"Mehr Hausärzte und soziale Verantwortung statt generelle Impfpflicht"

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Dr. Markus Beier März 2016Zum Vergrößern bitte klicken.

Diese Meldung geht seit Tagen um die Welt: Wegen einer möglichen Ansteckung mit Masern stehen derzeit hunderte Studenten und Mitarbeiter an zwei US-Universitäten in Los Angeles unter Quarantäne. Es handelt sich dabei um eine der größten Quarantäne-Anordnung in der Geschichte Kaliforniens. Auch in Deutschland hört man immer wieder von Masernausbrüchen. Ist der Kampf gegen die vermeintliche Kinderkrankheit gescheitert? Brauchen wir eine Impfpflicht? Fragen an Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Herr Dr. Beier, wie gefährlich sind Masern?

Dr. Markus Beier: Weltweit sind Masern noch immer eine wesentliche Todesursache bei Kindern. Experten schätzen, dass im Jahr 2013 etwa 146.000 Kinder aufgrund von Masern verstarben, das sind 400 Kinder am Tag. Und die Masern sind auch keine Kinderkrankheit. Masern sind hochansteckend und führen gerade bei Erwachsenen zu schwerwiegenden Komplikationen. Durch eine vorübergehende Immunschwäche kommt es nach einer Masernerkrankung zu anderen Erkrankungen, wie zum Beispiel Durchfall, Mittelohrentzündung, Lungenentzündung und Enzephalitiden. Als Spätfolge kann die so genannte subakut sklerosierende Panenzephalitis auftreten, eine schwere Gehirnerkrankung, die in jedem Fall zum Tod führt.

Stimmt der Eindruck, dass immer mehr Menschen sich nicht impfen lassen?

Dr. Markus Beier: Nein, Gott sei Dank nicht. Vor allem wir Hausärzte, aber auch die Kinder- und Betriebsärzte leisten hier sehr viel Aufklärungsarbeit. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts steigen bei Kindern die Impfquoten kontinuierlich an. Im Jahr 2006 waren nur 83,2 % der einzuschulenden Kinder zweimal gegen Masern geimpft, 2011 waren es 92,1% und 2016 schon 92,9%. Unser Ziel sind aber Impfquoten von über 95 Prozent, da man dann davon ausgeht, dass sich Masern nicht mehr ausbreiten können. Viel schlechter sieht es allerdings bei den Erwachsenen aus. Hier gibt es noch einen großen Nachholbedarf. So sind in Bayern nur 75,7 Prozent der Menschen ausreichend gegen Masern geimpft. In einigen Regionen ist die Impfquote sogar noch schlechter. So hat das Robert-Koch-Institut für die Landkreise Freyung-Grafenau und Bad Tölz/Wolfratshausen nur Impfquoten von rund 56 Prozent ermittelt.

Das am 2015 in Kraft getretene Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention enthält zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung des Impfschutzes und zur Erhöhung der Impfquoten. So sollen Eltern bei der Erstaufnahme in eine Kindertageseinrichtung einen Nachweis darüber erbringen, dass vor der Aufnahme eine ärztliche Beratung in Bezug auf den Impfschutz des Kindes erfolgt ist. Reicht das?

Dr. Markus Beier: Dass die Impfquoten bei Kindern steigen, hat sicherlich mit einer erhöhten Sensibilität und einer besser Aufklärung zu tun. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, wird eindringlich erklärt, dass sie damit das Leben ihres Kindes aufs Spiel setzen.

Wie schließt man die Impflücken bei den Erwachsenen? Brauchen wir eine Impfpflicht?

