Corona: Politik hat großen Einsatz der Hausärzte vergessen

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Je schneller die Zahl der Infizierten sinkt, desto größer wird die Enttäuschung: „Dass wir in Rosenheim und Umgebung keine Bilder wie aus Bergamo gesehen haben, liegt einzig und allein am Engagement der niedergelassenen Praxen in der Region und den von Ärzten in Eigenregie geschaffenen Corona-Abstrichzelten. Doch diesen großen Einsatz für alle Bürgerinnen und Bürger hat die Politik ganz schnell vergessen. Tiefpunkt ist, dass unsere MFAs, die nah am Patienten arbeiten und einem erheblichen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, keinen Corona-Bonus bekommen. Das ist ein Schlag ins Gesicht und eine soziale Ungerechtigkeit“, ärgert sich Dr. Nikolaus Klecker.

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Mit ihren MFAs würden die niedergelassenen Ärzte schließlich die Hauptlast der Corona-Pandemie tragen, argumentiert Dr. Klecker. Der Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin sowie Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands in Oberbayern belegt das auch mit Fakten: „Laut Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung werden sechs von sieben Coronapatienten von den niedergelassenen Ärzten versorgt. Auch in Rosenheim haben wir den Kliniken den Rücken freigehalten, damit die sich auf die lebensbedrohlich erkrankten Patienten konzentrieren konnten. Mit Erfolg, wie uns unsere Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern mehrfach bestätigt haben.“

In den vergangenen Wochen hat Dr. Klecker mit seinen Kolleginnen und Kollegen vor Ort in der Tat einiges auf die Beine gestellt: „Schon im März haben wir auf der Loretowiese über den Ärztlichen Kreisverband ein mobiles Testcenter aufgebaut. Einmal um den eklatanten Mangel an Schutzausrüstung auszugleichen, zum anderen, um das Risiko, dass sich andere Patienten übers Wartezimmer anstecken könnten, weiter zu minimieren.“

Seitdem Corona-Verdachtsfälle zentral auf der Loretowiese getestet werden, gäbe es für andere Patienten nämlich keinen Grund mehr, nicht zum Arzt zu gehen. Im Gegenteil: „Ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt sind nicht aus der Welt, seitdem es Corona gibt. Und auch bei anderen Erkrankungen kann ein Zögern den Verlauf verschlimmern und den Erfolg einer Therapie gefährden“, warnt Dr. Klecker.

Dass Rosenheim in den vergangenen Wochen in vielen deutschen Medien dagegen als Corona-Hotspot dargestellt wurde, könne man, so Dr. Klecker, nicht nachvollziehen. „Wir hatten in einigen Senioreneinrichtungen ein geballtes Auftreten von Neuansteckungen, deren weitere Verbreitung man aber schnell und effektiv stoppen konnte. Hinzu kommt, dass vom Robert Koch-Institut zunächst auch die in Quarantäne befindlichen Migranten in den Asylunterkünften als Infizierte dazu gerechnet wurden, was natürlich die Statistik verfälscht hat. Wenn man diese Fehler und statistischen Ausreißer rausrechnet, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Rosenheim ist kein Corona-Hotspot“, erklärt Dr. Klecker.

Die offiziellen Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) geben dem Hausarzt recht. So liegt in Stadt und Landkreis Rosenheim die sogenannte 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner mittlerweile nur noch bei 6,32 bzw. 4,98, also deutlich unter dem in Bayern geltenden Grenzwert von 35.

Dr. Klecker: „Wir haben die erste Corona-Welle sehr gut durchgestanden, aber das Virus ist noch immer in der Welt. Ich rechne damit, dass es mit der Erkältungszeit im Herbst eine zweite Welle gibt, auf die wir uns jetzt schon vorbereiten müssen. Die Politik hat dieses Zeitfenster zu nutzen, damit wir in Zukunft endlich ausreichend Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel haben. Und gerade Patienten, die zu der Corona-Risikogruppe gehören, rate ich, wichtige Arzttermine gerade jetzt wahrzunehmen.“