Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppe bietet Zeit, Erfahrung und Verständnis

Im Interview geht Marion Köstlmeier, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Diabetikerbund Bayern, auf die besondere Situation von Diabetikern ein und wie die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe helfen kann, mit der Erkrankung umzugehen.

Diagnose Diabetes – Vor welche besonderen Schwierigkeiten stellt die Erkrankung Betroffene?

2015 03 05 Marion KöstlmeierZum Vergrößern bitte klicken.

Marion Köstlmeier: Mehrere – es muss zunächst die Diagnose einer lebenslangen chronischen Erkrankung verdaut werden. Gerade bei Typ-2-Diabetes schwingt bei vielen auch der Makel „Ich bin selbst schuld“ mit – was nicht richtig ist, denn auch die Anlage für diese Diabetesform liegt in den Genen.
Fest steht: Das Leben muss beziehungsweise sollte sich ändern – viel Neues muss gelernt werden. Je nach Diabetes-Typ und aktueller Gesundheitssituation kann die Diagnose vieles nötig machen – die Änderung des Lebensstils zu gesunder und kalorienangepasster Ernährung und mehr Bewegung im Alltag bis hin zum Erlernen des Blutzuckermessens, genauer Berechnung der Kohlenhydrate in den Nahrungsmitteln oder auch Insulinspritzen bei entsprechender Therapie - dies sind nur einige Beispiele. Bei vielem ist nicht nur der Erkrankte von den Veränderungen betroffen, sondern die ganze Familie muss mitziehen.

Was bietet die Selbsthilfegruppe Betroffenen, was der Arzt nicht leisten kann?

Marion Köstlmeier: Der Arzt bietet Schulung und Therapie. Die Selbsthilfegruppe bietet das wertvolle Gut Zeit, die Erfahrung vieler im Leben mit Diabetes im Alltag, gegenseitige Motivation, Verständnis für die Situation des anderen, weil sie jeder kennt. Viele Selbsthilfegruppen bieten zudem Bewegungsangebote beziehungsweise sind eng mit einer Diabetes-Sportgruppe verknüpft – gemeinsam geht vieles einfach leichter. Von der Erfahrung schon länger betroffener Teilnehmer können neu Erkrankte viel lernen. Die Selbsthilfegruppe hilft auch bei so manchem Problem im Alltag – etwa Tipps und Tricks in vielen Lebenslagen, zum Beispiel wenn es um das Verstauen des Blutzuckermessgerätes beim Skifahren oder Schneeschuh-Wandern geht - im Rucksack ist es zu kalt, das Gerät wird das Messen verweigern. Oder: Was hilft gegen Unterzucker, was ist schnell genug? Was esse ich vor dem Sport, wenn der Blutzucker davor nicht hoch genug ist? Was mache ich, wenn der Blutzucker zu hoch ist? Was sollte ich essen? Wie kann ich eigene Rezepte gesünder machen?

Aktiv in einer Selbsthilfegruppe zu sein – wirkt sich das auf den Behandlungserfolg aus?

Marion Köstlmeier: Aus unserer Erfahrung ein eindeutiges JA – Aktive in Selbsthilfegruppen tauschen sich aus, haben Zugang zu Informationen aus vielen Quellen. Andere in ihren Problemen zu unterstützen, hilft auch mir selbst, weil ich mich mit meiner Erkrankung in positiver Weise beschäftige. Ich stecke nicht den Kopf in den Sand, sondern gehe aktiv mit ihr um. Das ist bei Diabetes besonders wichtig, denn die Verantwortung im Alltag und die Umsetzung der Therapie inklusive aller Notwendigkeiten liegt bei mir allein. Der Arzt kann nur überwachen und punktuell helfen oder neue notwendige Therapieschritte einleiten und schulen.

Wie stellen Sie sich eine ideale Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Selbsthilfegruppe vor?

Marion Köstlmeier: Die örtliche Selbsthilfegruppe stellt sich beim Hausarzt vor und versorgt ihn mit dem Gruppenflyer beziehungsweise Gruppenprogrammen.
Der Hausarzt ist offen für Selbsthilfegruppen, legt die Programme der Selbsthilfegruppen aus – ganz toll wäre, wenn der Arzt Diabetiker auf Angebote von Selbsthilfegruppen hinweisen würde.

 Über den Diabetikerbund Bayern e.V.

Der Diabetikerbund Bayern ist ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein und der bayerische Landesverband im Deutschen Diabetiker Bund e.V. (DDB), der als themenbezogener Vertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) Patienteninteressen vertritt.  Als größte Selbsthilfeorganisation von und für Menschen mit Diabetes in Bayern ist er kompetenter Ansprechpartner für Betroffene und ihre Angehörigen und versteht sich als Interessenvertretung aller Menschen mit Diabetes in der Öffentlichkeit und der Gesundheitspolitik.
Der Diabetikerbund Bayern ist organisiert in der LAG Selbsthilfe Bayern e.V. sowie im Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Selbsthilfegruppen im Diabetikerbund Bayern

Mehr als 60 Diabetes-Selbsthifegruppen gibt es, über ganz Bayern  verteilt, im Diabetikerbund Bayern. Eine Lisze der Selbsthilfegruppen mit Adressen und Ansprechpartnern fiinden Sie hier.