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Mythen und Fakten zur Praxisgründung mit Kindern

Sie können sich nicht vorstellen, dass sich die Tätigkeit als niedergelassene Hausärztin oder niedergelassener Hausarzt mit einem funktionierenden Familienleben in Einklang bringen lässt? Unser Fakten-Check zeigt: Gerade die Selbstständigkeit in der hausärztlichen Versorgung bietet dafür gute Voraussetzungen, und viele Vorurteile und Bedenken lassen sich leicht widerlegen – überzeugen Sie sich selbst!

Wenn Sie konkrete Informationen zur finanziellen Aspekten sowie Vertretungsmöglichkeiten suchen, werden Sie hier fündig:

IRRTUM NR. 1: „MIT KLEINEN KINDERN SOLLTEST DU LIEBER ANGESTELLT BLEIBEN.“

Fakt: Viele Ärztinnen oder Ärzte wählen gerade wegen der Flexibilität und des Gestaltungsfreiraums die Niederlassung. So sind sie ihre/ihr eigene/r Chefin/Chef und können ihre berufliche Tätigkeit in den verschiedenen Lebensphasen passgenau gestalten. Nicht wenige berichten, dass sie in der eigenen Praxis mehr Selbstbestimmung, mehr Planbarkeit und mehr Zufriedenheit erleben. Zudem bietet die eigene Praxis deutlich mehr finanzielle Sicherheit (s. Punkt 3).

IRRTUM NR. 2: „SELBSTSTÄNDIG? DANN ARBEITEST DU DOCH RUND UM DIE UHR UND MUSST STÄNDIG ERREICHBAR SEIN.“
Fakt: Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber können Sprechzeiten, Arbeitsumfang und Teamstruktur selbst festlegen. Die Mindestsprechstundenzeit pro Vertragsarztsitz (voller Versorgungsumfang) beträgt 25 Stunden pro Woche, bei einem halben Sitz (halber Versorgungsauftrag) 12,5 Stunden pro Woche. Hausbesuche und Home-Office-Tätigkeiten können flexibel organisiert und je nach Lebensphase gekürzt oder erweitert werden.

In Bayern kann eine Befreiung vom KV-Dienst ab Bekanntgabe der Schwangerschaft bis zu 36 Monate nach Geburt beantragt werden (gilt auch für Pflege von Angehörigen). Vertretungen in der Elternzeit sind bis zu 12 Monate genehmigungsfrei. Eine Residenzpflicht (Wohnort = Praxisstandort) gibt es nicht mehr. Für Mutterschutz/Erziehungszeit kann ein vollständiges oder hälftiges Ruhen des Versorgungsauftrags für bis zu 24 Monate beantragt werden [1,2].
IRRTUM NR. 3: „DAS FINANZIELLE RISIKO IST MIT KINDERN ZU GROSS.“

Fakt: Praxisgründungen basieren auf soliden Finanzierungsplänen, nicht auf spontanen Entscheidungen. Das HZV-System ermöglicht Bürokratieabbau bei besserer Honorierung. Der mit einer hausärztlichen Einzelpraxis erzielbare Gewinn ist lukrativ (das ZI nennt beispielsweise einen durchschnittlichen Jahresüberschuss von 241.950 Euro vor Abzug von Steuern sowie vor Kranken-/Pflegeversicherung und Versorgungswerksbeiträgen) [3]. Das schafft Sicherheit und finanzielle Freiheit, nicht zuletzt für die Kinderbetreuung. (Im Vergleich: Eine Oberärztin an der Uniklinik verdient vor Steuern 110.000 – 130.000 € brutto pro Jahr nach TV-Ärzte TdL). Die Finanzierung kann beispielsweise über tilgungsfreie Zeiträume individuell vereinbart werden. In strukturschwachen Regionen gibt es zudem zahlreiche finanzielle Fördermöglichkeiten durch die KVB [4].

