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Promotionspreis Gold für Fragebogen zur Depressionsdiagnostik in der hausärztlichen Praxis

verfasst am 16. Januar 2026
Wie der Fragebogen in der Praxis unterstützen kann und warum ihr die Schnittstelle Primärversorgung – Psychotherapie besonders am Herzen liegt, erzählt Preisträgerin Dr. Teusen im Interview

Der Promotionspreis 2025 der Stiftung Bayerischer Hausärzteverband in Gold ging an Dr. Clara Teusen und damit erstmals an eine Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Die Jury unterstrich damit den großen Nutzen, den Dr. Teusens Dissertation „Depressionserkennung in der Hausarztpraxis – Entwicklung und Validierung eines an das hausärztliche Setting angepassten Fragebogens“ für die Hausärztinnen und Hausärzte in der Versorgung hat. Worin dieser besteht und warum ihr die Schnittstelle Primärversorgung – Psychotherapie besonders am Herzen liegt, erzählt Dr. Teusen im Interview.

Frau Dr. Teusen, wie kam es dazu, dass Sie als Psychologische Psychotherapeutin an einem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin promoviert haben?

Dr. Teusen: Das hat sich über das von der DFG geförderte POKAL-Kolleg (Prädiktoren und Klinische Ergebnisse bei depressiven Erkrankungen in der hausärztlichen Versorgung) ergeben, an dem ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der TU mitgearbeitet habe. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Forschungs- und Ausbildungsprogramm der LMU und der TU, das Hausärztinnen und Hausärzte befähigen soll, Patientinnen und Patienten mit Depressionen besser zu versorgen.

Welche Rolle spielt denn die Depression in der hausärztlichen Versorgung?

Dr. Teusen: Ich würde sagen, eine sehr große Rolle. Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass mindestens 10 Prozent - je nachdem, welche Studien man sich anschaut, bis zu 20 Prozent - aller hausärztlichen Patientinnen und Patienten von einer Depression betroffen sind. Ob es dabei um eine leichte, mittelgradige oder schwere Episode geht, sei mal dahingestellt. Diese Patientinnen und Patienten präsentieren sich aber in der hausärztlichen Praxis häufig ganz anders als in der psychotherapeutischen Praxis oder in der Psychiatrie. Meist klagen sie nicht direkt über psychische Probleme, sondern berichten eher von Schlafproblemen, Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen. Hier steht also die psychosomatische Komponente im Vordergrund. Weil die Prävalenzen so hoch sind, will das POKAL-Kolleg Hausärztinnen und Hausärzte dafür sensibilisieren, da noch mal genauer hinzuhören, wenn solche Symptome berichtet werden.

Und der Fragebogen, den Sie im Rahmen Ihrer Dissertation entwickelt haben, hilft Hausärztinnen und Hausärzten, eine Depression zu erkennen?

Dr. Teusen: Das ist die große Hoffnung, dass es mit diesem Fragebogen ein strukturiertes Tool gibt, an dem sich Hausärztinnen und Hausärzte entlanghangeln können, dass sie damit eine Art Leitfaden zur Hand haben, der dabei unterstützen kann, noch mal genauer hinzuhorchen.

Dass eine Depression früh erkannt und behandelt wird, ist mir als Psychologin natürlich ein großes Anliegen. Denn je eher Betroffene behandelt werden, vielleicht auch übergangsweise erst einmal Gespräche im hausärztlichen Setting erhalten, desto eher kann man die depressive Episode abfangen, sodass sie sich nicht chronifiziert und die Menschen möglicherweise dann unbedingt einen der leider sehr dünn gesäten Psychotherapieplätze brauchen. Je nachdem, wo man schaut, muss man da mit neun bis zwölf Monaten Wartezeit rechnen.

Das ZI kommt in einer Umfrage zu dem Schluss, dass die meisten angestellten Ärztinnen und Ärzte sich eine spätere Niederlassung vorstellen können bzw. diese nicht ausschließen. Deckt sich das mit den Beobachtungen/Erfahrungen der AG Angestellte Ärzte?

Dr. Teusen: Ja, das deckt sich weitgehen mit meinen Erfahrungen. Ich wäre von etwa 70 Prozent der Angestellten ausgegangen, die sich den Schritt in die Selbstständigkeit vorstellen können. Dass in der ZI-Umfrage gerade mal 15 Prozent diesen Schritt für sich ausschließen, freut mich.

Was aber, wenn es mal wirklich sehr dringend ist? Haben Sie da einen Tipp, wie Hausärztinnen und Hausärzte diesen Patientinnen und Patienten helfen können?

Dr. Teusen: Ich war ja jetzt lange in einer Ausbildungsambulanz tätig, da sind die Wartezeiten häufig etwas kürzer. Mag sein, dass die eine Patientin oder der andere Patient Vorbehalte haben, mit jungen, noch unerfahrenen Therapeutinnen und Therapeuten zusammenzuarbeiten, aber ich kann das wirklich sehr empfehlen. Alle arbeiten dort hochmotiviert und unter sehr, sehr strenger Supervision. Sämtliche Sitzungen werden auf Video aufgezeichnet und jede vierte Sitzung mit der Supervisorin oder mit dem Supervisor besprochen. Und hier wartet man manchmal nur um die vier Wochen auf einen Therapieplatz.

Zurück zu Ihrem Fragebogen, wie kann er nun konkret genutzt werden? Haben Sie in Ihrer Studie festgestellt, dass es bestimmte Symptome gibt, die für die Anwendung des Fragebogens sprechen?

