Die Entscheidung zum Impfen fällt in der Hausarztpraxis

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Bei der Anhörung des Ausschusses für Gesundheit und Pflege des Bayerischen Landtags zum Thema „Erfolgversprechende Wege zur Erhöhung der Impfraten, insbesondere bei Masern“ am 08.10 waren sich die Experten einig: Die Impflicht bleibt Ultima Ratio, aber die Impfraten sollen und müssen weiter erhöht werden, denn wer nicht umfassend geimpft ist, schadet sich selber und anderen.

Dr. Markus Beier März 2016Zum Vergrößern bitte klicken.

Aus Sicht der Verhaltenswissenschaft gibt es keine Evidenz dafür, dass eine Impflicht zur höheren Impfraten führt. So eindeutig stellte Prof. Dr. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt am Dienstagnachmittag Ihre Ergebnisse vor. „Unsere Befragungen haben ergeben, dass das Impfen als nicht einfach genug empfunden wird und - das Vertrauen in Impfungen fehlt“. Folglich müsse vertrauensbildend gearbeitet werden, Ärzte gehören mehr unterstützt und der Zugang muss durch automatische Impferinnerungen vereinfacht werden.
Diese Erkenntnisse stützen die Forderungen des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Eine separate Impfberatung wird uns Ärzten bislang nicht honoriert“, machte Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, deutlich. „Um die Qualität der Impfberatung und damit auch die Akzeptanz von Impfungen generell zu erhöhen, brauchen wir eine Abrechnungsziffer für die Impfberatung, die mindestens einmal im Jahr auch ohne Impfung vergütet wird“. Angesichts der neuen Regelung zum Check-Up 35 im EBM trägt diese Forderung noch mehr Gewicht: Statt alle zwei Jahre, können Patienten Ihre routinemäßige ‚Gesundheitsuntersuchung‘ nur noch alle drei Jahre in Anspruch nehmen. „Das wirkt sich auch auf die Impfberatung aus, weil die Überprüfung des Impfstatus häufig an den Check-Up gekoppelt ist.“

Dr. Beier: „Die Erfahrung in der Praxis zeigt, dass unsere Patienten häufig gar nicht wissen, welche Impfungen sie schon hatten und welche fehlen. Insofern gehört die Kontrolle des Impfpasses bei uns zur Routine“. Ein digitaler Impfpass sowie ein digitales Impfprogramm mit Recall-Funktion würde diesen Prozess erheblich vereinfachen.

Schelling facebookZum Vergrößern bitte klicken.

Impfen in Apotheken?

Einigkeit herrschte unter den Experten auch beim Thema Impfen in Apotheken oder öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten: „Wenn jeder ein bisschen impft, haben wir das Problem, dass am Ende der Überblick verloren geht“, gab Prof. Dr. Jörg Schelling zu bedenken. Der Facharzt für Allgemeinmedizin und ehemalige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der LMU sieht hier vor allem Gefahren für Risikopatienten: „Für sie ist es wichtig, eine Anlaufstelle beziehungswiese einen ‚Impfmanager‘ zu haben, der die Krankengeschichte im Auge hat und medizinisches Fachwissen mitbringt“. Dies könne nur die Hausarztpraxis oder die kinderärztliche Praxis leisten.
„In Apotheken, Schulen oder anderen Einrichtungen kann in jedem Fall eine Impfberatung erfolgen, wegen der fehlenden notfallmäßigen Behandlungsmöglichkeiten sollte aber auf das Impfen verzichtet werden“, ergänzte Dr. Beier.

Nachholbedarf nicht nur bei Masern

Auch wenn die Masern im kinderärztlichen Bereich ein ernstes Problem darstellen, gibt es bei einigen Impfungen Nachholbedarf: FSME, Pertussis (Keuchhusten), die HPV-Impfung bei jungen Erwachsenen oder die saisonale Influenzaimpfung. Besonders betroffen sind Patienten mit Immunschwäche oder Immunsuppression, sie gilt es vor den Gefahren einer Ansteckung zu schützen. Impfwerbung in Magazinen oder auf Leuchtreklamen erreichen diese Patientengruppe nicht, bemerkte Prof. Schelling. „Die Entscheidung für das Impfen wird in den Arztpraxen, im Eins-zu-Eins-Gespräch gefällt“. Der Fokus der Öffentlichkeitsarbeit sollte deshalb auch auf den Schutz der Schwächeren in der Gesellschaft gelenkt werden.

„Wir sind uns einig, dass die Impflücken bei den Älteren groß sind. Hier brauchen wir eine Arzt Masterplan, der auch die jährliche Impfberatung umfasst“, fasste Dr. Beier in seinem Fazit zusammen. „Die Erfolge sehen wir bereits in der Hausarztzentrierten Versorgung. Die Influenza-Impfrate von HZV Patienten ist signifikant und relevant höher“. Dies gilt insbesondere auch für Versicherte ab 60 Jahren und für Pflegeheimbewohner, wie die jüngste Evaluation der HZV durch die Universitäten Heidelberg und Frankfurt am Main ergaben.

Hausärzte und Kinderärzte in Bayern starten gemeinsame Initiative gegen Masern

Im Rahmen der Anhörung haben der Bayerische Hausärzteverband (BHÄV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Bayern (BVKJ) bekannt gegeben, verstärkt über den Nutzen der Masernimpfung aufzuklären und damit die Impfquoten gegen diese hoch ansteckende Viruserkrankung zu erhöhen.
Die gemeinsame Pressemitteilung finden Sie hier.