Gesetzeswut aus Berlin: Eine Bestandsaufnahme

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

noch nie haben wir uns in so kurzer Zeit mit so vielen Änderungen befassen müssen, die maßgeblich in unsere Praxisstruktur greifen. 16 Gesetze in 16 Monaten Amtszeit: Unser Gesundheitsminister strotzt voller Tatendrang und hat uns damit bisher reinen Aktionismus statt nachhaltiger Versorgungsverbesserung geliefert. An manchen Stellen ist sogar die Beschreibung „gefährlicher Aktionismus“ angebracht.

Jens Spahn ist ein Fan der Digitalisierung – am besten überall und sofort. Aber Gesundheit ist für uns kein Lifestyleprodukt, das sich schnell über eine App verkaufen lässt. Wir sind in unseren Praxen mit der Realität konfrontiert und die sieht anders aus: Die Verordnung über Apps, ohne fundierte Wirksamkeitsnachweise, Kenntnisse der Wirkstärke oder einem Nebenwirkungsprofil muss hinterfragt werden. Denn eins ist jetzt schon sicher: Die Verunsicherung werden wir in unseren Praxen auszubaden haben. Hier werden wir einen seriösen Prüfkatalog fordern, um die Nützlichkeit der Apps bewerten und unsere Patienten bestmöglich beraten zu können.
Dringend hinterfragt gehören auch die Anreize zur Versorgungssteuerung über eine praxisferne Terminservicestelle (TSS), die uns noch mehr Bürokratie, mehr Schnittstellenprobleme und weniger Steuerung nach medizinischer Notwendigkeit bringt. Mit der TSS wird nun zwischen Neu- und Bestandspatienten unterschieden. Das ebnet den Weg in die eigentliche Zwei-Klassen-Medizin der Zukunft. Unsere Antwort darauf kann und wird nur der weitere Ausbau der Hausarztzentrierten Versorgung sein.

Wehren werden wir uns auch gegen Spahns Pläne, die vorsehen, dass chronisch kranke Patienten mittels drei Quartalsrezepten regelmäßig in der Apotheke vorstellig werden und wir Ärzte die Therapie nur noch einmal im Jahr überwachen können. Dies hat mit ärztlicher Behandlung nichts mehr zu tun, missachtet die tagtägliche Leistung unserer Praxen und ist potenziell gefährlich!

Wirkliche Probleme wurden vom Gesetzgeber bisher gekonnt übersehen: So gibt es weiterhin keine signifikante Eindämmung von kapitalgesteuerten MVZ und damit ein weiteres Eindringen von Konzernstrukturen in die Versorgung. Hierzu gehören auch die KI-gesteuerten Angebote der Kassen. Wo Kapitalinteressen die Versorgung steuern, wird die Indikation nicht mehr nach Patientenwohl, sondern nach Ertrag festgelegt. Eine gravierende Gefährdung guter Medizin und ärztlicher Fürsorge. Nicht mit uns! Wir wollen unsere Teams weiter stärken, unseren ärztlichen Nachwuchs und unsere MFA noch weiter fördern. Dazu brauchen wir Ihre Unterstützung!

Wir wollen unseren Patienten helfen und nicht schaden: Die Wahrung unseres Therapieprinzips – „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ - dürfen wir und alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen nicht aus den Augen verlieren! Gezielte Förderung und Honorierung bei Schutz vor Überversorgung gehört genauso dazu wie endlich ein weiterer Ausbau der sprechenden Medizin, beispielsweise durch eine Impfberatung als eigene Ziffer, ohne dass dabei gleich eine Impfung erfolgen muss.

Sie sehen es gibt viele wichtige Anliegen, für die wir uns einsetzen und Fehlentwicklungen, gegen die wir kämpfen werden.

Jetzt wünschen wir Ihnen und Ihrem Praxisteam aber erstmal eine hoffentlich erholsame Ferienzeit. Sie haben sich das verdient!

Ihr
Dr. Markus Beier

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