassung im ländlichen Raum entscheiden, einen hervorragenden Anreiz. Und die Zahlen der Stipendiaten bestätigen, dass wir richtig liegen. Drittens muss der Zugang zum Medizinstudium neu geregelt werden. Praktische Erfahrungen müssen bei der Bewerbung stärker berücksichtigt werden. Hier ist auch die Eignungsprüfung zu unterstützen, die zusammen mit dem Notendurchschnitt über eine Zulassung entscheiden kann. Die Note ist nicht ersetzbar, das ist klar, aber Empathie wird in einer Note wenig bis gar nicht berücksichtigt. Das muss sich ändern und ist im Koalitionsvertrag so festgeschrieben.

Der Bayerische Hausärzteverband setzt sich seit Jahren dafür ein, dass jede medizinische Fakultät in Bayern einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin hat. Nun steht nur noch Regensburg aus. Ist das auch ein Thema für Sie?

Prof. Bauer: Unbedingt! Jede medizinische Fakultät sollte einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin haben, nicht nur für eine umfassendere Medizinausbildung der Studierenden. Ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin steht auch stellvertretend für die Anerkennung der Allgemeinmedizin. Ich erinnere mich noch: 2008 gab es lediglich einen Stiftungslehrstuhl in München, da sind wir heute einen großen Schritt weitergekommen und ich will auch noch den letzten Schritt erfolgreich gehen.