Zum Hauptinhalt springen


Diskussion um Primärversorgungssystem am Hausärztinnen- und Hausärztetag: HZV und HÄPPI zeigen, was möglich ist

verfasst am 17. September 2026
„Primärversorgung – Was kommt da auf uns zu?“ Der Titel der ersten Diskussionsrunde am 47. Hausärztinnen- und Hausärztetag mit dem neuen Format „Politik im Dialog“ vom 10. bis 11. September in Berlin gab ein zentrales Thema für beide Tage vor.

Dr. Sonja Optendrenk, unparteiische Vorsitzende des G-BA, griff das Thema, das einen Schwerpunkt des Formats "Politik im Dialog" (Mitschnitt) am 47. Hausärztinnen- und Hausärztetag bildete, bereits in ihrem Grußwort auf. „Wir müssen uns erstmal klar werden, was soll Primärversorgung leisten“, mahnte sie.

Primärversorgung ist mehr als Patientensteuerung

Dass es dabei nicht nur um Steuerung geht, verdeutlicht ein Antrag aus Bayern, den tags darauf die Delegiertenversammlung (Mitschnitt) des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes einstimmig verabschiedete: „Die Delegiertenversammlung lehnt Bestrebungen des Gesetzgebers ab, im Rahmen eines hausärztlich geführten Primärversorgungssystems etwa Apotheken und Community Health Nurses als erste Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten zu etablieren“. Stattdessen fordert die Delegiertenversammlung den Gesetzgeber auf, „durch eine entsprechende Gesetzgebung sicher zu stellen, dass im Rahmen eines hausärztlich geführten Primärarztsystems künftig die hausärztlichen Praxen - in Anerkennung der dortigen Expertise und Qualifizierungen – die notwendigen Behandlungsleistungen und Steuerungsfunktionen auch tatsächlich übernehmen und umsetzen können.“

Dr. Wolfgang Ritter: „Wir sind nicht nur die Lotsen“

„Wir sind nicht nur die Lotsen, die die Patientinnen und Patienten durchs System leiten, sondern diejenigen, die den Großteil der Beratungsanlässe der Patientinnen und Patienten fallabschließend behandeln“, unterstrich Dr. Wolfgang Ritter, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes und stellvertretender Bundesvorsitzender. Diese Tatsache sei vielen in der Politik offenbar nicht bewusst, die „denken, wir würden keine Versorgung machen. Deswegen kommen diese Ideen, dass plötzlich Apotheken und Gemeindeschwestern unsere Versorgung übernehmen können. Aber das können sie nicht, weil sie nicht die vier Merkmale für Primärversorger erfüllen.“ Neben niederschwelligem Erstkontakt und Koordination gehören dazu bekanntlich auch die kontinuierliche und umfassende, zum Großteil fallabschließende Versorgung.

Klare Absage an digitale Ersteinschätzung in der Regelversorgung

Daraus ergibt sich auch eine klare Absage an eine digitale Ersteinschätzung als Steuerungsinstrument in einem Primärversorgungssystem, wie es einigen Krankenkassen vorschwebt. In der Diskussionsrunde mit dem Titel „Arzt oder App – wer lenkt die Versorgung von morgen?“ am Hausärztinnen- und Hausärztetag erläuterte Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), wie sich die TK eine künftige Primärversorgung vorstellt: Eine App, in die Erkrankte ihre Daten eingeben und die idealerweise auf deren ePA zugreifen kann, übernimmt die digitale Ersteinschätzung und entscheidet, ob eine Hausarztpraxis, eine gebietsfachärztliche Praxis oder die Notaufnahme die richtige Anlaufstelle ist, oder ob vielleicht digitale Angebote ausreichen. Über eine Verknüpfung mit der Online-Terminbuchung der Praxis legt die App dann gegebenfalls einen Termin in der hausärztlichen Praxis fest und liefert die Daten ihrer Ersteinschätzung gleich mit.