Dr. Markus Beier: „Selbstverständlich müssen bestimmte Berufsgruppen, wie im Gesundheitsbericht, geimpft sein. Die potentielle Gefahr, die Ungeimpfte für die Allgemeinheit und vor allem für ihre nächsten Mitmenschen darstellen, ist nicht zu unterschätzen. Dies betrifft bei weitem nicht nur die Masern, sondern unter anderem auch Röteln, Windpocken, Pertussis (Keuchhusten) etc. Mit einer generellen Impfpflicht würde die Politik aber nur den schwarzen Peter an uns Ärzte weiterschieben. Jedoch sollten schon insgesamt weitere Restriktionen in öffentlichen Einrichtungen und Institutionen, auch gerade im Erwachsenalter geprüft werden. Völlig undiskutiert ist bisher auch die Kostenbeteiligung von Ungeimpften an dem Schaden, den sie sich und anderen zufügen. Laut einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist der Anteil der Impfbefürworter in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen Mittlerweile bezeichnen sich 77 Prozent der Bundesbürger als Impfbefürworter. Nur drei bzw. zwei Prozent stehen dem Impfen eher ablehnend oder ablehnend gegenüber. Der Rest von 18 Prozent hat zumindest teilweise Vorbehalte. Wir brauchen Hausärzte, die auch honorierte Zeit erhalten, um unsere Patienten aufklären zu können, und mehr soziale Verantwortung – keine generelle Impfpflicht. Das beste Mittel, um Impflücken zu schließen, sind deshalb die Hausarztverträge. Bei HzV-Patienten überprüft der Hausarzt regelmäßig den Impfstatus. Wir fordern deshalb auch aus vielen anderen Gründen, die Hausarztverträge immer weiter zu stärken.

Warum lassen sich Menschen nicht impfen?

Dr. Markus Beier: Laut dieser repräsentativen Studie haben 35 Prozent angegeben, den Impftermin verpasst oder vergessen zu haben. Ebenfalls häufig genannt wurden Angst vor Nebenwirkungen, die Meinung, dass die Krankheit, gegen die geimpft werden sollte, nicht besonders schwer sei, Zeitmangel und der Glaube, dass die Impfung nicht schützt – also alles Themen, die man bei Patienten, die einen eigenen Hausarzt haben, gut in den Griff bekommt. Viele Patienten wissen auch gar nicht, wie ihr Impfstatus ist. Zwar haben 90 Prozent angegeben, einen Impfpass zu besitzen, aber ein Fünftel weiß nicht oder nur ungefähr, wo er deponiert ist. Auch hier sind die Schlüssel zur Lösung die Hausarztverträge.

Trotzdem gibt es Patienten, die sich partout nicht impfen lassen.

Dr. Markus Beier: Bei der Studie haben 18 Prozent der Befragten erklärt, sie hätten im Internet oder in den Medien impfkritische Berichte gelesen und würden sich deshalb nicht impfen lassen. Da wäre eine im Gesetz verankerte Impfpflicht sogar kontraproduktiv. Da hilft nur Aufklärung und das persönliche Gespräch zwischen Hausarzt und Patient.

Im Internet liest man zum Beispiel, dass die MMR-Impfung Autismus und Morbus Crohn auslösen kann.

Dr. Markus Beier: Ein eindrucksvolles Beispiel, dass zeigt, wie gefährlich es sein kann, sich auf einzelne Quellen im Internet zu berufen. Fakt ist, dass 1998 eine Studie von einem Arzt veröffentlicht wurde, in der ein angeblicher Zusammenhang zwischen der Masern-Impfung und Morbus Crohn sowie Autismus bei zwölf Kindern beschrieben wurde. Später stellte sich heraus, dass der Autor die Studien-Ergebnisse gefälscht hatte. Er verlor seine Zulassung als Arzt und die Studie wurde als nicht wissenschaftlich eingestuft und zurückgezogen.

 

Quellen

https://www.bzga.de/fileadmin/user_upload/PDF/studien/infektionsschutzstudie_2016--f4f414f596989cf814a77a03d45df8a1.pdf

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2018/Ausgaben/16_18.pdf?__blob=publicationFile

http://www.vacmap.de

https://www.impfen-info.de/impfempfehlungen/fuer-erwachsene/masern/#/jfmulticontent_c32652-1