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Podiumsdiskussion in Marktoberdorf: e-Card, Hausarztverträge und Nachwuchsmangel im Fokus

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Am 16. 09.2014 fand im Modeon in Marktoberdorf eine Podiumsdiskussion zu aktuellen gesundheitspolitischen Themen statt. Themenschwerpunkte waren Klinikschließungen, die elektronische Gesundheitskarte (e-Card), Hausarztverträge und der ausbleibnende Nachwuchs an Hausärzten.

Dr. BergerZum Vergrößern bitte klicken.

Am 16. 09.2014 fand im Modeon in Marktoberdorf eine Podiumsdiskussion zu aktuellen gesundheitspolitischen Themen statt. Dazu eingeladen hatte die Vorsitzende des Bürgerforums Gesundheit Ostallgäu Ingrid Fauter aus Pfronten. Als Gäste und Diskussionsteilnehmer waren Renate Hartwig von „Patient informiert sich“ und der stellvertretende Landesvorsitzende Bayern und Bezirksvorsitzende Schwaben des Bayerischen Hausärzteverbandes Dr. Jakob Berger eingeladen. Vor gut 50 interessierten Zuhörern und Mitdiskutanten entwickelte sich schon von Beginn an eine sehr lebhafte, zum größten Teil recht sachliche, aber auch emotionsgeladene Diskussion. Themenschwerpunkte waren Klinikschließungen, die elektronische Gesundheitskarte (e-Card), Hausarztverträge und der ausbleibende Nachwuchs an Hausärzten.

Lokale gesundheitspolitische Themen standen bei der Podiumsdiskussion zunächst im Vordergrund. Es ging beispielsweise um die Schließung mehrerer Kreiskliniken, vor allem des Kreiskrankenhauses Marktoberdorf, und die damit verbundene Ausdünnung der medizinischen Versorgung im stationären, aber auch im ambulanten Bereich. Dr. Berger erläuterte, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch immer einen deutlichen Überhang an Krankenhausbetten gibt und gut die Hälfte der Kliniken derzeit in den roten Zahlen stecken. Hausarzt Dr. Rudolf Sprich, Mitglied im Verwaltungsrat der Kreiskliniken Ostallgäu, bestätigte, dass es auch im Landkreis Ostallgäu einen Überhang von Krankenhausbetten gegeben habe und die Schließung defizitärer Häuser und Konzentration auf wenige Standorte deshalb geboten war. Von den Zuhörern aus dem betroffenen Umland wurde das natürlich anders gesehen. Sie forderten vehement, dass sich bei solchen Klinikschließungen der Bayerische Hausärzteverband und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) wesentlich stärker für den Erhalt heimatnaher Krankenhäuser engagieren sollten.

Großen Raum nahm die Diskussion um die geplante Einführung der elektronischen Gesundheitskarte mit Zusatzfunktionen ein. Dieses Thema erhitzte rasch die Gemüter. Mehrere Diskussionsteilnehmer beklagten, dass der Bayerische Hausärzteverband und die anderen Ärzteverbände, die KV und die Ärztekammer hier nicht eine klare ablehnende Haltung gegen die  e-Card bekundet hätten und die Patienten von den genannten Ärzteorganisationen überhaupt nicht informiert würden. Ein weiterer Vorwurf lautete, dass es keinen koordinierten Kampf gegen die unerwünschte erweiterte e-Card gebe. Die baldige „Scharfstellung“ der Karte durch Kassen und Politik müsse gemeinsam von Ärzten und Patienten verhindert werden, wurde gefordert und darauf hingewiesen, dass der neue Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV),  Dr. Andreas Gassen, der Politik und den Kassen eine stärkere Kooperationsbereitschaft bei der Aktivierung der neuen e-Card versprochen habe.

