Schon jedes 5. MVZ gehört einem Finanzinvestor

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Gesundheit als Renditeobjekt? Rund 50 Private-Equity-Gesellschaften investieren seit mehren Jahren gezielt in Gesundheitseinrichtungen in Deutschland. Auch Hausarztsitze werden mittlerweile systematisch aufgekauft. „Die Politik muss hier entschieden gegensteuern", fordert Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes. "Unsere Patienten dürfen keine Renditeobjekte sein."

Dr. Markus Beier März 2016Zum Vergrößern bitte klicken.

Gesundheit als Renditeobjekt? Rund 50 Private-Equity-Gesellschaften investieren seit mehren Jahren gezielt in Gesundheitseinrichtungen in Deutschland. Bereits jedes fünfte MVZ gehört Finanzinvestoren. Bevorzugt sind zwar noch die geräteintensiven Fachgebiete Labormedizin, Radiologie und Nuklearmedizin, Dialyse, Augenheilkunde und Dermatologie, aber auch Hausarztsitze werden mittlerweile systematisch aufgekauft. Der Grund: Gerade in Zeiten von Niedrig- oder Negativzinsen lohnt sich der Einstieg, zumal die Arzt- und Zahnarztpraxen in Deutschland zusammen jährlich 79 Milliarden Euro umsetzen. So schwärmt die Beratungsfirma McKinsey bereits 2017 in einer Studie unter dem bezeichnenden Titel „European healthcare – a golden opportunity for private equity“ von den Renditechancen für Investoren. So liege die Gesundheitsbranche mit einer Aktienrendite von 15 Prozent deutlich vor allen anderen Branchen, rechneten die McKinsey-Manager potentiellen Anlegern vor. Zudem seien die Renditeaussichten mit Blick auf eine immer älter werdende Gesellschaft auch langfristig positiv.

Erreicht wird diese hohe Rendite, indem ein übernommenes Unternehmen komplett von den neuen Investoren kontrolliert wird, um es mit möglichst hohem Gewinn möglichst schnell wieder zu verkaufen. Die Haltedauer beträgt deshalb in der Regel unter vier Jahren.

„Der Bayerische Hausärzteverband beobachtet mit Sorge, dass Kapitalgesellschaften und private Gesundheitsunternehmen gezielt Arztsitze aufkaufen, eigene MVZs gründen und festangestellte Ärztinnen und Ärzte dort nach ihren Vorgaben arbeiten. Diese Kommerzialisierung der medizinischen Versorgung ist eine Gefahr für die Patienten, aber auch für uns Ärztinnen und Ärzte. Hausärzte dürfen nicht zu Befehlsempfängern von Controllern werden“, warnt Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Zwar hat der Gesetzgeber bereits 2012 den Kreis möglicher MVZ-Gründer auf Vertragsärzte, Krankenhäuser und Dialysedienstleister eingeschränkt, aber diese Hürde ist für kapitalstarke Investoren leicht zu umgehen, in dem sie gezielt einzelne Praxen aufkaufen, um so nach und nach das Versorgungsnetz zu erweitern, oder sie erwerben gleich ein ganzes Krankenhaus, um damit ein MVZ zu gründen.

Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung gibt es in Deutschland (Stand 31.12.2018) 3.173 MVZs mit insgesamt 19.740 Ärztinnen und Ärzten. Nur 41 Prozent der MVZs sind in der Trägerschaft von Vertragsärzten. 42 Prozent gehören Krankenhäusern, 17 Prozent sogenannten „weiteren Trägern“. Nach Bundesländern gegliedert gibt es mit 628 MVZs die meisten in Bayern. Bundesweit werden MVZs vor allem in den Städten gegründet. Nur 14 Prozent der MVZs finden sich auf dem Land.

Dr. Markus Beier: „Die Politik muss hier entschieden gegensteuern. Unsere Patienten dürfen keine Renditeobjekte sein. Der Bayerische Hausärzteverband schlägt deshalb vor, die Größe von MVZs zu beschränken und Ärzte, die derzeit von Kapitalunternehmen als Strohmänner eingesetzt werden, mit in die Haftung nehmen. Außerdem muss man gesetzlich regeln, dass Gesundheitsunternehmen nicht eigene MVZ gründen, deren einzige Aufgabe es ist, Patienten ins Krankenhaus zu überweisen. Solche Zuweiser-Praxen missbrauchen aus reiner Profitgier unser Gesundheitssystem und gefährden das Wohl unserer Patientinnen und Patienten.“

Vorstellbar sei dagegen in ausgesuchten Einzelfällen und in Abstimmung mit den vor Ort ansässigen Hausärztinnen und Hausärzten, dass Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit Kommunen ein MVZ betreiben, um so die medizinische Versorgung in der Region nachhaltig zu sichern, schlägt der Bayerische Hausärzteverband vor.

Dass von Investoren kontrollierte MVZs durchaus beachtliche Größen erreichen können, zeigt ein Beispiel aus dem Fachbereich Augenmedizin. Auf seiner Webseite lobt sich ein MVZ als einer der „führenden Anbieter in diesem Bereich in Deutschland“ und belegt dies mit Zahlen: 90 Standorte, 300 Ärzte, 800 000 Patienten.

„MVZs sind sinnvoll und wünschenswert, wenn sie eine bestimmte Größe nicht überschreiten und von Ärzten geführt werden. Diese MVZs bieten je nach Lebenssituation Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit auch festangestellt oder in Teilzeit zu arbeiten. Der Goldstandard ist und bleibt aber die Freiberuflichkeit“, erklärt Dr. Markus Beier. Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Nur wenn wir Ärzte das Sagen haben, können die Patienten sicher sein, dass es nicht um Rendite geht, sondern ausschließlich um ihre Gesundheit und ihr Wohl.“