Neues aus dem Bezirk

Abwärtsspirale bei Hausärzten hält an

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Pressemitteilung des Hausarztkreises Ingolstadt/Eichstätt zur Erweiterung des Bereitschaftsdienstbezirks Ingolstadt

Solidarisch zeigten sich die anwesenden Ärzte und Ärztinnen der Bereitschaftsdienstgruppe Ingolstadt mit den Landärzten in Manching und Reichertshofen und stimmten einer Erweiterung ihrer Dienstgruppe zu, wodurch aber auch eine deutliche Mehrbelastung auf die Ingolstädter Kollegen und Kolleinnen zukommt. Wegen wegbrechender Landarztzahlen müssen die dortigen Dienstgruppen aufgelöst werden und dies in einem der ökonomisch bevorzugten Gebiete Deutschlands.

Noch ist es in Ingolstadt so, dass nur Hausärzte und Internisten nachts und am Wochenende Hausbesuche machen und in der GOIN-Praxis am Klinikum Dienst tun. Noch muss nachts nicht der Augenarzt oder der ärztliche Psychotherapeut zum Blinddarm oder unklaren Brustschmerz ausrücken. Unsere Fachärzte sind zu bestimmen Zeiten für die Dienst habenden Kollegen im Hintergrund erreichbar. Es ist aber jetzt schon absehbar, dass sich die Zeiten nicht zum Besseren wenden werden. Schon wieder schließt nämlich eine große Hausarztpraxis in der Region ohne Nachfolger.

Der Nachwuchs in der Medizin ist fast nur noch weiblich. Viele junge Ärztinnen erklären, sich nicht als Hausärzte niederlassen zu wollen.  Sie sehen es  berechtigterweise als unzumutbar an, nachts um drei Uhr alleine in irgendwelchen abgelegenen Gegenden oder in städtischen Hinterhöfen Hausbesuche machen zu müssen. Diese Besuche sind zudem miserabelst bezahlt. Weder Rettungsdienst noch Polizei fährt nachts alleine raus und schon gar nicht mit nur weiblichem Personal. Weil dies von jungen Ärztinnen keinesfalls akzeptiert wird, reduziert es die hausärztlich Tätigen, die zum Nacht- und Wochenenddienst verpflichtet sind, noch weiter.

Wenn Politik und Kassen mit aufs Dorf  fahrenden, mobilen Praxen dem Landarztmangel entgegentreten wollen, wie sie oft verkünden, dann sollen  sie bitte auch erklären, wer denn die ungeliebten und schlecht bezahlten Nacht- und Wochenendbesuche fahren soll. Die Dienstbezirke werden durch Nachwuchsmangel immer größer, die Strecken immer länger. Es ruft  niemand nachts nach dem Bereitschaftsdienst, ohne dass er sich schwer krank fühlt. Auf den diensthabenden Arzt kommen damit häufig schwierige medizinische Fälle zu,  die eine große Berufserfahrung erfordern. An Schlaf ist danach nicht mehr zu denken und am nächsten Morgen wartet die Praxis. Besonders in Einzelpraxen muss ohne Pause weiter gearbeitet werden. Keine Ruhezeitvorschrift schützt den Arzt und die Vormittagssprechstunde ausfallen zu lassen ist bei  dieser Bezahlung finanziell nicht darstellbar. Der Sitzdienst am Wochenende wird bemerkenswerterweise  fair bezahlt, der ungeliebte und wesentlich anspruchsvollere Nachtdienst dagegen nicht.  So dreht sich die Spirale im Hausarztbereich immer schneller abwärts.

Die Kassen werden sich hier nicht weiter zurücklehnen und die Versorgung der Bevölkerung mit wohlfeilen Worten schön reden können. Wir vom Bayerischen  Hausärzteverband (BHÄV) warnen seit Jahren. Wer die Lösung in den Krankenhausambulanzen sieht, irrt gewaltig. Bei der jetzigen Besetzung nachts und am Wochenende sind diese gar nicht in der Lage  die o.g.  zusätzlichen Belastungen zu schultern. Außerdem muss der ältere Patient  jedem Schichtdienstarzt seine Krankengeschichte neu erzählen, das kostet Zeit!  Hinzu kommt, dass die Patienten zuerst dorthin gebracht werden müssen, zu Kosten von mehreren hundert Euro  pro Transport im Rettungswagen. Der Bereitschaftsdienstarzt ( in Ingolstadt) erhält z. Z. nachts 70 Euro brutto pro Hausbesuch dazu durchschnittlich ca. 8,00 Euro Wegegeld. Jeder Computerfachmann erhält schon tagsüber einen höheren Stundenlohn sowie höhere Anfahrtspauschalen.
Die Lösung können nur deutlich besser honorierte freiwillige Teams sein, die die Bereitschaftsdienste übernehmen, sonst ist bald niemand mehr bereit sich als Hausarzt/in niederzulassen.

Ingolstadt, den 15.Dez. 2013


Dr.med. Anton Böhm
Sprecher des Hausarztkreises Ingolstadt/Eichstätt
Koop.Vorstandsmitglied BHÄV