Digitale Ersteinschätzung nur sinnvoll in Notfallversorgung

Für Thomas Czihal, stellvertretender Vorsitzender des ZI, macht eine digitale Ersteinschätzung in der Notfallversorgung Sinn, aber nicht in der Regelversorgung. Er verwies auf Studien zur Bewertung von Triage-Software beziehungsweise Symptom-Checkern, die belegen: Je weniger dringend ein Beratungsanlass ist, umso unpräziser werden die digitalen Tools. Deshalb sei der direkte Draht zur Hausärztin/zum Hausarzt extrem wichtig: „Allein von dem Moment, in dem ein Patient hereinkommt, passiert so viel“. Schon die Körperhaltung verrate der betreuenden Ärztin oder dem betreuenden Arzt einiges.

App kann Arzt nicht ersetzen

Aber nicht nur bei Czihal stößt das vorgestellte Modell der digitalen Ersteinschätzung auf wenig Begeisterung. Auch bei der Politikerrunde zum Thema „Primärversorgung – Was kommt da auf uns zu?“ sah man das ähnlich. „Wir müssen von den Patienten her denken, sie wollen das Gefühl haben, dass sich an ihrer Gesundheitsversorgung etwas verbessert“, sagte Ates Gürpinar, der für Die Linke im Bundestag sitzt, Mitglied des Gesundheitsausschusses und Sprecher für Gesundheitsökonomie seiner Fraktion ist. Er bezweifelte, dass es als Verbesserung empfunden würde, wenn Patientinnen und Patienten sich nicht mehr direkt an ihre Ärztin oder ihren Arzt wenden können, sondern nur an eine App. Die Einführung des verbindlichen Primärversorgungssystems müsse „ein großer Wurf werden“, „ein richtiges System“, forderte er, äußerte aber Bedenken, dass dies an der aktuellen finanziellen Lage scheitern könnte. „Eine Reform kostet erst mal Geld, auch wenn sie sich später rechnet“.

HÄPPI und HZV als Vorbild

Für die CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner, Mitglied im Gesundheitsausschuss, haben die Hausärztinnen und Hausärzte schon das Modell für den großen Wurf gefunden. Sie sieht in der Teampraxis nach dem HÄPPI-Modell, das sie bei Anja Tischer in der Praxis „Landärzte Kulmbacher Land“ kennengelernt hat, die Lösung. „Das ist ein Konzept, das ich absolut unterstütze von der Grundidee, da kann man sich entlang hangeln, weil es verdeutlicht, was das Primärversorgungssystem will“, betonte sie in der Runde und hob die Bedeutung der Hausarztverträge dabei hervor, die schon früh eine Vergütung spezialisierter MFA wie VERAH ermöglichten. „Es gibt verschiedene Berufe und Berufsgruppen, die Medizinern nahestehen, deren Kompetenzen müssen wir nutzen“, erklärte sie.

„Finanzströme umsteuern“

Für den Arzt und Politiker Dr. Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Gesundheitsausschusses, gibt es „fünf Bedingungen für ein funktionsfähiges Primärversorgungssystem, mehr Geld ins System zu bringen gehört nicht dazu“. Als große Aufgabe sieht er, Finanzierungsströme umzusteuern. „Wir geben zu viel Geld für spezialärztliche Versorgung und zu wenig für Primärversorgung aus“, stellte er unter großem Beifall der Hausärztinnen und Hausärzte fest. Dahmens fünf Voraussetzungen für ein erfolgreiches Primärversorgungssystem:

  1. Jahrespauschale statt Quartalsabrechnungslogik
  2. Abrechenbare Praxisleistungserbringung statt nur persönliche Leistungserbringung des Arztes, um eine Teampraxis zu ermöglichen
  3. Jahresüberweisung für chronisch Kranke, die fachärztlich angebunden werden müssen, wobei die Abrechnung der gebietsfachärztlichen Leistungen an den Informationsrückfluss in die hausärztliche Praxis gekoppelt sein muss
  4. Verbindliche Behandlungspfade in der primärärztlichen und gebietsfachärztlichen Versorgung nach dem Beispiel der HZV in Baden-Württemberg
  5. Einschreibemodell

Bedingungen für gutes Primärversorgungssystem: In der HZV bereits gelebt

Hier stellte die Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth klar, dass die von Dahmen genannten Bedingungen in der HZV bereits gelebt werden – „das wird immer vergessen“, so Prof. Buhlinger-Göpfarth. „Wir haben in der HZV eine Jahrespauschale P1, wir haben ein Blended Payment System und setzen die empfohlene Honorarlogik mit den meisten Kassen um“, erinnerte sie. Auch habe man mit der AOK Baden-Württemberg als erster Krankenkasse – inzwischen auch mit weiteren - den Arzt-Patienten-Kontakt umdefiniert in Praxis-Patienten-Kontakt. Dabei werde die Interaktion des Praxisteams mit Patientinnen und Patienten oder deren Angehörigen – ob digital oder in Präsenz – vergütet.

