Dr. Markus Beier: Rede zur Mitgliederversammlung Bayerischer Hausärztetag 2019

Veröffentlicht am .

In seiner Rede vor der Mitgliederversammlung des Bayerischen Hausärztetags 2019 in Regensburg geht Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, unter anderem auf die überarbeiteten politischen Leitlinien des Berufsverbandes ein und nimmt Stellung zum aktuellen "Gesetzes-Zunami" aus Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort!

Regensburg, 18. Mai 2019


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserem Bayerischen Hausärztetag in Regensburg.

Obwohl wir uns im Herzen der Oberpfalz befinden, lassen Sie mich trotzdem mit einem Ausflug ins ferne China, genauer gesagt in den Daoismus starten. Diese alte chinesische Philosophie hat die Traditionelle Chinesische Medizin maßgeblich beeinflusst. Und von ihrem Gründer Laozi ist ein Satz überliefert, der auch für uns Schulmediziner bis heute Gültigkeit hat. Ich zitiere: Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

was ist unser Ziel? Unser Ziel, unsere Ziele, haben wir gestern in unserer Delegiertenversammlung nochmals klar definiert und dazu unsere Politische Leitlinien überarbeitet und neu beschlossen.

Über allem, wofür wir Hausärztinnen und Hausärzte kämpfen, steht ein Satz, der in einem Staat wie der Bundesrepublik Deutschland eine Selbstverständlichkeit sein sollte – und an den man deshalb nicht laufend erinnern müsste – doch die Zeiten ändern sich:

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein Grundrecht für alle Bürgerinnen und Bürger – und dies ohne Ausnahme, ohne Wenn und Aber! Wir Hausärztinnen und Hausärzte im Bayerischen Hausärzteverband sind ein Garant gerade dafür. Und dies unterstreichen unsere Politischen Leitsätze ganz deutlich. Und zu diesen Leitsätzen gehören:

Erstens: Eine Priorisierung von medizinischen Leistungen hat keinen Platz in der hausärztlichen Versorgung! Die Wahl der Versorgungsebene bedarf dabei unbedingt einem geschützten Arzt-Patienten-Verhältnis und einer Steuerung durch eine Hausärztin oder einen Hausarzt.

Zweitens: Der bereits stattfindende Ausverkauf der Medizin an Kapitalgesellschaften ist eine ernste Bedrohung für unser von Solidarität geprägtes Gesundheitssystem. Wir als Bayerischer Hausärzteverband werden dieser patienten- und ärztefeindlichen Entwicklung entschieden entgegentreten!

Drittens: Ärzte können nur durch Ärzte ersetzt werden. Der Bayerische Hausärzteverband lehnt deshalb die Substitution ärztlicher Leistungen in der Hausarztpraxis ebenso wie den „Hausarzt light“ oder den Physician Assistant ab. Stattdessen ist nach unserer festen Überzeugung der Ausbau der Delegation hausärztlicher Leistungen an besonders qualifizierte MFA und VERAH zu forcieren und hierzu ein berufsbegleitendes Studium für die MFAs zu schaffen. Wir Hausärztinnen und Hausärzte und unsere MFAs sind ein gutes Team und brauchen keine Schmalspur-Mitspieler, die ohnehin nur für die Reservebank taugen.

Viertens: Wir kämpfen für den hausärztlichen Nachwuchs. Und wir wollen, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen so in den Beruf starten können, wie sie es wünschen. Berufsausübungsgemeinschaften und Praxisgemeinschaften sind im Besonderen geeignet, die Wünsche des hausärztlichen Nachwuchses nach Teamarbeit und flexiblen Arbeitszeitmodellen bei gleichzeitig freiberuflicher Tätigkeit und umfassender hausärztlicher Patientenver-sorgung im Fokus zu haben. BAG und Praxisgemeinschaften dürfen nicht schlechter gestellt werden als MVZ!

Fünftens: Wir lassen es nicht zu, dass Patienten durch vorenthaltene Therapien leiden oder Ärzte in Haftung genommen werden. Der Bayerische Hausärzteverband lehnt deshalb eine intransparente Haftung der ärztlichen Praxen für medizinisch notwendige Behandlungen der Patientinnen und Patienten ab. Analog der aktuellen Prüfvereinbarung Arzneimittel muss es auch für die verbliebenen Arzneimittel sowie die Heil- und Hilfsmitteln eine Lösung geben.

Sechstens: Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind offen für die Möglichkeiten, die uns der digitale Wandel bietet. Aber unter klaren Bedingungen: Telemedizinischen Versorgungsleistungen und -konzepte machen aus unserer Sicht nur dann Sinn, wenn diese Anwendungen einen umfassenden und nachhaltigen Beitrag zur Stärkung der hausärztlichen Versorgung darstellen und einen wirklichen Mehrwert bieten. Und in keinem Fall darf das Arzt-Patienten-Verhältnis darunter leiden oder ausgehebelt werden! So ist es für uns ein Muss, dass die elektronische Patientenakte in ärztlicher Hand bleibt!

Und schließlich müssen wir stärker über den Tellerrand blicken und sehen, dass die Gesundheit der Menschen in diesem Land immer mehr von Übergewicht und auch von den regionalen und globalen Folgen der Umweltzerstörung und Klimaveränderung bedroht wird. Auch hier sind wir als Hausärztinnen und Hausärzte gefordert! Und es wird Zeit für grundlegende Veränderungen in diesem Bereich.

