Warum aus Primärarztsystem nicht Primärversorgung werden darf
„Ein verbindliches Primärarztsystem bei freier Arztwahl durch Haus- und Kinderärzte in der Hausarztzentrierten Versorgung und im Kollektivvertrag“, haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag versprochen. Doch jetzt will das Bundesgesundheitsministerium im Sommer einen Gesetzesentwurf vorlegen, in dem nicht mehr vom Primärarztsystem, sondern von Primärversorgung gesprochen wird – ein gravierender Unterschied, warnt Dr. Wolfgang Ritter, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes: „Damit gibt es keine Steuerung mehr“.
In der Primärversorgung fehlt koordinierende Instanz
Die Primärversorgung als Konzept beschreibt lediglich eine Versorgungsebene: den ersten Zugang der Patientinnen und Patienten zum Gesundheitssystem. In ihrer vom Bundesgesundheitsministerium derzeit diskutierten Form ist eine Primärversorgung weitgehend unstrukturiert. „Patientinnen und Patienten können weiterhin parallel und ungeordnet verschiedene Fachärzte und andere Gesundheitsanbieter aufsuchen, ohne dass eine koordinierende Instanz eingebunden ist. Dies führt nachweislich zu Doppeluntersuchungen, unnötigen Facharztkontakten und einer ineffizienten Nutzung begrenzter Ressourcen, und dies ohne, dass Behandlungen abgeschlossen werden“, erklärt Dr. Ritter.
Demgegenüber stehe das Primärarztsystem, das auf einem klaren, bewährten Prinzip basiere: der hausärztlichen Koordination aller Behandlungsschritte, so Dr. Ritter: „Die hausärztliche Praxis, in der wir Hausärztinnen und Hausärzte mit unserem hochausgebildeten Praxisteam seit Jahren eng zusammenarbeiten, fungiert als erste Anlaufstelle und als Koordinator im System. Wir kennen die Krankengeschichte, die Lebensumstände und die individuellen Risiken unserer Patientinnen und Patienten und sind damit am besten geeignet, medizinische Notwendigkeiten zu bewerten und gezielt weiterzuleiten. 80 Prozent aller Fälle werden im ambulanten Sektor abschließend behandelt.“
Bessere Versorgung mit Primärarztsystem
Ein verbindliches Primärarztsystem bietet deshalb mehrere entscheidende Vorteile, erklärt Dr. Ritter: „Erstens verbessert das Primarztsystem die Versorgungsqualität. Durch die zentrale Koordination werden Behandlungen besser aufeinander abgestimmt, Medikationsfehler reduziert und unnötige Diagnostik vermieden. Die Versorgung wird ganzheitlicher und patientenzentrierter. Zweitens steigert das Primärarztsystem die Effizienz. Fachärztliche Ressourcen werden gezielter eingesetzt, Wartezeiten verkürzt und Kosten gesenkt. In einem System mit begrenzten personellen und finanziellen Mitteln ist diese Steuerungsfunktion unverzichtbar. Drittens stärkt es die Rolle der Hausarztmedizin. Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Ärztemangels im ländlichen Raum ist es entscheidend, die hausärztliche Versorgung nicht zu schwächen, sondern strukturell zu verankern. Ein Primärarztsystem schafft hier klare Zuständigkeiten und erhöht die Attraktivität des Fachs. Und viertens schafft es Orientierung und Sicherheit für die Patientinnen und Patienten. Anstatt sich eigenständig durch ein komplexes und oft unübersichtliches System bewegen zu müssen, erhalten sie eine verlässliche Begleitung und klare Behandlungspfade.“
Steuerung und Primärarztversorgung sind nicht das Gleiche
Steuerung und Primärarztversorgung sind nicht gleichzusetzen. Wird im Anschluss an die hausarztzentrierte Primärversorgung eine Mit- und/oder Weiterbehandlung erforderlich, muss diese gezielt gesteuert werden. Dafür braucht es hausärztliche Kompetenz. Eine Steuerung ohne die hausärztliche Kompetenz mündet in ein reines Überweisungsystem.
Dr. Ritter: „Vor diesem Hintergrund ist es aus hausärztlicher Sicht zwingend erforderlich, im geplanten Gesetzgebungsverfahren nicht bei einem unverbindlichen Primärversorgungsansatz stehenzubleiben. Stattdessen sollte ein verbindliches Primärarztsystem etabliert werden, das die hausärztliche Steuerung als zentrales Element festschreibt – so wie es die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag auch versprochen hatten.“
Mehr als ein Vorbild: Die HZV
Die Hausarztzentrierte Versorgung mit über 10 Millionen eingeschriebenen Patientinnen und Patienten sei bereits ein funktionierende freiwilliges Primärarztsystem, dass die Politik über Bonusregelungen einfach und schnell fördern könne. „Aktuelle Evaluationen der Universitäten Heidelberg und Frankfurt belegen, dass die HZV nicht nur ein Vorbild, sondern ein etabliertes System für die hausärztliche Versorgung der Zukunft in Deutschland ist“, erklärt Dr. Wolfgang Ritter mit Verweis auf die aktuellen Studienergebnisse. Demnach konnten Doppeluntersuchungen mit über 1,3 Mio. weniger Facharztkontakten sowie knapp 25.000 Krankenhausaufenthalte vermieden werden. Dr. Ritter: „Damit steht fest: Im Zentrum eines gesteuerten Systems müssen die Hausärztinnen und Hausärzte sowie die Kinderärzte stehen.“