IRRTUM NR. 4: „MIT NIEDERLASSUNG KANN ICH NICHT FÜR MEINE KINDER DA SEIN.“

Fakt: Dieser Irrtum ist unter männlichen Ärzten deutlich weniger verbreitet, was Ausdruck einer tradierten Rollenverteilung ist. Die gerechte Verteilung von Care Arbeit sollte mit der Partnerin oder dem Partner offen ausgehandelt werden. Ein Kulturwandel für Vereinbarkeit kann beschleunigt werden, indem nicht nur Ärztinnen, sondern auch Ärzte ihren Anspruch auf Elternzeit diskriminierungsfrei geltend machen können [4]. Das ist in der eigenen Praxis sicher der Fall. In der Selbstständigkeit existiert dank des guten Verdienstes kein Gender Pay Gap – der in vielen Familien immer noch Grundlage für die (einseitige) Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit ist.

IRRTUM NR. 5. „MAN SOLLTE MIT DER NIEDERLASSUNG WARTEN, BIS DIE KINDER GRÖßER SIND.“

Fakt: Der perfekte Zeitpunkt für die Niederlassung existiert selten. Lebensphasen, Karriere und Familie laufen oft parallel. Der Mental Load ist nachgewiesenermaßen am größten bei Frauen, die Mutter sind und in Teilzeit arbeiten [5]. Studien zum Familienarbeitszeitmodell zeigen, dass Mütter oft zu lange zu wenig Wochenstunden arbeiten, Väter umgekehrt zu lange zu viele Wochenstunden bezogen auf die Zufriedenheit mit Vereinbarkeit von Beruf und Familie [6]. Die Flexibilität in der Selbstständigkeit ermöglicht eine aktive Gestaltung von Arbeitszeitmodellen.

IRRTUM NR. 6: „EINE PRAXIS BEDEUTET DOCH VIEL ZU VIEL VERANTWORTUNG.“

Fakt: Verantwortung tragen wir mit Familie und Beruf sowieso. Als Praxisinhaberinnen oder -inhaber werden wir damit ernster genommen und erfahren eine andere Art von Wertschätzung und Dankbarkeit der Patientinnen und Patienten und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für das, was wir täglich leisten. In einer Teampraxis wird Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt [7]. Die enge Zusammenarbeit in einer Praxis sorgt für eine vertrauensvolle Atmosphäre. Praxisinhaberinnen und -inhaber können sich über klare Regelungen gegenseitig unkompliziert - und bei Bedarf auch zeitnah - vertreten [8].

IRRTUM NR. 7: „TEILZEIT UND EIGENE PRAXIS – DAS FUNKTIONIERT DOCH NICHT.“

Fakt: Die Chance auf eine gelingende Teilzeittätigkeit ist im ambulanten Bereich entschieden höher als im stationären Sektor. Eine Teilzeittätigkeit in der eigenen Niederlassung ist zudem ohne Abhängigkeitsverhältnisse autonom umsetzbar und sehr gut organisierbar. Teilzeittätigkeit wird deshalb in der Praxis immer häufiger: Jobsharing, Teilzulassung, Kooperationen oder angestellte Ärztinnen oder Ärzte machen flexible Modelle möglich [1,2].

IRRTUM NR. 8: „DAS WÜRDE ICH MIR MIT FAMILIE NICHT ZUTRAUEN.“

Fakt: Neu niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte waren 2023 zu 60 Prozent weiblich, 85 Prozent lebten mit mindestens einem Kind im Haushalt, 25 Prozent sogar mit drei oder mehr Kindern [9]. Ein Hauptmotiv für die Selbstständigkeit war für die Praxisgründerinnen und -gründer die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

IRRTUM NR. 9: „ICH MUSS ALLES ALLEINE SCHAFFEN.“

Fakt: Praxisgründung ist selten ein Solo-Projekt. Jede Praxisgründerin und jeder Praxisgründer sollte ein starkes Netzwerk anstreben, beruflich und privat. Die Praxis kann von Anfang an als hausärztlich geführte Teampraxis organisiert werden [7]. Es gibt diverse Möglichkeiten der Assistenz und Vertretung: Beispielsweise muss eine Sicherstellungsassistenz (bei Schwangerschaft, Krankheit, Care Arbeit) nicht über den Zulassungsausschuss beantragt werden. Der Bavarian Circle („Werkzeugkasten Niederlassung“) bietet als modulare Seminarreihe die Chance, ein tragendes kollegiales Netzwerk auszubilden und liefert alle wichtigen Informationen für die Praxisgründung [10].

