„Ein Praxisnachfolger braucht den heutigen Standards entsprechende Räume“

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Dr. Stefan Semmler ist seit Mitte März Bezirksvorsitzender Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes. Der hausärztliche Internist ist seit 1999 in Lappersdorf im Landkreis Regensburg niedergelassen. Im Interview spricht er darüber, warum es vielerorts so schwierig ist, Praxisnachfolger zu finden, was er gegen den Hausärztemangel in seiner Region tun will und welche weiteren Ziele er verfolgt.

Dr. Stefan SemmlerZum Vergrößern bitte klicken.

Dr. Stefan Semmler ist seit Mitte März Bezirksvorsitzender Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes. Der hausärztliche Internist ist seit 1999 in Lappersdorf im Landkreis Regensburg niedergelassen. Im Interview spricht er darüber, warum es vielerorts so schwierig ist, Praxisnachfolger zu finden, was er gegen den Hausärztemangel in seiner Region tun will und welche weiteren Ziele er verfolgt.

Sie sind seit 2017 Mitglied der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) und wurden nun zum Bezirksvorsitzenden Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes gewählt. Was hat den Ausschlag für Ihren Einstieg in die Berufspolitik gegeben?

Dr. Semmler: Im Vorfeld der BLÄK-Wahlen 2017 wurde auch von Seiten des Bayerischen Hausärzteverbandes dazu aufgerufen, dass sich mehr Hausärzte in der Kammer engagieren sollten, um dort hausärztliche Interessen besser vertreten zu können. Damals habe ich mich aufstellen lassen und wurde als Delegierter gewählt. Die Arbeit im Ausschuss Niedergelassene Ärzte der BLÄK ist richtig interessant, auch der intensive Austausch mit hausärztlichen und fachärztlichen Kollegen. Das hat für mich den Ausschlag gegeben, mehr in die berufspolitische Arbeit einzutauchen und auch im Berufsverband aktiver zu werden. Schließlich lag die große Stärke der Hausärzte in Bayern immer in ihrer Einheit. Das hat sich auch an den Erfolgen der letzten Jahre gezeigt. Ich denke da zum Beispiel an die neue Prüfvereinbarung, die de facto zu einer Abschaffung der Arzneimittelregresse geführt hat. Das ist maßgeblich der geschlossen auftretenden Hausarztfraktion in der KVB zu verdanken.

Hausärztemangel ist in den ländlichen Regionen der Oberpfalz ein großes Thema. Wie wollen Sie als Bezirksvorsitzender gegensteuern?

Dr. Semmler: Ich denke, wir müssen erst einmal bei der Politik ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht eine mangelnder Leistungsbereitschaft oder keine Lust, aufs Land zu gehen Ursache dafür sind, dass wir zu wenige Hausärzte auf dem Land haben. Ein Hauptgrund ist vielmehr, dass wir zu wenige Mediziner ausbilden. Die Anzahl der Medizinstudienplätze pro Jahr für Erstsemester wurde von 17.000, im Jahr 1990, auf 10.800, im Jahr 1992, reduziert, um einer damals drohenden „Ärzteschwemme“ gegenzusteuern. In der Zwischenzeit stieg der Bedarf an medizinischer Versorgung, und zwar nicht nur, aber besonders stark im hausärztlichen Bereich, weil die Menschen älter werden und die Multimorbidität steigt. Die Politik muss damit aufhören, sich auf dem Standpunkt „die wollen nicht“ auszuruhen und mit immer neuen Gesetzen um die Ecke zu kommen, die nichts bringen – außer Unmut bei den Ärzten.

