Neues aus dem Bezirk

Geriatrische Kompetenz der Hausärzte in Frage gestellt

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Eigentlich könnte es ein gutes und sinnvolles Modellprojekt sein, das in Oberfranken geplant ist: Durch die systematische Kooperation niedergelassener Ärzte und der Klinik für Geriatrie am Klinikum Bayreuth sowie Pflegeeinrichtungen in den Landkreisen Kronach und Lichtenfels sollen älteren und demenzkranken Menschen Krankenhausaufenthalte so weit wie möglich erspart werden. Der Haken dabei: „Wir Hausärzte wissen von dem Projekt nichts“, berichtet Dr. Stefan Wirth, Bezirksdelegierte für Oberfranken im Bayerischen Hausärzteverband und Vorsitzender des Hausärztevereins Bayreuth. Aus der Zeitung habe er von den Plänen erfahren. Für große Verärgerung unter den niedergelassenen Hausärzten sorgen auch die Sprüche von Klinikleiter Dr. Holger Lange und dem bayerischen CSU-Landtagsabgeordnete Jürgen Baumgärtner in dem Artikel zu dem über die Köpfe der Hausärzte hinweg geplanten Modellprojekt: Beide stellen in dem Zeitungsbericht die geriatrische Kompetenz der Hausärzte in Frage.

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„Dem Personal in den Pflegeheimen und den Hausärzten, die die alten Menschen betreuten, fehle oft die spezielle geriatrische Kompetenz. Diese würden deshalb zu oft ins Krankenhaus eingeliefert, wenn sie gesundheitliche Probleme haben“, gibt der Nordbayerische Kurier in seiner Ausgabe vom 08.06.2016 Aussagen des CSU-Politikers wieder. Klinikleiter Dr. Lange wird noch konkreter: „Auch in Bayreuth werden immer mehr immer ältere Menschen ärztlich nicht optimal betreut, das ist ein Riesenproblem" und "Sie kommen wegen Kleinigkeiten ins Krankenhaus, die man hätte verhindern können", zitiert ihn das Blatt. „Häufig, weil sie zu wenig getrunken haben und ausgetrocknet sind oder wegen 'banaler Infekte'. In manchen Fällen könne die Gabe von Antibiotikum schon helfen und den Krankenhaus-Aufenthalt vermeiden“, geht es weiter im Text.

Dr. Stefan Wirth hat mit einem Leserbrief auf die Aussagen reagiert, den der Nordbayerische Kurier in seiner Ausgabe vom 10.06.2016 veröffentlichte. „In einer Situation, in der ein abwendbar gefährlicher Verlauf drohen könnte, ist in der Regel eine Klinikeinweisung leider unumgänglich, auch unter Abwägung der beschriebenen Gefahren im Krankenhaus für den Patienten“, schreibt er darin. „Im Nachhinein, unter Kenntnis der technischen Befunde, lässt sich leicht die Unnötigkeit einer stationären Einweisung belegen. Umgekehrt aber drohen einem Patienten unabsehbare Folgen für den Fall der Nichteinweisung, wenn diese eigentlich notwendig ist“, so Dr. Wirth.

Hier klicken, um zu Dr. Wirths Leserbrief zu gelangen

Auch Kollege Dr. Torsten Lange, ebenfalls Mitglied im Bayerischen Hausärzteverband, wollte die Verbalattacken auf die hausärztliche Kompetenz nicht auf sich sitzen lassen. „Dass die 'Basisversorgung' durch Hausärzte immer dünner wird, liegt selten an 'mangelnder Kompetenz', lieber Herr Chefarzt Lange, sondern am System: Immer weniger Hausärzte sollen immer mehr leisten und überall da sein. Dann werden sie auch noch öffentlich von oben herab abgestraft und ihnen Kompetenz abgesprochen. Das macht die Berufswahl für den Nachwuchs auch nicht attraktiver“, schreibt er. Sein Leserbrief wurde ebenfalls veröffentlicht, sie finden ihn hier.

Inzwischen hat sich Klinikleiter Dr. Holger Lange von den Aussagen im Artikel vom 08.06.2016 distanziert: „Er hat bei mir angerufen und sich entschuldigt“, berichtet Dr. Wirth. Man habe ihn falsch zitiert, hat er in dem Telefonat erklärt.

Auch wenn der Klinikarzt in dem Zeitungsbericht falsch wiedergegeben wurde, findet Dr. Wirth das Vorgehen der Klinik für Geriatrie am Klinikum Bayreuth befremdlich. „Hier werden Pläne ausgearbeitet und offenbar auch schon von der Politik abgesegnet, die uns zwar betreffen, aber nicht mit uns besprochen wurden. Da sind zum Beispiel Fallkonferenzen angedacht, an denen die Hausärzte teilnehmen sollen. Dafür fehlt den meisten aber schlicht die Zeit“, erläutert der Hausärztevereinsvorsitzende. „Das Modellprojekt soll ja auf eine bessere Zusammenarbeit zwischen Klinik, Pflegeheimen und niedergelassenen Ärzten abzielen. Dazu müsste man im Vorfeld zumindest mal miteinander reden“, kritisiert Dr. Wirth. Immerhin: Jetzt wurde ein Treffen mit Klinikvertretern vereinbart, um gemeinsam Möglichkeiten auszuloten, die Versorgung der Heimbewohner zu verbessern .