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Prof. Dr. Jörg Schelling: „Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind die Experten, wenn es ums Impfen geht.“

verfasst am 02. Juli 2026
Interview mit Prof. Dr. Jörg Schelling im Vorfeld der 8. Bayerischen Impfwoche, in dem es um Herausforderungen beim Thema Impfen im Allgemeinen und in der Praxis geht.

Bis zum 12. Juli findet die 8. Bayerische Impfwoche statt – organisiert vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie der Bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI), in der sich auch der Bayerische Hausärztinnen- und Hausärzteverband engagiert. BHÄV-Vertreter in der LAGI ist Prof. Dr. Jörg Schelling, niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Martinsried sowie Vorstandsbeauftragter für Forschung und Lehre. Im Interview erklärt er, wo beim wichtigen Thema Impfen die größten Herausforderungen liegen und wie er in seiner Praxis Überzeugungsarbeit leistet.

Herr Prof. Schelling, im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen werden Kinder gegen die gängigsten Erkrankungen geimpft. Die Impfquoten liegen laut der Nationalen Lenkungsgruppe Impfen bei rund 90 Prozent. Warum braucht es dazu noch eine Impfwoche?

Prof. Dr. Schelling: Bei den Standardimpfungen für Kinder sehen wir in der Tat hohe Impfquoten, was erfreulich ist, aber auch Jugendliche und Erwachsene brauchen einen guten Impfschutz. Aus diesem Grund steht bei der Impfwoche zum zweiten Mal die Impfung gegen krebserregende Humane Papillomviren (HPV) im Fokus. Bundesweit lag die Impfquote für eine vollständige HPV-Impfserie im Jahr 2024 bei 15-jährigen Mädchen bei 55 Prozent und bei 15-jährigen Jungen sogar nur bei 36 Prozent. In der EU haben wir uns als Ziel eine Quote von 90 Prozent gesetzt. Aktuelle Berechnungen des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut aus dem Jahr 2025 gehen von über 10.000 Karzinom-Erkrankungen pro Jahr aus, für die eine HPV-Infektion als Ursache angenommen werden kann.

Auch bei den Erwachsenen sehen wir bei anderen Impfungen Quoten, die deutlich unter den angestrebten 90 Prozent liegen. Haben Sie für die Impfskepsis der Patienten Verständnis?

Prof. Schelling: Ich halte es für wichtig, die Sorgen und Ängste ernst zu nehmen. Viele Menschen informieren sich heute intensiver als früher, stoßen im Internet auch auf widersprüchliche oder schlicht falsche Informationen. Das kann verunsichern. Mein Eindruck aus der Praxis ist: Die wenigsten sind grundsätzlich gegen Impfungen, sondern eher unsicher, ob sie notwendig oder sicher sind.

Einige Skeptiker sagen, Impfungen seien ein Eingriff in den Körper, der mehr schade als nütze. Was entgegnen Sie?

Prof. Schelling: Jede medizinische Maßnahme ist ein Eingriff – auch ein Schmerzmittel oder eine Operation. Die entscheidende Frage ist das Verhältnis von Nutzen zu Risiko. Bei zugelassenen Impfstoffen ist dieses Verhältnis sehr gut untersucht. Schwere Nebenwirkungen sind selten, während die Krankheiten, vor denen sie schützen, erhebliche Risiken bergen können – von bleibenden Schäden bis hin zum Tod.

Aber schreckt die Einschränkung, es könnte, wenn auch nur in sehr seltenen Fällen, Nebenwirkungen geben, nicht gerade ängstliche Patienten ab?

Prof. Schelling: Für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung ist es unerlässlich, transparent und ehrlich zu sein. Die meisten Nebenwirkungen, wie Hautrötungen oder Fieber, sind harmlos und vergehen nach ein paar Tagen. Wichtig ist es aber, den Patienten und dessen Vorerkrankungen zu kennen, um auch ein äußerst geringes Risiko bestmöglich auszuschließen. Deshalb kann ich nur raten, sich in einer Hausarztpraxis impfen zu lassen. Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind die Experten, wenn es ums Impfen geht.

Sind Ihre Kinder geimpft?

Prof. Schelling: Selbstverständlich. Ich glaube für alle Eltern zu sprechen, wenn ich sage: Kinder sind unser größter Schatz. Und natürlich mache ich alles, um meine Kinder bestmöglich zu schützen – und dazu gehören eben auch Impfungen.

Ein häufiges Argument lautet: Es sei besser, eine Krankheit „natürlich“ durchzumachen, um das Immunsystem zu stärken. Ist das nicht plausibel?

Prof. Schelling: Auf den ersten Blick klingt das logisch, ist aber verkürzt gedacht. Ja, eine durchgemachte Infektion führt oft zu einer Immunität. Der Preis dafür kann jedoch hoch sein. Masern etwa können schwere Komplikationen wie Gehirnentzündungen verursachen. Eine Tetanus-Erkrankung führt selbst mit intensivmedizinischer Versorgung in vielen Fällen zum Tod. Impfungen nutzen denselben Grundmechanismus – sie trainieren das Immunsystem, allerdings ohne die gefährlichen Folgen der Erkrankung in Kauf zu nehmen. Es ist also kein Gegensatz: Gerade Impfungen sind eine Form des gezielten Trainings.

Aber ist das Immunsystem nicht darauf ausgelegt, sich mit Erregern auseinanderzusetzen? Wird es durch Impfungen nicht bequem gemacht?

Prof. Schelling: Nein, das ist ein Missverständnis. Unser Immunsystem wird täglich mit einer Vielzahl von Bakterien und Viren konfrontiert – durch die Umwelt, Nahrung, Kontakt zu anderen Menschen. Impfungen fügen diesem Spektrum gezielt bestimmte Informationen hinzu. Sie ersetzen keine natürlichen Abwehrprozesse, sondern ergänzen sie. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ein geimpftes Immunsystem schwächer wäre.

Manche Impfgegner sprechen von langfristigen, unbekannten Risiken. Können Sie diese Sorge ausräumen?

Prof. Schelling: Langfristige Nebenwirkungen im Sinne von „plötzlich Jahre später auftretend“ sind bei Impfstoffen extrem unwahrscheinlich und in der Praxis nicht beobachtet worden. Impfstoffe werden vor der Zulassung umfangreich geprüft und auch danach kontinuierlich überwacht. Die meisten Nebenwirkungen treten, wenn überhaupt, kurz nach der Impfung auf.

Dennoch bleibt ein gewisses Restrisiko. Ist es legitim zu sagen: Ich gehe dieses Risiko nicht ein?

Prof. Schelling: Individuelle Entscheidungen sind zu respektieren. Gleichzeitig sollte man berücksichtigen, dass Impfungen nicht nur den Einzelnen betreffen. Sie schützen auch andere – etwa Säuglinge, ältere Menschen oder Immungeschwächte, die selbst nicht geimpft werden können oder keinen ausreichenden Schutz entwickeln. Insofern ist es auch eine gesellschaftliche Frage.

Wie reagieren Sie in Ihrer Praxis auf Patienten, die Impfungen kategorisch ablehnen?

Prof. Schelling: Mit Gesprächsbereitschaft. Druck führt selten zum Ziel. Ich versuche zu verstehen, woher die Ablehnung kommt, und gehe auf konkrete Sorgen ein. Oft hilft es, Nutzen und Risiken in Relation zu setzen sowie Missverständnisse zu klären. Am Ende bleibt es aber die Entscheidung des Patienten.