Neues aus dem Bezirk

Dr. Reis-Berkowicz: „Erfolgreiche Politik funktioniert nur im Team“

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Sie sind ohne Gegenstimme erneut im Amt bestätigt. Was ist das für ein Gefühl?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Das ist natürlich eine Bestätigung für mich und den berufspolitischen Kurs der zurückliegenden Jahre, und ich fühle mich geehrt, dieses Amt weiterführen zu dürfen. Ich werde auch in Zukunft Themen aus dem Bezirk in der Landespolitik einbringen können.
Die Wiederwahl erfüllt mich aber auch mit Dankbarkeit gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützen. Wir sind in unserem Bezirk ein eingespieltes Team aus Vorstand, Delegierten und Ersatzdelegierten und haben ein sehr enges und freundschaftliches Verhältnis untereinander. Das ist wichtig, denn erfolgreiche Politik funktioniert nur im Team.

Auch die Bezirksdelegierten und deren Stellvertreter wurden gewählt. Hier gibt es ein paar neue Gesichter. Wie gewinnt man jüngere Kolleginnen und Kollegen für die Berufspolitik?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Indem man sie gezielt anspricht. Mich freut besonders, dass wir mit Anja Tischer auch eine neue Kollegin als Bezirksdelegierte gewinnen konnten. Es lassen sich zunehmen Hausärztinnen nieder, und das sollte sich auch in der Berufspolitik wiederspiegeln.

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Haben Frauen, die sich als Hausärztinnen auf dem Land niederlassen, eigentlich heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Im Gegenteil, sie werden sehr gut und schnell von den Patienten angenommen. Das liegt unter anderem daran, dass Hausärzte in unserem Bezirk häufig kleine Kinder mitversorgen, da es nicht so viele Kinderärzte gibt. Eine junge Ärztin, die vielleicht selbst Kinder hat, und eine junge Mutter – da hat man einfach viele Gemeinsamkeiten und schnell ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Klar, junge Ärztinnen mit Familie sind bei ihrer Berufsausübung etwas gehandicapt, aber meiner Erfahrung nach auch mutig. Und die Niederlassung bietet immer noch ideale Bedingungen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wenn ich mein eigener Chef bin, kann ich schließlich selbst meine Arbeitszeiten bestimmen.

Sie sind nicht nur als Bezirksvorsitzende und 2. Stellvertretende Landesvorsitzende im Bayerischen Hausärzteverband aktiv, sondern auch Vorsitzende der KVB-Vertreterversammlung und seit 2017 Vorsitzende der KBV-Vertreterversammlung. Wie bekommen Sie eigentlich Ihr großes berufspolitisches Engagement mit Ihrer Praxistätigkeit unter ein Hut?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Man muss sehr gut organisiert und sehr diszipliniert sein. Und man braucht eine hohe Frustrationsschwelle. Ich bin an mindestens 3 Tagen in der Praxis und kläre mit meinem Praxisteam in regelmäßigen Besprechungen, was ansteht, meine Mitarbeiterinnen wissen mindestens vier Wochen im Voraus, wann ich nicht in der Praxis bin. Wenn Termine in der KVB oder der KBV anstehen, bedeutet das meist, dass ich nach der Praxis ins Auto steige und mich auf den Weg mache.

Ein straffer Zeitplan. Woraus beziehen Sie die Kraft dafür?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Für mich ist das machbar, weil mir sowohl mein Beruf als Hausärztin als auch die Berufspolitik wirklich Spaß machen. Die Tätigkeit in der Praxis gibt mir Kraft für mein berufspolitisches Engagement und umgekehrt. Mit den Jahren bin ich immer besser vernetzt, was vieles leichter macht. Hinzu kommt, dass ich sehe, was wir erreichen. Das gibt mir zusätzlich Motivation. Was mir auch hilft, ist meine hohe Frustrationsschwelle. Wenn ich ein Ziel auf dem eingeschlagenen Weg nicht erreiche, probiere ich es eben anders.
Eine Kraftquelle ist für mich außerdem Sport. Ich sorge dafür, dass ich körperlich fit bleibe, und trainiere mindestens dreimal pro Woche.

