„Der Gesetzes-Tsunami geht am Bedarf vorbei und richtet sich gegen hausärztliche Interessen“

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2019 07 23 Praxisbesuch Jürgen Mistol Dr. SemmlerZum Vergrößern bitte klicken.

Der Gesetzes-Tsunami hält an: „Terminservice- und Versorgungsgesetz“, „Fairer Kassenwettbewerb-Gesetz“, „Digitale Versorgung Gesetz“ und ein Dutzend weiterer Regelwerke werden derzeit im Bundestag diskutiert oder wurden vor kurzem verabschiedet. Damit die Hausärztinnen und Hausärzte in Bayern wissen, was auf sie zukommt, finden an mehreren Standorten im Freistaat auf Einladung des Bayerischen Hausärzteverbandes und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns Informationsveranstaltungen unter dem Titel „Die Folgen der Gesetzesflut - Was droht Bayerns Hausärzten noch aus Berlin?“ statt. Auftakt war am Donnerstag, den 17.10.2019 in Bayreuth. Am Montag fand der zweite Termin in der KVB-Zentrale in München statt. Rund hundert Kollegen folgten den Vorträgen von Dr. Wolfgang Krombholz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, und Dr. Christian Pfeiffer, Bezirksvorsitzender Unterfranken des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Dr. Krombholz zählte eine ganze Reihe von Themen auf, die für die Hausarztpraxen kritisch sein können, wie Wiederholungsrezepte für chronisch Kranke, das Modellvorhaben Grippeschutzimpfungen in Apotheken, der verpflichtende TI-Anschluss, die zunehmende Nutzung digitaler Gesundheitsapps, die Elektronische AU oder die Reform des Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs.

Schwerpunkt der Infoveranstaltung war aber das Terminservice- und Versorgungsgesetz, das auch in den hausärztlichen Praxisalltag eingreift. So ist im TSVG geregelt, dass Hausärzte, die für einen Patienten wegen einer dringenden Behandlung einen Facharzttermin vermitteln, einen Zuschlag erhalten. Dr. Krombholz warnte aber davor, die Bedingung „dringend“ sehr weit auszulegen. Der KVB-Chef: „Sind mehr als 15 Prozent der Überweisungen dringend, sieht der Gesetzgeber eine Plausibilitätsprüfung vor.“ Sprich: Den Ärzten droht ein Regress. Dr. Pfeiffer riet deshalb den Kollegen: „Stellen Sie keine dringlichen Gefälligkeitsüberweisungen aus.“

Gesetztesflut Pfeiffer Krombholz kZum Vergrößern bitte klicken.

Auch die Konstellationen TSS-Terminfall, TSS-Akutfall und neuer Patient könnten sich als Eigentor erweisen, so Dr. Krombholz. Der Grund: Die so erbrachten ärztlichen Leistungen unterliegen im Zeitraum von einem Jahr der sogenannten Bereinigung und die Krankenkassen holen sich die extrabudgetär gezahlten Gelder aus der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung wieder. Bei diesem Rechte-Tasche-Linke-Tasche-System lautet das generelle Fazit des KVB-Chefs deshalb: „Im Bereinigungszeitraum ist kein echter Vorteil für Bayerns Hausärzte ersichtlich.“

Die neuen Vorschriften seien außerdem mit einem Mehr an Bürokratie für die Praxen verbunden. So ändere sich der Zuschlag für einen TSS-Terminfall auf der Zeitachse und müsse neben der Abrechnungsziffer mit einem entsprechenden Buchstaben gekennzeichnet werden. Konkret bedeutet dies: Erhält der Patient nach dem Anruf bei der Terminservicestelle einen Termin beim Hausarzt innerhalb der nächsten 8 Tage gibt es 50 Prozent, bei 9 bis 14 Tagen 30 Prozent und bei 15 bis 35 Tagen 20 Prozent plus. Die Frage aus dem Publikum, ob es dann theoretisch Sinn mache, alle Patienten an die Terminservicestelle zu verweisen, musste der KVB-Chef mit dem Hinweis auf die Bereinigung verneinen.

„Der Gesetzes-Tsunami geht am Bedarf vorbei und richtet sich gegen hausärztliche Interessen“, zog Dr. Christian Pfeiffer Bilanz. Gerade das TSVG entpuppe sich als Bürokratiewahnsinn und verkompliziere die KV-Abrechnungen. Die einzige Alternative sei deshalb die HzV, der zu Unrecht nachgesagt werde, sie sei kompliziert. Dr. Pfeiffer: „Mit nur zehn Abrechnungsziffern erhalten Sie bereits 80 Prozent des möglichen Honorars. Und das liegt deutlich über dem KV-Niveau.“

Zeit für neue Ärzte - Dr. Abbushi im Gespräch

Ein Resumée der Veranstaltung zieht Dr. Pfeiffer im Video-Interview, das Sie hier sehen. 


Die nächsten Veranstaltungen in den jeweiligen KVB-Bezirksstellen:

18. November, 19 Uhr, Nürnberg Vogelsgarten 6
27. November, 18 Uhr, Regensburg, Yorckstr. 15
3. Dezember, 19 Uhr, Ingolstadt, Wirtshaus am Auwaldsee
Am Auwaldsee 20

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