„Forschungsnetzwerk macht Allgemeinmedizin attraktiv für den Nachwuchs“

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Auf dem 53. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) vom 12. bis 14. September in Erlangen wurde Prof. Antonius Schneider, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München (TUM), zum stellvertretenden Präsidenten der DEGAM gewählt. Im Interview spricht er darüber, welche Eindrücke er aus Erlangen mitgenommen hat, wo er Schwerpunkte in der allgemeinmedizinischen Forschung und Lehre sieht und welche Bedeutung diese auch mit Blick auf den Nachwuchs haben.

Prof. SchneiderZum Vergrößern bitte klicken.

Herr Prof. Schneider, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt als stellvertretender DEGAM-Vorsitzender. Damit sind sicher auch neue Aufgaben verbunden…

Prof. Schneider: Nun, ganz neu sind sie nicht, ich bin schon seit 2010 im Präsidium der DEGAM, zunächst als stellvertretender Sprecher und dann als Sprecher der Sektion Forschung.

Dann haben Sie auch schon einige DEGAM-Kongresse erlebt, waren selbst schon zweimal Kongresspräsident. Welche Eindrücke haben Sie vom diesjährigen Kongress in Erlangen mitgenommen?

Prof. Schneider: Zunächst einmal war es schön, wieder einen DEGAM-Jahreskongress auf bayerischem Boden zu haben, und Erlangen ist ja auch eine schöne Stadt. Es war eine sehr familiäre Atmosphäre, und ich habe mich gefreut, dass mit Dr. Markus Beier eine führende Persönlichkeit des Bayerischen Hausärzteverbands am DEGAM-Kongress teilgenommen hat, auch Dr. Ernst Engelmayr – unter anderem auch stellvertretender Bundesvorsitzender des IhF – war dabei. Ich habe auch einige meiner Lehrärzte getroffen, denen ich vorher noch nicht auf DEGAM-Kongressen begegnet bin. Das zeigt, dass wir Allgemeinmediziner aus Wissenschaft und Berufspolitik uns zusammenschließen.

Gefreut hat mich auch die internationale Beteiligung, zum Beispiel durch Prof. Bohumil Seifert, der in seiner Key-Note-Lecture gemeinsam mit Dr. Andreas Schuster über den Wandel des Gesundheitssystems in Tschechien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs berichtete, während Dr. Schuster auf die Gesundheitsversorgung zu Zeiten der DDR und danach einging.

Interessant fand ich die Vorträge, die sich mit den Grenzen der Medizin auseinandersetzen, mit Über- und Fehlversorgung. Aber wir müssen auch darauf achten, nicht nur Fehlentwicklungen aufzuzeigen, sondern auch herausstellen, was besonders gut läuft, wo unsere Kernkompetenzen als Hausärzte liegen. Dabei spielen hausärztliche Forschung und Versorgungsforschung eine entscheidende Rolle.

Wo sehen Sie in nächster Zeit Schwerpunkte der allgemeinmedizinischen Forschung und Lehre?

Prof. Schneider: Ein Stichwort ist hier die Digitalisierung. Wir werden beispielsweise untersuchen müssen, welche Bedeutung die Digitalisierung in der Primärversorgung hat, wie wir sie optimal für uns nutzen können, in wie fern sich digitale Anwendungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis auswirken. Dann werden wir als medizinische Fachgesellschaft auch unseren Beitrag zum Thema Klimawandel leisten.

Ein weiterer Schwerpunkt bleibt die Nachwuchsgewinnung. Wie können wir Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte nachhaltig für die Allgemeinmedizin begeistern und das Fach so gestalten, dass es für die jungen Ärzte interessant bleibt. Um das herauszufinden, brauchen wir systematische Analysen zur Rolle der Hausärzte, um deren Bedeutung für die medizinische Versorgung der Gesellschaft besser herauszuarbeiten, und wir müssen dazu auch Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung befragen.

Welche Projekte möchten Sie besonders vorantreiben?

