Neues aus dem Bezirk

Medizinisches Versorgungszentrum in Ebnath "gleicht einem Schildbürgerstreich"

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Die CSU-Fraktion des Ebnather Gemeinderats im Oberpfälzer Landkreis Tischenreuth ist überzeugt, dass eine wohnortnahe ärztliche Versorgung künftig nur noch durch Medizinische Versorgungszentren ( MVZ ) möglich sein wird und plant bereits die Beantragung eines solchen. Die regionale Presse betitelte das Vorhaben der CSU in Ebnath mit der Überschrift - "Die Lösung mit drei Buchstaben". In einem Leserbrief an die Zeitung "Der Neue Tag" , meldete sich jetzt Dr. Peter Deinlein, Bezirksdelegierter Oberpfalz, zu Wort:

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Leserbrief: NT, 13.06.2018 S.23 "Lösung mit drei Buchstaben"
NT, 15.06.2018 S26 "Klinikum als Landarzt-Uni"

MVZ -k-ein Allheilmittel

Die CSU-Fraktion des Ebnather Gemeinderats macht sich ihre Gedanken zur künftigen wohnortnahen (haus)ärztlichen Versorgung. Doch ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in einem Planungsbereich ohne weitere Zulassungsmöglichkeiten für Hausärzte zu gründen, gleicht eher einem Schildbürgerstreich, als einer sinnvollen Idee. Gemeinden können zwar ein MVZ gründen, für die Zulassung sind jedoch mindestens zwei Vertragsarztsitze notwendig. Wer eine realistische Lösung mit 3 Buchstaben sucht, sollte erst einmal das ABC der Nachbesetzung einer Arztpraxis beherrschen.

A: Wann und wie ein Arztsitz abgegeben wird, bestimmt maßgebliche eine Person: der aktuelle Inhaber des Vertragsarztsitzes.

B: Wo in einem Planungsbereich ein Arztsitz weitergeführt wird, legt der nachfolgende Arzt nach Zustimmung durch den Zulassungsausschuß der kassenärztlichen Vereinigung fest.

C: die Rechtsform der Praxis, ob MVZ, Gemeinschaftspraxis oder Einzelpraxis bestimmen der oder die nachfolgenden Ärzte. Eine Gemeinschaftspraxis steht insbesondere in der hausärztlichen Versorgung einem MVZ in nichts nach. Abhängig von der Persönlichkeit des nachfolgenden Arztes, kann auch eine Einzelpraxis weiterhin funktionieren. Totgesagte leben länger.
Die aktuelle Diskussion öffentlich über die Köpfe der maßgeblichen Personen hinweg zu führen, ist schlicht und einfach unverschämt. Wer wirklich etwas erreichen will, muß die Parteibrille absetzen und gemeinsam das vertrauliche und gegenseitig wertschätzende Gespräch mit den Ärzten vor Ort suchen, denn diese sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Praxisnachfolge.

Zwei Tage später beschäftigt sich der Kreisverband der Freien Wähler Tirschenreuth ebenfalls mit kommunalen med. Versorgungszentren. Gerade in Zeiten, in denen defizitäre Krankenhausstrukturen, welche jahrelang mit öffentlichen Geldern aufrechterhalten wurden, bedarfsgerecht optimiert werden, sollte man sich nicht neue, schwer kalkulierbare finanzielle Risiken aufbürden.
Die Pleites des innovativen Praxisverbunds "Consensus med" 2016 in Oberbayern, welcher zwei Jahre zuvor als "innovatives medizinisches Versorgungskonzept" Fördergelder von 200000€ erhalten hatte, sollte Warnung genug sein.
Die kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) hat selbst auch die Möglichkeit, wie es im Raum Feuchtwangen fast notwendig gewesen wäre, durch eine Eigeneinrichtung (MVZ) die ambulante medizinische Versorgung sicherzustellen. Sie sieht diese Möglichkeit jedoch nur als ultima ratio-Lösung an, denn es ist es aus Sicht der KVB zielführender, wenn sich Ärzte für eine freiberufliche Tätigkeit als niedergelassener Arzt in eigener Praxis entscheiden.
An dieser Vorgehensweise sollten sich meiner Empfehlung nach auch unsere Lokalpolitiker orientieren.

Wo sollten sich unsere Politiker engagieren? Wenn mit kommunalem MVZ lediglich moderne, barrierefreie Praxisräume gemeint sind, könnten die vorhanden Strukturen für die bereits ansässigen Hausärzten optimiert werden, was einen Ort für eine spätere Praxisnachfolge attraktiver macht. Dies kann durch Umbau oder Neubau geschehen und auch die ortsansässigen Therapeuten berücksichtigen.

Das Klinikum Nordoberpfalz ist keine "Landarzt UNI", sondern Lehrkrankenhaus der Universität Regensburg. Es gibt dort bereits einen gut organisierten Weiterbildungsverbund für Allgemeinmedizin, in dem junge Ärzte strukturiert ihren Facharzttitel erlangen können.
Politiker, die in den Aufsichtsgremien des Klinikums zahlreich vorhanden sind, sollten sich vor Ort ein Bild machen, ob die Arbeitsbedingungen und die Ausbildungsqualität für die jungen Ärzte gut sind. Junge Mediziner sind gut vernetzt und bessere Bedingungen in anderen Weiterbildungsverbünden machen schnell die Runde.

In der Landespolitik sollten sich die Vertreter aus der nördlichen Oberpfalz dafür einsetzen, dass der vom bayerischen Hausärzteverband seit langen geforderte Lehrstuhls für Allgemeinmedizin in Regensburg endlich eingerichtet wird. Denn hier ist die Oberpfalz bayernweit mal wieder das Schlusslicht. Im Rahmen dessen benötigen wir auch Lehrpraxen der Universität in unserer Region und nicht nur, wie bisher im Speckgürtel der Bezirkshauptstadt. Sonst ist es nicht verwunderlich, wenn das Landarztdasein für einen Studenten aus Regensburg Neutraubling und nicht Neusorg bedeutet.
Ein positiver Ausblick in die Zukunft ist die deutlich steigende Anzahl der Weiterbildungsassistenten zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Bayern. Die Zahl hat sich von 750 Ärzten im Jahr 2012 auf 1403 im Jahr 2017 verdoppelt. Jetzt müssen sie nur noch den Weg zu uns finden.

Dr. med. Peter Deinlein/Kemnath
Landesdelegierter im Bayerischen Hausärzteverband
Mitglied der Vertreterversammlung der KVB