Dr Berger klärte die Zuhörer über die verschiedenen Gefahren der e-Card auf, und weshalb diese aus Sicht des BHÄV nicht erwünscht ist. Außerdem stellt er klar, dass es mehrere Delegiertenbeschlüsse des Bayerischen Hausärzteverbandes, aber auch des Deutschen Ärztetages und anderer ärztlicher Organisationen gegen die Einführung der e-Card in der von Kassen und Politik geplanten Form gebe. Dr. Berger versicherte, dass der Bayerische Hausärzteverband auch weiterhin in dieser Frage sehr wachsam sei und die Kollegen sowie verstärkt auch die Patienten informieren werde. Er stellte aber auch klar, dass die Patienten ebenfalls ihren Beitrag zur Verhinderung der e-Card durch Proteste und Verweigerung der Einwilligung zur Datenspeicherung auf der Karte leisten müssten.

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema war die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV). Hier konnte Dr. Berger in der Diskussion manche Unklarheiten beseitigen und darstellen, dass die Hausarztverträge eine auf hohem Qualitätsniveau stehende Sicherung der hausärztlichen Versorgung und einen ressourcenschonenden Weg in ein freiwilliges Primärarztsystem mit vielen Vorteilen darstellen. Über die Hausarztverträge sei es auch möglich, sich von dem Einfluss der in der Diskussion immer wieder stark kritisierten Institution KV, insbesondere der facharztdominierten Bundes-KV unabhängiger zu machen. Zudem sei es in der HzV möglich,  neue Behandlungsoptionen wie Geriatrie, Palliativmedizin oder Arzneimittelmanagement in zum Wohle der Patienten viel zügiger als in der Regelversorgung umzusetzen.

Die Argumente, die Dr. Berger aufführte, griffen: Unter den Diskussionsteilnehmern setzte sich der Tenor durch, dass sich alle Patienten in die Hausarztverträge einschreiben sollten, wenn dadurch die Unabhängigkeit der Ärzte von der Körperschaft KV als verlängerter Arm des Staates erreicht werden könnte.

Zum Schluss wurde noch der überall beklagte Hausarztnachwuchsmangel und die in den nächsten Jahren vor allem in ländlichen Gebieten wegbrechende wohnortnahe hausärztliche Versorgung eingehend diskutiert. Dr. Berger  zeigte auf, dass die Ursachen dafür in der Vergangenheit liegen und hier insbesondere im Versagen der Politik trotz ständiger Warnungen des Bayerischen Hausärzteverbandes. Er wies auf die massiven Anstrengungen des Verbandes zur Nachwuchsgewinnung hin und nannte beispielhaft das Engagement von Verbandsseite für die Einrichtung von Lehrstühlen an allen Universitäten, für die Bildung von Weiterbildungsverbünden, die Förderung von Famulaturen und PJ sowie die Zusammenarbeit mit dem Zusammenschluss „Junge Allgemeinmedizin Deutschland“ (JADE). Auch pflege der Bayerische Hausärzteverband den ständigen Kontakt mit allen entscheidenden Gesundheitspolitikern und treibe die Entwicklung neuer Kooperationsformen voran. Dr. Berger konnte damit zwar keine kurzfristige Lösung der Nachwuchsproblematik anbieten. Die Schilderung der intensiven Maßnahmen des Bayerischen Hausärzteverbandes  bot jedoch einen gewissen Hoffnungsschimmer für eine langfristig bessere Entwicklung der Nachwuchssituation.

Nach mehrstündiger lebhafter Diskussion vereinbarten die Forumsteilnehmer und der Vertreter des Bayerischen Hausärzteverbandes, den Dialog in Zukunft fortzusetzen und sich gemeinsam für die Lösung von Problemen wie der erweiterten e-Card zu engagieren.
Durch diese Diskussionsveranstaltung konnte von Seiten der Hausärzte manche Fehlmeinung korrigiert und intensive Aufklärungsarbeit über wichtige gesundheitspolitische und hausärztliche Probleme geleistet werden.