Dr. Teusen: Der Fragebogen ist so angelegt, dass er als Anamnese-Tool für jede Patientin und jeden Patienten eingesetzt werden könnte. Der Fragebogen ist zweigeteilt. Es gibt einen Teil für Patientinnen und Patienten und einen weiteren Teil für Hausärztinnen und Hausärzte. In der Studie haben wir immer beide Teile eingesetzt. Er kann aber auch in einem gestuften Verfahren verwendet werden. Es besteht damit die Möglichkeit, dass zunächst die Ärztin oder der Arzt den ärztlichen Teil nach der Konsultation ausfüllt – es sind 15 einfache Fragen, die mit ja oder nein beantwortet werden können, da kann man sich in zwei Minuten durchkreuzen. Wenn sich dabei Auffälligkeiten ergeben, gibt man auch den Patiententeil an die oder den Betreffenden heraus mit der Bitte, diesen auszufüllen. Für Hausärztinnen und Hausärzte kann der ärztliche Fragebogen-Teil auch ein Reminder für ergänzende Anamnesefragen sein, um zum Beispiel mehr über den familiären Hintergrund zu erfahren.

Gab es so ein Tool vorher noch nicht?

Dr. Teusen: Es gibt tatsächlich bereits Fragebögen für die Depressionsdiagnostik, die auch schon gut validiert sind, wie zum Beispiel den „Patient Health Questionnaire 9“, kurz PHQ-9, oder den „Beck’s Depression Inventory“, kurz BDI-2. Diese sind aber speziell fürs psychiatrische oder psychotherapeutische Setting entwickelt worden. Was unseren Fragebogen jetzt besonders macht, ist, dass er speziell auf die Depressionsdiagnostik in der hausärztlichen Versorgung abzielt. Zur Entwicklung des Fragebogens habe ich insgesamt 32 sogenannte kognitive Interviews – eine Befragungsmethode zur Steigerung der Aussagequalität - mit Hausärztinnen und Hausärzten, Patientinnen und Patienten sowie Psychiatern und Psychotherapeutinnen und -therapeuten geführt. Dadurch sind typische hausärztliche Ideen und Heuristiken mit eingeflossen, also auch das, was im hausärztlichen Setting besonders wichtig ist, wie biopsychosoziale Aspekte, der familiäre Hintergrund. Das macht ja die Krankenanamnese in der hausärztlichen Versorgung so besonders, dass die Hausärztinnen und Hausärzte oft ganze Familien behandeln. Da weiß man dann vielleicht schon: Ja, die Großmutter hat auch an der Depression gelitten. Und das ist ein Prädiktor dafür, dass die Erkrankung eine Generation später wieder auftreten könnte.

Für diese Arbeit haben Sie den Promotionspreis Gold der Stiftung Bayerischer Hausärzteverband erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Dr. Teusen: Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet und war überwältigt, als ich es erfahren habe. Ich habe mich total geehrt gefühlt und empfinde das auch immer noch so. Selbst jetzt, wenn ich heute mit Ihnen hier sitze, habe ich so eine kleine Gänsehaut. Vielleicht kennen das manche, das ist manchmal so, wenn man sich bestimmte Erinnerungen noch mal wachruft, das ist auf jeden Fall eine sehr, sehr schöne Erinnerung. Ich habe mich wirklich sehr gefreut.

Sind Sie aktuell noch am Institut für Allgemeinmedizin der TU in der Versorgungsforschung tätig oder sind Sie inzwischen weitergezogen?

Dr. Teusen: Ich bin weitergezogen. Nach der Promotion habe ich im September 2025 meine Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin abgeschlossen. Diese dauert ja noch mal mehrere Jahre nach dem Studium, die ich berufsbegleitend zur Promotion absolviert habe.

Und wie geht es nun weiter?

Dr. Teusen: Ich möchte gerne in der Forschung bleiben, weil das wirklich etwas ist, was mich begeistert und wofür ich brenne. Gleichzeitig aber würde ich mir einen halben Kassensitz oder eine Teilzeitstelle in der Praxis wünschen, weil ich auch sehr gerne mit Patientinnen und Patienten arbeite. Ich finde, das ist eine super Kombination, weil man so neue Impulse aus der Praxis mit in die Forschung nehmen kann.

Vielleicht kommt ja noch das eine oder andere auch für die hausärztliche Versorgung bei Ihrer Forschung heraus.

Dr. Teusen: Ich finde diese Schnittstelle sehr wichtig, das habe ich aus meiner Zeit in der Praxis mitgenommen. Immer dann, wenn ich als Psychotherapeutin den Kontakt zur Hausärztin oder zum Hausarzt gesucht habe, bin ich meist auf große Offenheit gestoßen, und die Behandlung lief besser. Kurz: die Schnittstelle zwischen Primärversorgung und Psychotherapie ist etwas, was mich auf jeden Fall sehr, sehr interessiert, auch für meinen weiteren beruflichen Weg.

 

Tipp: Die Promotionsarbeit von Dr. Clara Teusen inklusive Fragebogen finden Sie unter https://mediatum.ub.tum.de/1753722
Sie können den Fragebogen aber auch direkt bei Dr. Teusen anfordern unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Promotionspreis 2026

Aktuell läuft die Bewerbungsfrist für den Promotionspreis Allgemeinmedizin 2026 der Stiftung Bayerischer Hausärzteverband, sie endet am 30.04.2026. Bewerben können sich Doktoranden, die an einer Universität in Bayern promovieren. Bewerber können Ihre Arbeiten, versehen mit einem Kurzgutachten ihres Doktorvaters/Ihrer Doktormutter, per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. senden.