Und wenn die Politik das verstanden hat…

Dr. Semmler: …dann muss sie also zunächst einmal bundesweit mehr Medizinstudienplätze schaffen. Und wir brauchen hier in Regensburg endlich auch einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin, damit die Fachrichtung von Anfang an bei den Medizinstudierenden präsent ist. Dafür gibt es bereits parteiübergreifend große Unterstützung. Wir Hausärzte sind natürlich auch selbst gefragt, uns in Weiterbildungsverbünden mehr als bisher zu engagieren, auch mit Ausbildungskonzepten, die über das Fachliche hinausgehen. Es geht darum, den angehenden Medizinern unternehmerisches Wissen mit auf den Weg zu geben, Praxiskonzepte zu entwickeln, die für junge Ärzte attraktiv sind.

Wie könnten diese Praxiskonzepte aussehen?

Dr. Semmler: Ich denke an Filialpraxen mit angestellten Ärztinnen und Ärzten, die bei entsprechendem Wunsch auch im Verlauf als eigenständige Praxen übernommen werden können. Dies würde den Schritt für viele zur eigenen Praxis erheblich erleichtern. Auch die Einzel- und Gemeinschaftspraxis mit angestellten Ärztinnen und Ärzten ist ein Konzept, das sich in der Praxis vielfach bewährt, im besten Fall eine klassische „Win-win-Situation“. Auch MVZ unter hausärztlicher Trägerschaft gibt es bereits und die funktionieren bestens. Hier werden medizinische und wirtschaftliche Expertise gebündelt. Das Wissen und die Erfahrung dieser Kollegen weiterzugeben muss Ziel unserer berufspolitischen Arbeit sein.

Skeptisch bin ich bei MVZ unter nichtärztlicher Trägerschaft. Zum Teil fehlen das medizinische Wissen und die Empathie dem Kranken gegenüber. Der Patient ist kein Kunde. Ich bin in Sorge, dass wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund rücken.

Vielerorts gibt es ja schon eine Hausarztpraxis, für die sich aber kein Nachfolger findet….

Dr. Semmler: …weil die Nachfolger oft keine den heutigen Standards entsprechende Räumlichkeiten finden. Wenn sich ein potentieller Nachfolger erst auf die Suche nach Räumlichkeiten machen muss, die dann noch umfangreich renoviert werden müssen, schreckt das sicher viele ab und ist ja finanziell auch nur schwierig zu stemmen. Ich sehe da auch die Gemeinden in der Pflicht. Sie müssen anfangen, schon im Vorfeld eines freiwerdenden Sitzes bei der Entwicklung von Baugebieten Möglichkeiten für moderne Praxisräume einzuplanen. Dabei stellen sich die Fragen: Welche Räumlichkeiten vor Ort sind geeignet, sind barrierefrei, möglichst zentral gelegen und bieten Parkmöglichkeiten?

Welche Themen sind Ihnen sonst noch besonders wichtig?

Dr. Semmler: Ich werde mich für die Stärkung regionaler Hausarztkreise einsetzen und die Zusammenarbeit zwischen Haus-, Fach- und Klinikärzte fördern. Das Entlassmanagement ist bei uns beispielsweise noch nicht optimal gelöst, und die Patientensteuerung muss besser funktionieren. Konkret heißt das, die Überweisung muss Grundlage jedes Facharztbesuchs sein. Wenn es uns nicht gelingt, in diesen und anderen Bereichen künftig fachübergreifend besser zu kooperieren, dann werden wir weitere Vorgaben von der Politik kassieren. Wichtig ist mir auch, dass in Zeiten großen wirtschaftlichen Drucks in allen Versorgungsebenen nicht einzelne zu Lasten der Allgemeinheit profitieren. Als Verband beziehungsweise im Verband habe ich viel bessere Möglichkeiten, Rückmeldung über negative Entwicklungen zu geben als mir das als einzelner Arzt möglich ist. Wenn ich einen Missstand feststelle und diesen als einzelner Arzt moniere, werde ich vielleicht als Nörgler wahrgenommen, den man nicht ernst nehmen muss. Tue ich das als Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, habe ich ein ganz anderes Standing. Das werde ich nutzen!