Gleiches gilt für die Zustände im Bereich der Pflege. Ein weites Feld und viele Aufgaben, für die wir einen Kompass benötigen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir alle, die wir hier versammelt sind, treten für die Erhaltung eines solidarischen Gesund-heitswesens ein, aber Sie sehen, dass wir hier ständig auf der Hut sein müssen.

Als Ihr starker Berufsverband verfolgt der Bayerische Hausärzteverband sehr intensiv, welche Weichen in Berlin und in München gestellt werden. Nicht alles, was in der Politik überlegt wird, ist schlecht, aber auch nicht alles ist gut.

Wir pflegen einen sehr intensiven, aber vor allem auch konstruktiven Austausch mit der Poliik, weil wir wissen, dass in einer Demokratie am Ende die Argumente zählen.

Diese wichtige politische Arbeit ist nicht auf den Vorstand beschränkt. Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind gefragt Ihren Berufsverband dabei zu unterstützen.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in der Art und Weise schreit diese Zeit geradezu nach einer lauten, stets vernehmbaren und auf Nachhaltigkeit angelegten Sachlichkeit. Die Antwort auf die Probleme im deutschen Gesundheitswesen sind nicht ein öffentlichkeitswirksamer „Gesetzes-Tsunami“, wie wir ihn aktuell fast tagtäglich immer wieder aus Berlin erfahren müssen.

Dirigismus und Zentralisierung werden kein Problem lösen!!!

Ich nehme nur ein Beispiel heraus: Die Terminservicestelle (TSS), so wie sie in ihrem Vollausbau geplant ist. Statt Hausärzte als erste Anlaufstelle der Patienten zu stärken, wird eine Terminservicestelle eingerichtet – ein Callcenter aus Nicht-Medizinern soll zu jeder Tages- und Nachtzeit Patienten an den richtigen Arzt vermitteln. Jeder, der schon einmal bei einem Callcenter angerufen hat, hat Zweifel, dass das ausgerechnet in der Medizin funktio-nieren kann.

Sicher ist: Wir Hausärzte brauchen keine externen Vermittler. Patienten, die akut erkrankt sind, kommen direkt in unsere Sprechstunde und werden am gleichen Tag behandelt. Und wenn es dringend ist, dann vermitteln wir auch einen Termin bei einem Facharztkollegen. Das war schon immer so. Und das hat auch immer funktioniert.

Jetzt aber weckt die Politik mit dem TSVG Begehrlichkeiten, die nur scheinbar den Patienten zugutekommen, in Wahrheit aber die Versorgung verschlechtern und verteuern. Das TSVG öffnet dem ineffektiven Chipkarten-Tourismus Tür und Tor. Über die Honorarstaffelung zwingt das TSVG spezialisierte Fachärzte, freie Sprechstunden an Patienten zu vergeben, die der Meinung sind, hier richtig zu sein. Die Folge: Die Patienten, die wirklich die Behandlung durch den spezialisierten Kollegen benötigen, haben das Nachsehen.

Wir Hausärztinnen und Hausärzte kämpfen dafür, dass die Bundesregierung endlich den Mut aufbringt, eine für alle gute Lösung umzusetzen.

Es gilt, das bewährte freiwillige Primärarztsystem der Hausartzentrierten Versorgung (HZV) durch Anreizsysteme für die Patienten weiter voranzubringen.

Das ist die Lösung! – Und kein TSVG, das aus reinem Populismus verabschiedet wurde, nichts bringt und uns allen sehr viel Geld kosten wird.

Vielleicht hätte der Bundesgesundheitsminister doch mal bei den alten Philosophen nachle-sen sollen. So hat der eingangs zitierte Laozi schon vor über 2500 Jahren der Politik Folgendes ins Stammbuch geschrieben:

Je mehr Gesetze, umso mehr Diebe und Räuber.

Diese TSS wird allein in Bayern rund 20 Millionen Euro im Vollausbau kosten! Geld, was un-seren Honoraren entzogen und besser in eine sinnvolle Patientenversorgung investiert würde! Wer in Vergangenheit verantwortlich gearbeitet hat, hat nun in der Zukunft einen Berg mehr Bürokratie oder wird nicht viel von dem Honorar sehen.

So nicht, Herr Spahn!

Auch lassen wir Hausärztinnen und Hausärzte uns nicht in Gesetzestexten oder in Kassenstatements der Diagnosemanipulation bezichtigen. Für die aktuell so viel diskutierten und angeblich durch Gutachten belegten Manipulationen gibt es keine belastbaren Fakten!

Aber was zählen derzeit schon Fakten.

Wir Hausärztinnen und Hausärzte allerdings sollten uns auf die Medizinischen Grundwerte unserer Profession besinnen und dies im Einzelnen und im politischen Umfeld vehement einfordern, aber auch umsetzen!

Und machen wir uns gegenseitig Mut:

Erstens: Schadensvermeidung - Treten wir entfesselter Medizin auch mal entgegen!

Zweitens: Fürsorge - Für uns, für unsere Teams und für unsere Patientinnen und Patien-ten

Drittens: Gerechtigkeit - Faire und transparent Regeln im Voraus - keine Regresse da-nach.

Viertens: Autonomie (und Selbstbestimmung) – Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) - gemeinsam überall dafür eintreten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

erreichen können wir dies alles nur gemeinsam.

Tragen Sie dies mit und weiter, laden Sie uns in ihren Hausarztkreis oder Qualitätszirkel ein.

Machen wir uns weiter gemeinsam auf den Weg, das Ziel kennen wir.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!