IRRTUM NR. 10: „DIE GRÜNDUNGSPHASE IST MIT FAMILIE KAUM ZU SCHAFFEN.“

Fakt: Entscheidend ist eine ausreichend lange Vorbereitung: Die Zeitspanne der Gründungsphase beträgt 6-18 Monate und besteht aus verschiedenen Phasen, die unterschiedlich zeit- und arbeitsintensiv und teilweise delegierbar sind. Dazu gehören beispielsweise Standortanalyse, Finanzierung und Businessplan, Gespräche mit Banken und KV, Praxisräume und Ausstattung, Personalplanung. Unterstützung und Struktur können die zahlreichen bestehenden Angebote wie Gründerseminare für Ärztinnen und Ärzte (KVB) [1,2], Beratung durch Praxisberater/innen oder Steuerberater/innen bieten. Der aktive Austausch mit bereits niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, Hospitation in Praxen und Mentoring machen den Prozess deutlich überschaubarer.

Quellen / wo finde ich was?

  1. KVB-Infos zu Praxis und Familie: https://www.kvb.de/kuenftige-mitglieder/praxisstart/praxis-und-familie
  2. BHÄV-Infos zur eigenen Niederlassung: https://www.hausaerzte-bayern.de/zukunft-praxis/berufseinstieg/schritt-fuer-schritt-zur-niederlassung-inkl-praxisuebernahme
  3. Zi-Praxis-Panel, Jahresbericht 2023: https://www.zi.de/fileadmin/Downloads/Themen/Praxis-Befragungen/Veroeffentlichungen/Jahresberichte/ZiPP_Jahresbericht_2023.pdf
  4. KVB-Infos zu regionaler Förderung: https://www.kvb.de/mitglieder/praxisfuehrung/foerderungen/regionale-finanzielle-foerderungen 
  5. Beschlussprotokoll Deutscher Ärztetag 2024: Diskriminierungsfreie Elternzeit für Ärzte und Ärztinnen ermöglichen, S.74-75 https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Aerztetag/128.DAET/2024-05-10_Beschlussprotokoll_neu.pdf
  6. WSI-Report Nr. 87, “Mental Load, Frauen tragen die überwiegende Last“. August 2023. file:///C:/Users/Sprechzimmer1/Downloads/p_wsi_report_87_2023-2.pdf
  7. Friedrich-Ebert-Stiftung zur Familienarbeitszeit: https://www.fes.de/themen/soziales/eltern-in-der-rushhour-des-lebens-entlasten
  8. Informationen zum HÄPPI Konzept: https://www.haev.de/themen/haeppi
  9. Vertretungsregelungen der KVB: https://www.kvb.de/mitglieder/praxisfuehrung/pflichten/praxisvertretung
  10. KWEX-Studie des Zi zur ärztlichen und psychotherapeutischen Karrierewahl und Existenzgründung. Ergebnisbericht zur Befragung von Neu-Niedergelassenen im Jahr 2024. (2025). Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland. https://kwex.zi.de/pdf/Bericht_KWEX-Niedergelassenenbefragung_2024.pdf
  11. Infos zum Bavarian Circle des Werkzeugkasten Niederlassung: https://www.hausaerzte-bayern.de/zukunft-praxis/bavarian-circle

Verfasst von Dr. Jessica Bungartz-Çatak, Praxisinhaberin (www.hausaerzte-freising.de), Mutter von zwei Kindern, Mitglied BHÄV, Teilnehmerin an den HZV-Verträgen, Lehrärztin der LMU München, Leiterin Weiterbildungsverbund für Allgemeinmedizin Freising, SemiWAM-Dozentin. Stand: 19.03.2026