Bayerischer Hausärztetag 2019:„Kapitalisierung und Zentralisierung gefährden unser Gesundheitssystem.“

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  • Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Wir beobachten mit Sorge den bereits stattfindenden Ausverkauf der Medizin an Kapitalgesellschaften.“
  • Deutliche Kritik an der neuen Terminservicestelle und am geplanten „GKV-Faire Kassenwahl-Gesetz“
  • Einstimmige Unterstützung für die Kandidatur von Dr. Gerald Quitterer als Präsident der Bundesärztekammer

Regensburg, 20. Mai 2019 – Keine Zwei-Klassen-Medizin: „Jeder Bürger hat ein Grundrecht, alle diagnostischen und therapeutischen Leistungen zu erhalten, die für die Gesunderhaltung, Wiedergenesung oder für die Linderung seiner Leiden erforderlich ist.“ Diese klare Forderung für den Erhalt des solidarischen Gesundheitssystems haben die Delegierten des Bayerischen Hausärzteverbandes auf dem Bayerischen Hausärztetag 2019 am vergangenen Wochenende in Regensburg einstimmig beschlossen.

Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes: „Wir beobachten mit Sorge den bereits stattfindenden Ausverkauf der Medizin an Kapitalgesellschaften. Kapitalisierung und Zentralisierung gefährden unser Gesundheitssystem. Wir als Bayerischer Hausärzteverband werden dieser patienten- und ärztefeindlichen Entwicklung entschieden entgegentreten. Gerade alte und kranke Menschen sind auf unsere Solidarität angewiesen. Wir fordern deshalb von der Politik, den freien Zugang zur hausärztlichen Versorgung für alle Menschen auch in Zukunft zu garantieren.“

BHÄT 2019 DV Dr. BeierZum Vergrößern bitte klicken.

Der Bayerische Hausärzteverband lehnt deshalb auch den Physician Assistant als Hausarzt light entschieden ab. Stattdessen schlagen Bayerns Hausärzte vor, interessierten VersorgungsassistentInnen in der Hausarztpraxis (VERAH) ein berufsbegleitendes Studium zum Bachelor zu ermöglichen. Allein in Bayern gibt es bereits über 2200 VERAHs, die nach der Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten (MFA) eine fundierte Weiterbildung absolviert haben und für den Hausarzt unter anderem Routine-Hausbesuche übernehmen können. „VERAHs sind Teil unseres Teams und kennen die Patienten oft über Jahre. Externe Flickschusterei, wie mit einem Physician Assistant, würde die Versorgung insbesondere auf dem Land deutlich verschlechtern und ginge zu Lasten der Patientinnen und Patienten“, so Dr. Beier.

Entscheidend sei es außerdem, die Allgemeinmedizin weiter zu stärken. Wichtige Punkte sind dabei die Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin an allen Universitäten, die zeitnahe Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020 mit dem Fach Allgemeinmedizin als verbindliches Prüfungsfach im Staatsexamen und die deutliche Erhöhung der Medizinstudienplätze um 20 Prozent.

In seiner Rede in der Mitgliederversammlung am Samstag warnte Dr. Beier die Politik vor falschem Aktionismus. Notwendig sei stattdessen eine Konzentration auf die wesentlichen Herausforderungen. „Die Antwort auf die Probleme im deutschen Gesundheitswesen sind nicht ein öffentlichkeitswirksamer Gesetzes-Tsunami, wie wir ihn aktuell fast tagtäglich immer wieder aus Berlin erfahren müssen. Dirigismus und Zentralisierung werden kein Problem lösen! Probleme unsere Patienten werden regional und vor Ort gelöst“, so der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Ein Negativ-Beispiel sei die Einführung der Terminservicestellen. Dr. Beier: „Statt Hausärzte als erste Anlaufstelle der Patienten zu stärken, wird eine Terminservicestelle eingerichtet – ein Callcenter aus Nicht-Medizinern soll zu jeder Tages- und Nachtzeit Patienten an den richtigen Arzt vermitteln. Wir Hausärzte brauchen keine externen Vermittler. Patienten, die akut erkrankt sind, kommen direkt in unsere Sprechstunde und werden am gleichen Tag behandelt. Und wenn es dringend ist, dann vermitteln wir auch einen schnellen Termin bei einem Kollegen.“

Kritisch sehen Bayerns Hausärzte auch den Referentenentwurf des sogenannten „GKV-Faire Kassenwahl-Gesetzes“. „Der Gedankenansatz, dass die von Hausärzten erhobenen Diagnosen weniger wert sind, als die von Gebietsfachärzten, ist entwürdigend und wird von uns vehement abgelehnt“, so Dr. Beier. Abgelehnt werden auch die im Referentenentwurf vorgeschlagene Streichung der sogenannten Programmkostenpauschale im Disease Management Programm sowie die bundesweite Öffnung der Ortskrankenkassen.

BHÄT 2019 MV Ministerin HumlZum Vergrößern bitte klicken.

In ihrer Rede auf dem Bayerischen Hausärztetage kritisierte auch Bayerns Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, die aktuellen Zentralisierungstendenzen auf Bundesebene: „Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort einzuschränken und regionale Versorgungsverträge zu erschweren, sollten nicht weiterverfolgt werden. Das gilt für Eingriffe in Hausarztverträge genauso wie für Angriffe auf nur regional geöffnete Krankenkassen. Denn solche Pläne gefährden die Versorgung vor Ort."

Eine generelle Impfpflicht wird von den Delegierten des Bayerischen Hausärzteverbandes ebenfalls nicht befürwortet. Stattdessen sollten über einen Ausbau der Hausarztzentrierten Versorgung die Hausärzte mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Patienten aufzuklären. „Für bestimmte Berufsgruppen - gerade im Gesundheitsbereich - muss eine Impfpflicht gelten. Die potenzielle Gefahr, die Ungeimpfte in diesen Bereichen darstellen, ist nicht zu unterschätzen. Dies betrifft bei weitem nicht nur die Masern, sondern unter anderem auch Röteln, Windpocken, Pertussis (Keuchhusten) etc. . Eine generelle Impfpflicht würde lediglich dazu führen, dass ausschließlich Ärztinnen und Ärzte in der Verantwortung stehen, bestimmte Impfquoten zu erreichen. Die Notwendigkeit sich impfen zu lassen, muss aber von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen werden, begleitet von politischen und gesetzgeberischen Sanktionen für die Bürgerinnen und Bürger, die notwendige Impfungen verweigern“, so Dr. Beier.

Mit einem einstimmigen Votum und unter großem Applaus sprach sich die Delegiertenversammlung dafür aus, die Kandidatur von Dr. Gerald Quitterer auf dem 122. Deutschen Ärztetag in dieser Woche als Präsidenten der Bundesärztekammer zu unterstützen. Dr. Quitterer ist langjähriger Delegierter und niederbayerischer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes und seit 2018 Präsident der Bayerischen Landesärztekammer.

Ansprechpartner Presse: Torsten Fricke, Tel. 0171-41 58 329 / Heike Blümmel, Tel. 089-12 73 927-0

Ein aktuelles Video-Interview mit Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, finden Sie hier.

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