Versorgung von Krebsüberlebenden: „Starke, gut vernetzte und angemessen vergütete Hausarztmedizin nötig!“
„Die Zahl der Menschen, die nach einer Krebserkrankung viele Jahre weiterbetreut werden müssen, wächst. Ohne eine starke, gut vernetzte und angemessen vergütete Hausarztmedizin wird diese Aufgabe nicht nachhaltig zu bewältigen sein“, fasst Prof. Dr. Jörg Schelling, Beauftragter für Forschung und Lehre des BHÄV und einer der Studienautoren, die Ergebnisse zusammen.
Die Studie belegt: Rund 380.000 Krebsüberlebende wurden in Bayern 2024 von 9.553 bayerischen Hausärztinnen und Hausärzten versorgt. Keine leichte Aufgabe, wie Prof. Schelling aus eigener Praxis weiß. „Die Nachsorge im Anschluss an den Klinikaufenthalt kostet Zeit und Geld“, erklärt er. „Bei einer Krebserkrankung ist die ganze Familie mitbetroffen und leidet mit. Die Patientinnen und Patienten selbst sind oft körperlich eingeschränkt, verunsichert und kommen mit ihren Ängsten und tausend Fragen in die hausärztliche Praxis. Als Arzt oder Ärztin muss ich mir Zeit für sie nehmen, auch die medikamentöse Behandlung ist oft komplex.“
Rahmenbedingungen stimmen nicht
Die Studie zeigt aber auch, dass die Rahmenbedingungen für diese wichtige hausärztliche Aufgabe nicht stimmen. So beklagten fast 77 Prozent der befragten Hausärztinnen und Hausärzte eine unzureichende sektorenübergreifende Zusammenarbeit, knapp einem Drittel fehlten ausreichende Behandlungsinformationen und nahezu alle (95,2 Prozent) hielten die Vergütung für die Versorgung der Krebsüberlebenden für unzureichend.
Für Prof. Schelling liegt ein großer Verdienst der Untersuchung darin, dass sie einen Bogen von der Maximalversorgung in der Klinik zur Primärversorgung in der hausärztlichen Praxis spannt und die tragende Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte bei der langfristigen Betreuung von Krebskranken wissenschaftlich belegt. Gleichzeitig zeige die Studie aber auch: Den Hausärztinnen und Hausärzten wird hier eine wachsende Aufgabe übertragen, ohne Kommunikation, Zuständigkeiten und Vergütung ausreichend darauf auszurichten.
Lichtblick HZV
„Wenn nur rund fünf Prozent der Befragten die Vergütung als angemessen beurteilen, ist das kein Randproblem, sondern ein strukturelles Signal“, stellt er fest. „Das wirft aber auch die Frage auf, was der Gesellschaft eine gute hausärztliche Betreuung nach einer onkologischen Behandlung in der Klinik wert ist.“
Einen Lichtblick bietet einmal mehr die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV). „In einigen HZV-Verträgen wird dem hohen Zeitaufwand in Form eines Zuschlags Rechnung getragen“, so Prof. Schelling. „Das ist immerhin eine Grundlage, auf der wir aufbauen können.“
Die Studie „Versorgung von Krebsüberlebenden in Bayern: Hausärztliche Perspektiven und regionale Versorgungskapazitäten“ (Autorinnen und Autoren Laura Oestreich, Jörg Schelling, Michael Schoenberg, Michael von Bergwelt-Baildon und Karin Berger-Thürmel) wurde in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht.