"Neue Alzheimer-Medikamente sind ein interessanter therapeutischer Fortschritt, aber bislang kein Durchbruch"
Vom 18. – 27. September 2026 findet auch in diesem Jahr wieder die Bayerische Demenzwoche statt. Übrigens zum 8. Mal. Warum sind Aktionswochen wie diese so wichtig?
Dr. Pömsl: Aktionswochen wie die Bayerische Demenzwoche sind wichtig, weil Demenz noch immer mit Ängsten, Unsicherheit und häufig auch Stigmatisierung verbunden ist. Aus hausärztlicher Sicht helfen solche Aktionen, das Thema frühzeitig ins Bewusstsein zu bringen, Betroffene und Angehörige zu ermutigen, Veränderungen anzusprechen, und über vorhandene Hilfs- und Unterstützungsangebote zu informieren. Gerade Hausarztpraxen sind oft die erste Anlaufstelle – deshalb ist es entscheidend, Demenz nicht nur medizinisch, sondern auch als gesellschaftliche und familiäre Herausforderung sichtbar zu machen.
Nur vergesslich oder beginnende Demenz? Welche Rolle spielen Hausärztin oder der Hausarzt bei der Abklärung dieser Frage?
Dr. Pömsl: Über 80 Prozent der älteren Menschen besuchen regelmäßig eine Hausärztin oder einen Hausarzt. Dabei besteht die Hausarzt-Patientenbindung oft über viele Jahre hinweg. Dieses Vertrauensverhältnis macht es Betroffenen und ihren Angehörigen auch leichter, sich bei ersten Anzeichen einer Demenz an ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt zu wenden.
Zudem kennen Hausärztinnen und Hausärzte in der Regel die Krankengeschichte ihrer Patientinnen und Patienten und können neu auftretende Symptome gut einschätzen – warum ist das bei Demenzerkrankungen besonders wichtig?
Dr. Pömsl: Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind Generalisten und damit auch in der Lage, abzuklären, welche Ursachen hinter Demenzerscheinungen stecken. Unter dem Begriff Demenz sind mehr als 50 verschiedene Erkrankungen zusammengefasst, die sich in Ursachen, Verlauf und Symptomen stark voneinander unterscheiden. Neben der häufigen Alzheimer-Demenz können andere Erkrankungen, zum Beispiel Funktionsstörungen der Schilddrüse oder eine schwere Depression, aber auch ein chronischer Missbrauch von Alkohol oder bestimmten Medikamenten ursächlich sein. Auch solche sekundären Demenzen zu erkennen und zu behandeln, fällt in unser hausärztliches Aufgabengebiet.
Der BHÄV unterstützt Hausärztinnen und Hausärzte bei der Diagnose und Therapie des komplexen Feldes kognitiver Störungen durch spezielle, auf die hausärztliche Versorgung zugeschnittene Fortbildungsangebote. Zum Beispiel mit dem „Update Demenz", das ein zentral wichtiger Themenblock beim Thementag Geriatrie ist. Worum geht es da?
Dr. Pömsl: Die Ärztinnen und Ärzte werden geschult im professionellen Umgang mit den unterschiedlichen Schwierigkeiten, die mit einer schleichenden, fortschreitenden Veränderung der neurokognitiven Fähig- und Fertigkeiten einhergehen - beginnend mit einer angemessenen Ansprache bei Patienten, bei denen der Verdacht bezüglich einer leichten kognitiven Einschränkung vorliegt, bis hin zu einer strukturierten und standardisierten Vorgehensweise der Diagnostik. Daneben stehen wichtige Differenzialdiagnosen wie beispielsweise Depression auf dem Themenplan und ein Einblick in die derzeitigen therapeutischen Möglichkeiten.
Eine Frage zu den therapeutischen Möglichkeiten: Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit machen die sogenannten sekundären Demenzen etwa 10 Prozent aller Fälle aus und sind oft heilbar. Alzheimer – die häufigste Demenzerkrankung – ist dagegen nach derzeitigem Stand der Forschung nicht heilbar. Doch gibt es neue Medikamente, die den Verlauf im Frühstadium verlangsamen sollen. Was ist davon zu halten?
Dr. Pömsl: Mit Lecanemab und Donanemab haben wir zwar erstmals eine Therapie, die bei ausgewählten Patientinnen und Patienten im sehr frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung den Krankheitsverlauf messbar verlangsamen kann und das ist wissenschaftlich durchaus relevant. Aber wir sollten den Nutzen nicht überschätzen: In der entscheidenden Studie betrug der Unterschied gegenüber Placebo nach 18 Monaten lediglich 0,45 Punkte auf der 18-Punkte-CDR-SB-Skala. Ob dieser Unterschied für Betroffene im Alltag tatsächlich spürbar ist, ist zumindest fraglich. Gleichzeitig ist diese Behandlung, die nur für etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen mit leichter kognitiver Störung oder früher Demenz überhaupt infrage kommt, aufwendig und nicht risikofrei: Sie erfordert eine gesicherte Amyloid-Pathologie, den genetischen Ausschluss einer APOE-ε4-Homozygotie, regelmäßige Infusionen und MRT-Kontrollen; zudem können Hirnödeme und Hirnblutungen auftreten.
Aus hausärztlicher Sicht sind deshalb eine nüchterne Nutzen-Risiko-Abwägung und eine entsprechende Aufklärung um Rat fragender Patienten und Angehöriger entscheidend. Die DEGAM vertritt in der aktuellen S3-Leitlinie ausdrücklich ein Sondervotum und sieht derzeit keine ausreichende Grundlage, Lecanemab oder vergleichbare Antikörper für die Regelversorgung zu empfehlen. Neue Alzheimer-Medikamente sind damit ein interessanter therapeutischer Fortschritt, aber bislang kein Durchbruch. Für die große Mehrheit unserer Patientinnen und Patienten bleiben eine frühzeitige Diagnose, Behandlung vaskulärer und anderer beeinflussbarer Faktoren, Unterstützung von Alltagskompetenz und Angehörigen sowie eine kontinuierliche hausärztliche Begleitung von elementarer Bedeutung.