Welche Vorteile hat Ihr Engagement in der KVB und der KBV für die hausärztliche Berufspolitik?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Dadurch bin ich sehr gut vernetzt auf Bundes- und Landesebene, das ist ein Riesenvorteil. So kann ich auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder hausärztliche Themen platzieren. Die Vorsitzende der KBV-Vertreterversammlung findet in manchen Kreisen auch mehr Gehör als die Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes.
Bringen die verschiedenen Ämter nicht auch mal Interessenskonflikte mit sich?
Dr. Petra Reis-Berkowicz: Nein, überhaupt nicht. Das hängt viel davon ab, dass man vorher klar Position bezieht. Diejenigen, die mich gewählt haben, wussten, was sie bekommen. Für mich ist klar, dass ich mein Ämter professionell bekleide, und wenn ich Sitzungen leite, tue ich das mit aller gebotenen Neutralität. Aber klar ist auch: Bei Abstimmungen ist meine Stimme die einer Hausärztin. Alles andere wäre unglaubwürdig.

Großes Thema Digitalisierung: Wo sehen Sie Nutzen für die hausärztliche Versorgung, wo Gefahren?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Das ist ein schwieriges Thema. Ich persönliche sehe für mich und meine Patienten nur in Zusammenarbeit mit einer Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, einer VERAH Vorteile. Ich denke da an ein Modell wie das telemedizinische Modul, das wir jetzt in die Hausarztverträge mit einigen Betriebskrankenkassen in Bayern integriert haben und das wir in unserer Praxis schon länger anwenden. Dabei besucht die VERAH Patienten zu Hause, die nicht in die Praxis kommen können, erfasst Vitaldaten und überträgt sie über eine gesicherte Verbindung mit ihrem Tablet-PC an die Praxis. Falls nötig, kann der Hausarzt per Videotelefonie dazu geschaltet werden. Was mir große Sorgen macht, ist die allgemeine Datensammelwut, und keiner weiß, wo die Daten letztendlich landen beziehungsweise wofür sie verwendet werden. Die Krankenkassen bieten ihren Versicherten beispielsweise elektronische Patientenakten an, deren Sicherheit von Experten massiv angezweifelt wird. Wir sind jetzt verpflichtet, die Praxen an die Telematikinfrastruktur anzuschließen. Da weiß ich dann noch nicht einmal, wann die Kassen welche Daten aus meinem Praxissystem ziehen, weil es dazu keine Protokolle gibt, und der Nutzen ist mehr als fraglich. Es gefährdet auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, wenn nicht mehr sichergestellt ist, dass alles, was in der Arztpraxis gesagt und festgestellt wird, auch dort bleibt. Ein anderes Thema ist, dass die Digitalisierung findigen Geschäftsleuten Möglichkeiten eröffnet, sich zu bereichern. Beispiele sind der AU-Schein gegen Bezahlung oder Hausbesuche gegen Geld. 

Zurück nach Oberfranken. Was wollen Sie in den nächsten Jahren konkret in Ihrem Bezirk erreichen?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Mein wichtigstes Ziel ist es, dort die flächendeckende hausärztliche Versorgung zu erhalten. Ich bin heilfroh, wenn wir es schaffen, dass die Hausarztzahlen nicht sinken. Außerdem liegt mir der Erhalt der Freiberuflichkeit sehr am Herzen. Wir müssen die älteren Kolleginnen und Kollegen dafür sensibilisieren, ihre Praxen nicht an Großinvestoren zu verkaufen, wenn sie in Ruhestand gehen. Wir haben beispielsweise kaum noch selbstständige Augenärzte in Oberfranken. Das gilt es gerade im hausärztlichen Bereich, der sich durch eine besondere Arzt-Patienten-Bindung auszeichnet, zu verhindern. Es wäre das Ende der hausärztlichen Versorgung, wie wir sie kennen, wenn immer mehr Arztsitze in die Hände von profitorientierten Kapitalgesellschaften wandern.