Dr. Petra Reis-Berkowicz: „Der Staat darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen“
„Eine Grippeschutzimpfung ist kein therapeutischer Eingriff, sondern eine Präventionsmaßnahme, also ein wichtiger Teil der öffentlichen Gesundheits- und Daseinsvorsorge. Das ist eine staatliche Aufgabe. Wir Hausärztinnen und Hausärzte setzen die Maßnahme um. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, dass wir das wirtschaftliche Risiko zu tragen haben und unseren Praxen in jeder Grippe-Saison empfindliche Regressforderungen drohen für nicht verimpfte Dosen!“, kritisiert Dr. Petra Reis-Berkowicz, erste stellvertretende Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, das Verfahren.
Insbesondere beim Influenzaimpfstoff sei es für die Praxen schwierig bis unmöglich, den tatsächlichen Bedarf 6-8 Monate im Voraus bis Ende März zu ermitteln. Im Anschluss beginnt die etwa vier bis fünf Monate dauernde Produktion der Impfstoffe sowie daraufhin folgend die Genehmigung der Stammanpassung. Ab Mitte August werden die Impfstoffchargen nach erfolgreicher Chargenprüfung und -freigabe durch das Paul-Ehrlich-Institut schrittweise ausgeliefert. Aufgrund des langwierigen Herstellungsprozesses können Nachbestellungen nicht berücksichtigt werden. Eine weitere Produktion findet im Laufe des Jahres nicht statt.
Ein fester Prozentsatz von nicht verimpften Dosen, ab dem ein Regress droht, ist gesetzlich nicht definiert. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns empfiehlt deshalb, den Bedarf realistisch zu kalkulieren, um Überbestellungen zu vermeiden. Andere KVen raten, nur 95 Prozent der in der Vorsaison verimpften Menge zu bestellen. „Diese Unsicherheit über die tatsächliche Nachfrage in der kommenden Saison ist damit für die Praxen ein hohes wirtschaftliches Risiko. Im Zweifel wird deshalb der Bedarf zu niedrig geschätzt und zu wenig Impfstoff produziert, was dann zu Versorgungslücken führt“, erklärt Dr. Reis-Berkowicz, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Gefrees im Landkreis Bayreuth niedergelassen ist. Somit sind Versorgungsengpässe quasi vorprogrammiert. Dabei wäre die Vermeidung von Versorgungsengpässen leicht möglich. Wenn der Staat eine hohe Durchimpfungsrate anstrebt, kann er wie bei Covid auch, die Anzahl der dazu notwendigen Impfdosen (Versicherte: 60+, vulnerable Gruppe etc.) in Auftrag geben, ansprechende Impfkampagnen starten und uns den Impfstoff regressfrei zur Verfügung stellen.
Dr. Reis-Berkowicz: „Regresse sind ein Mühlstein für die Grippe-Impfkampagne und gehören deshalb abgeschafft. Der Staat darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen.“
Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat vor wenigen Tagen die Regress-Bedrohung scharf kritisiert. Die Pressemittelung lesen Sie hier.