Apropos Vergütung TSVG-Konstellationen: „Falsche Anreize und Bürokratie hoch zehn!“

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Dr. Markus Beier März 2016Zum Vergrößern bitte klicken.

„Die vom Bewertungsausschuss vorgelegten Eckpunkte zur Vergütung der Termine aus TSVG-Konstellationen machen noch einmal ganz deutlich, wie sehr die Maßnahmen im TSVG, Patienten schneller zu Facharztterminen zu verhelfen, an der Versorgungsrealität vorbei gehen. Mehr noch: Mit falschen Anreizen und der Steuerung der Patienten durch anonyme Terminservicestellen statt von Hausärzten wird die Problematik noch verschärft.

Wenn Patienten auf Facharzttermine warten müssen, dann deshalb, weil den Fachärzten Kapazitäten fehlen. Eine gezielte Patientensteuerung durch Hausärzte, wie dies in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) umgesetzt wird, kann Spezialisten entlasten und dadurch Kapazitäten schaffen. Wir Hausärzte kennen unsere Patienten und ihre Krankengeschichte. Deshalb können wir neu auftretende Beschwerden einschätzen, auch im Hinblick auf ihre Dringlichkeit, und die Patienten dann an den geeigneten Spezialisten zur Weiter- und Mitbehandlung überweisen, wenn dies wirklich nötig ist.

Dieses erfolgreiche System wird bei der Terminvermittlung durch Terminservicestelle unterlaufen, hier schlagen die Patienten ungefiltert in den Facharztpraxen auf. Das schmälert die ohnehin schon knappen Ressourcen der Spezialisten. Daran ändern die in den Eckpunkten des Bewertungsausschusses vorgesehenen finanziellen Anreize für die Aufnahme neuer oder vermittelter Patienten nichts. Zu befürchten ist vielmehr, dass chronisch Kranke das Nachsehen haben werden, wenn sie länger auf ihre dringend benötigten Behandlungstermine warten müssen, weil neuen oder von den Terminservicestellen vermittelten Patienten der Vorzug gegeben wird. Die Einrichtung von mindestens fünf freien Sprechstunden pro Woche, zu denen Fachärzte verpflichtet werden – natürlich wieder unterlegt mit entsprechenden Vergütungsanreizen – dürfte den Zulauf in Facharztpraxen noch erhöhen und damit diese Problematik zusätzlich verschärfen.

Den Hausärzten wird dadurch ihre Steuerungsfunktion abgesprochen – eine Abstrafung für alle effektiv arbeitenden Hausarztpraxen. Da ist der Obolus von rund 10 Euro, den der Bewertungsausschuss Hausärzten für die Vermittlung von Patienten an Fachärzte in dringenden Fällen in Aussicht stellt, nur ein schwacher Trost. Zumal dieser mit bürokratischem Aufwand verbunden ist und von der Kooperation des Facharztkollegen abhängt: Um den Zuschlag abrechnen zu können, muss der Hausarzt seinen Facharztkollege zu einem Termin innerhalb von vier Kalendertagen bewegen und dessen Betriebsstättennummer ermitteln, denn die darf auf der Abrechnung nicht fehlen. Nicht der einzige Aufschlag an Bürokratie: Zur Abbildung der unterschiedlichen TSVG-Konstellationen kommen auf die Vertragsärzte eine ganze Reihe neuer Abrechnungsziffern zu. Denn anders als bei der Terminvermittlung durch en Hausarzt stehen bei der Vermittlung durch Terminservicestellen unterschiedliche Zeitkorridore offen, die auch unterschiedlich bewertet werden – alters- und fachgruppenspezifisch, versteht sich.

Das ganze Konstrukt muss natürlich auch kontrolliert werden. Vorgesehen ist, dass die Abrechnungsdaten der Praxen mit den Daten der Terminservicestellen abgeglichen werden und das Ergebnis der Prüfung jeder Arztpraxis auch den Krankenkassen zur Verfügung gestellt wird.
Fazit: Bürokratie hoch zehn und falsche Anreize, die eine effektive Patientensteuerung durch Hausärzte aushebeln und Ärzte-Hopping fördern. Dadurch wird Fachärzten noch weniger Zeit bleiben für Patienten, die ihre Hilfe wirklich brauchen.