Prof. Schneider: Besonders am Herzen liegt mir und uns Professoren und Professorinnen der Allgemeinmedizin, gemeinsam mit den Hausarztpraxen vor Ort bayernweit ein großes, allgemeinmedizinisches Forschungsnetzwerk aufzubauen, um die unterschiedlichen Aspekte hausärztlicher Versorgung besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, sie weiter zu verbessern. Wissenschaftliche Ergebnisse auf diesem Gebiet verschaffen der Allgemeinmedizin mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Lehre, aber vor allem auch in der Gesellschaft. Das wiederum trägt dazu bei, dass die Allgemeinmedizin attraktiv für den Nachwuchs ist und bleibt.

Ein erster Schritt war die Gründung des Bayerischen Forschungsnetzwerks, an dem alle vier Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Bayern mitwirken und mit dem wir eine Förderzusage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten haben. Das gibt uns finanziellen Spielraum. Wir sind jetzt dabei, Forschungspraxen zu gewinnen, und hier hoffe ich auch auf die Unterstützung des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Welche Voraussetzung muss eine Hausarztpraxis erfüllen, um Forschungspraxis zu werden?

Prof. Schneider: Forschungspraxis kann jede normale hausärztliche Versorgerpraxis werden, Begeisterung ist das Allerwichtigste. Ideal ist es, wenn nicht nur die Hausärzte, sondern das ganze Praxisteam dahinter steht. Als Vorbereitung auf die Teilnahme an Studien, die von den bayerischen Lehrstühlen für Allgemeinmedizin ausgehen, haben wir alle gemeinsam ein Schulungsseminar in Kooperation mit dem Münchner Studienzentrum (MSZ) der TU München entwickelt, das auch schon mehrmals stattgefunden hat. Sobald wir wieder fünf bis sechs Interessenten haben, werden wir wieder ein Seminar anbieten.

Welche Studien stehen aktuell an?

Prof. Schneider: Ein aktuelles Projekt untersucht am Beispiel Asthma bronchiale, ob Online-Patientenschulungen eine sinnvolle Alternative zu Präsenzschulungen darstellen könnten. Gerade Patienten mit saisonalen asthmatischen Beschwerden verzichten oft auf eine Präsenz-Patientenschulung und nehmen damit Asthma-Anfälle in Kauf, weil sie meinen, „das wird schon wieder“. Solche Patienten, die sich nicht die Zeit für einen Schulungstermin in der Praxis nehmen wollen, könnten wir vielleicht mit einer Online-Asthma-Schulung erreichen, die bequem auch am Abend oder Wochenende absolviert werden kann.

Ein entsprechendes Schulungskonzept, das gemeinsam mit Dr. Konrad Schultz, Medizinischer Direktor der Rehabilitationsklinik Bad Reichenhall entwickelt wurde, wurde im klinischen Bereich bereits erfolgreich evaluiert. Jetzt wollen wir sehen, ob das Konzept auch in der ambulanten Versorgung funktioniert. Dazu brauchen wir Hausärzte, die ihre Asthma-Patienten zur Teilnahme an der Online-Schulung auffordern und beim nächsten Termin in der Praxis abfragen, was von der Schulung hängen geblieben ist und auch absichern, ob das das Wissen zuverlässig erworben wurde und die Inhalte nicht falsch aufgefasst wurden. Darüber hinaus ist natürlich auch wichtig, dass die Patienten ganz praktisch in der Anwendung der Inhalativa und Durchführung der peak-flow-Selbstmessung unterwiesen werden. Hier kann man den guten Arzt-Patient-Kontakt nicht ersetzen.

Sie haben Interesse an Studien und möchten mit Ihrer Hausarztpraxis Teil des Bayerischen Forschungsnetzwerks werden? Dann wenden Sie sich an das Institut für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München (TUM), der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) oder der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Gerne können Sie auch Prof. Antonius Schneider per E-Mail kontaktieren unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!