Selbsthilfegruppen

„Selbsthilfegruppen entlasten den Arzt“

 

2015 03 10 Irena Tezak SEKOZum Vergrößern bitte klicken.

Von der Teilnahme an Selbsthilfegruppen haben nicht nur Patienten etwas, sondern auch ihre betreuenden  Ärzte, erläutert Irena Tezak im Interview. Die Stellvertretende Geschäftsführerin der Selbsthilfekoordination Bayern (SEKO Bayern) berichtet zudem über Trends bei der Gründung von Selbsthilfegruppen und sagt, welche Unterstützung sie sich von Hausärzten erhofft.

 Zu welchen Themen gab es in letzter Zeit die meisten Neugründungen von Selbsthilfegruppen? Gibt es da einen Trend?

Irena Tezak: Den gibt es. Neue Selbsthilfegruppen sind vor allem zu Themen im psychosozialen Bereich entstanden, zum Beispiel zu Burnout oder Depressionen. Auffällig ist, dass die Selbsthilfegruppen beispielsweise zum Thema Depressionen zunehmend jüngere Betroffene ansprechen. Ich denke, das spiegelt Veränderungen in der Gesellschaft wider mit wachsendem Leistungsdruck. Das Ergebnis ist Überlastung beziehungsweise Überforderung.
Ein weiterer Grund dafür, dass Neugründungen von Selbsthilfegruppen vor allem im psychosozialen Bereich zu beobachten sind, dürfte aber auch die Tatsache sein, dass es zu somatischen Erkrankungen bereits sehr viele Selbsthilfegruppen gibt.

Wie profitieren Ärzte von Selbsthilfegruppen?

Irena Tezak: Wenn Patienten sich Selbsthilfegruppen anschließen, kann das für die behandelnden Ärzte eine Entlastung bedeuten. Der Arzt ist dann nicht mehr der einzige Ansprechpartner, durch den Austausch mit anderen Menschen in der gleichen Situation wird vieles klarer, der Umgang mit der Erkrankung leichter. Arztbesuche allein aus dem Bedürfnis heraus, mit jemandem über die eigene Erkrankung zu reden, reduzieren sich. Alles in Allem dürfte der Zeitaufwand für Gespräche und Erklärungen bei Patienten sinken, die aktiv an einer Selbsthilfegruppe teilnehmen. Das haben unter anderem  gemeinsame Projekte mit niedergelassenen Ärzten und Vertretern von Selbsthilfegruppen bestätigt.

Welche gemeinsamen Projekte waren das?

Irena Tezak: Es handelte sich um Fortbildungsprojekte für Praxisteams und Ärzte, die dabei die Kontaktpersonen der Selbsthilfegruppen vor Ort und deren Arbeit kennenlernen konnten. Denn wenn Ärzte die Selbsthilfegruppen und ihr Angebot kennen, werden sie ihre Patienten auch auf diese Option hinweisen. Gerade in ländlichen Regionen, wo man sich eher kennt beziehungsweise voneinander schon gehört hat, funktionierte das zum Teil gut.  
Außerdem organisieren wir themenübergreifende Veranstaltungen wie den Tag der seltenen Erkrankungen, um Ärzte und Selbsthilfegruppen zusammen zu bringen.

Kommt es auch vor, dass sich Ärzte an Sie wenden, weil sie in ihrer Region Bedarf für Selbsthilfegruppen zu einer bestimmten Erkrankung sehen?

Irena Tezak: Das kommt selten vor, vor allem deshalb, weil fast alle häufigeren Krankheiten bereits durch Selbsthilfegruppen abgedeckt sind. Ärzte fragen aber durchaus nach, wo es für einen Patienten mit einem bestimmten Krankheitsbild eine passende Selbsthilfegruppe gibt oder sie erkundigen sich nach Infomaterial.

Wie können Ärzte die Arbeit der SEKO unterstützen?
Irena Tezak: In erster Linie dadurch, dass sie ihre Patienten an Selbsthilfegruppen vermitteln und die Teilnahme an Selbsthilfegruppen  als eine von mehreren Optionen zur Unterstützung der Therapie einbeziehen. Schön ist, wenn Hausärzte unsere Angebote kennen und bei Bedarf darauf hinweisen. So bietet die Seko auf der Homepage www.selbsthilfekontakt.de die Möglichkeit, unterstützende Adressen  zu einem Thema in einem bestimmten PLZ-Bereich zu suchen sowie eine Vernetzungsbörse,  um bei seltenen Erkrankungen, Mehrfachdiagnosen oder speziellen Gesundheitsproblemen Einzelkontakte  zu anderen Betroffenen herzustellen. Und wir freuen uns  natürlich auch über Hinweise auf die Angebote im Bereich Selbsthilfe durch Auslage von Flyern, die bei der SEKO  Bayern zum Download bereitstehen oder unter der Rufnummer  0931/20 78 16 40 bestellt werden können.

Über die SEKO Bayern:

Die SeKo Bayern (Selbsthilfekoordination Bayern) ist eine Einrichtung zur landesweiten Vernetzung und Unterstützung der Selbsthilfe im Gesundheits- und Sozialbereich. Sie hat zum Ziel, die Selbsthilfebewegung in Bayern zu stärken und engagiert sich bei folgenden Aufgaben:

  • Lobbyarbeit für Selbsthilfegruppen und Selbsthilfekontaktstellen
  • Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der Selbsthilfeunterstützung
  • Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Selbsthilfe in Bayern
  • Bestandsaufnahme, Datensammlung und Datenpflege der Selbsthilfe in Bayern
  • Information, Beratung und Fortbildung der Selbsthilfekontaktstellen vor Ort
  • Hilfe beim Aufbau von neuen Einrichtungen zur Selbsthilfeunterstützung
  • Vernetzung von Menschen mit seltenen Erkrankungen, Problemen oder Anliegen
  • Hilfe bei bayernweiten Gruppengründungen