65 HÄPPIs in neun Monaten

„Das war der Punkt, an dem wir mit HÄPPI losgelaufen sind“, sagte sie und fügte hinzu: „Der Erfolg gibt uns recht: wir haben in neun Monaten 65 HÄPPI-Primärversorgungszentren geschaffen, die multiprofessionell und hochdigitalisiert arbeiten, mit hybriden Sprechstunden, und ich kann heute als Landesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Baden-Württemberg der Landesregierung sagen: Wir können mit unseren HÄPPIs jedem Baden-Württemberger, der AOK-versichert ist, eine hausärztliche Versorgung im Umkreis von 20 Kilometern garantieren. Und das können wir, weil wir die HZV haben und innovative Ideen umsetzen.“

Sie verwies zum Vergleich auf Österreich, wo vor zehn Jahren ein Primärversorgungssystem per Gesetz beschlossen wurde. Trotz guter finanzieller Ausstattung, unter anderem, aus EU-Mitteln, entstanden dort in zehn Jahren gerade einmal 116 Primärversorgungseinheiten. „Um so etwas umzusetzen, brauchen Sie die Kraft eines Verbandes“, folgerte Prof. Buhlinger-Göpfarth.

„Wir müssen das Rad nicht neu erfinden“

Der Arzt und SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Christos Pantazis, Mitglied des Gesundheitsausschusses, zeigte sich von den Ausführungen von Prof. Buhlinger-Göpfarth beeindruckt. Hatte er zuvor noch davon gesprochen, dass man „mögliche Flaschenhälse klug und effizient weiten“ müsse, erklärte er nun: „Ich bin ein großer Anhänger des Systems, das gerade beschrieben wurde. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden“. Er finde es bestechend, wenn die Dynamik vorgestellt werde im Vergleich zu Österreich, „das sind Vorteile, die schon sehe“. Zu den fünf Bedingungen, die der Grünen-Abgeordnete Dahmen für ein gutes Primärversorgungssystem genannt hatte, sagte Dr. Pantazis: „Da gibt es, glaube ich, Einigkeit“. Allerdings geht er davon aus, dass es in der Umsetzung bei den Feinheiten noch Unterschiede gebe. Er ist überzeugt, dass die Einführung eines verbindlichen Primärversorgungssystems mit einem Benefit für Patienten verbunden sein muss und erwartet eine Verknüpfung mit einer „Form von Termingarantie“. "Wir müssen Krankenhäuser öffnen, wenn es ambulant keine Termine gibt“, sagte er.

Politisches Bekenntnis zur HZV

Wie die CSU-Abgeordnete Emmi Zeulner will auch er an der HZV festhalten. „Wir haben ein gutes System, und ich würde mich gerne daran orientieren.“

Das neue Format des Hausärztinnen- und Hausärztetags, das den Diskussionen mit Politikerinnen und Politikern unter anderem zur Primärversorgung Raum gab, bewertete der Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Dr. Markus Blumenthal-Beier im Bericht zur Lage vor der Bundesdelegiertenversammlung als „vollen Erfolg“. „Wir konnten das Profil der Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland gestern deutlich schärfen“, sagte er und verwies auf die große Medienpräsenz und die Anwesenheit der gesamten Berliner Szene, was Politik, KVen und Verbände betrifft. „Wir konnten auch zeigen, dass man die aktuellen Themen auf sehr hohem Niveau diskutieren kann.“

Video-Mitschnitte der öffentlichen Veranstaltungen, Pressemitteilungen, Umfrageergebnisse und vieles mehr zum 47. Hausärztinnen- und Hausärztetag finden Sie in der digitalen Pressemappe zur Veranstaltung.