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„Impfen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

verfasst am 16. Oktober 2026
Im Interview spricht Dr. Maria-Sabine Ludwig, die die Geschäftsstelle am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) aufgebaut hat und noch heute leitet, über zwei Jahrzehnte Impfprävention und die Herausforderungen der Zukunft.

Frau Dr. Ludwig, 20 Jahre LAGI – was war der entscheidende Gedanke hinter der Gründung im Jahr 2006?

Dr. Maria-Sabine Ludwig: Die Impfprävention ist eine Aufgabe, die sich nicht auf einzelne Berufsgruppen oder Institutionen beschränken lässt. Ärztinnen und Ärzte, der Öffentliche Gesundheitsdienst, Apotheken, Krankenkassen, Wissenschaft und Politik tragen jeweils auf ihre Weise dazu bei, den Impfschutz der Bevölkerung zu verbessern. Mit der LAGI bringen wir diese Akteure an einen Tisch, fördern den fachlichen Austausch und entwickeln gemeinsame Strategien. Entscheidend war dabei von Anfang an, unabhängig von wirtschaftlichen Interessen zu arbeiten und uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu orientieren. Das Thema Impfen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Was hat sich seitdem verändert?

Dr. Ludwig: Wir haben ein großes Verständnis geschaffen, dass Impfprävention eine langfristige Aufgabe ist, die kontinuierlich fortgeführt und weiterentwickelt werden muss. Die Herausforderung besteht darin, wissenschaftliche Empfehlungen der STIKO so zu vermitteln, dass sie im Alltag der Menschen ankommen und in konkrete Impfentscheidungen münden. Wir haben hierfür vielfältige Informationsangebote, Fortbildungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen. Ein Leuchtturmprojekt ist die Bayerische Impfwoche, die wir in diesem Sommer zum achten Mal veranstaltet haben. Zudem bieten wir für Ärztinnen und Ärzte Fortbildungen rund um das Thema Impfen an – übrigens pharmafrei. So decken wir auf unserem 3. LAGI-Impfsymposium ein breites Feld mit exzellenten Referenten ab. Die Themen des LAGI-Symposiums spiegeln auch viele Ziele im aktuellen Masterplan Prävention Bayern wider, an deren Umsetzung die LAGI mit vielen Aktivitäten beteiligt ist.

Kann man nach zwei Jahrzehnten sagen, dass Bayern heute besser aufgestellt ist als damals?

Dr. Ludwig: Die Zusammenarbeit in der LAGI ist mit gutem Dialog und wertschätzender Partnerschaft mit dem übergeordneten Ziel der Stärkung des empfohlenen Impfschutzes in Bayern in den 20 Jahren gewachsen. Ein Merkmal der LAGI ist auch die Konsensbildung und die Industrieunabhängigkeit zur Stärkung der Transparenz und Vertrauensbildung.
Wir können auf ein breites fachliches Netzwerk mit vielen Impfexperten zurückgreifen. Das ist ein wichtiger Fortschritt.

Welchen Fokus hat die LAGI?

Dr. Ludwig: Seit Gründung der LAGI ist es das Ziel der LAGI, den empfohlenen Impfschutz der bayerischen Bevölkerung mit fundierter Impfaufklärung und leicht zugänglichen Impfangeboten auf der Basis der informierten Entscheidung zu verbessern.
In den letzten 20 Jahren verbesserte sich der Impfschutz in Bayern insbesondere bei Kindern. So stieg zum Beispiel die vollständiger Masernimpfquote im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung von rund 67 Prozent im Jahr 2006 auf jetzt über 95 Prozent.

Lücken im Impfschutz und damit Ziele für die LAGI bestehen noch beim Impfschutz im Jugendalter und insbesondere im Seniorenalter sowie bei Menschen mit Grunderkrankungen und Immunschwäche.

In welchen Handlungsfeldern ist die LAGI aktiv?

Dr. Ludwig: Die LAGI arbeitet insbesondere in vier Handlungsfeldern. Erstens, wie bereits erwähnt, die breite Aufklärung der Bevölkerung. Zweitens, die Stärkung des aktuellen Impfwissens bei Impfakteuren durch regelmäßige Fortbildungen. Drittens, die Stärkung der einfach zugänglichen Impfangebote. Und viertens, die Stärkung der Datenlage zum Impfen.

Die LAGI hat sich auch mit ganz praktischen Problemen befasst. Was lässt sich aus den ersten 20 Jahren lernen?

Dr. Ludwig: Die LAGI ist auch ein Austauschgremien bei ganz aktuellen Herausforderungen zum Thema Impfen. Ein Beispiel ist der Grippeimpfstoffengpass zu Beginn der Impfsaison 2012/13. Die LAGI befasste sich damals in Sondersitzungen mit der Versorgungslage und möglichen Ursachen. Daraus wurden gemeinsam Lösungsansätze entwickelt, die auch später berücksichtigt wurden. Solche Erfahrungen zeigen, dass Impfprävention nicht mit der Veröffentlichung einer Empfehlung endet. Es müssen auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Impfstoffe verfügbar sind, Impfangebote funktionieren und die Beteiligten rechtzeitig miteinander kommunizieren.

Die aktuelle Diskussion zu Impfungen zeigt: ein wichtiger Aspekt für eine positive Impfentscheidung ist das Vertrauen. Was kann die LAGI dazu beitragen?

Dr. Ludwig: Der LAGI ist die Vertrauensbildung in empfohlene Impfungen seit jeher wichtig. Basis dafür ist höchstmögliche Transparenz wie sie auch die STIKO in ihren Empfehlungen mit einer umfassenden Übersicht der verfügbaren Evidenz lebt. Von Bedeutung ist zugleich eine gute, motivierende wertschätzende Impfkommunikation. Vertrauensfördernde Gesprächstechniken wie das motivierende Interviewing oder shared decision making wurden daher in der LAGI vorgestellt. Sie führen wissenschaftlich belegt zu einer Steigerung der Impfbereitschaft. Im Bayerischen Ärzteblatt 9/2025 hat die LAGI diese detaillierter beschrieben.

Wie baut die LAGI Ängste bei den Patientinnen und Patienten ab?

Dr. Ludwig: Zu einer verantwortungsvollen Impfkommunikation gehört Fragen zum Nutzen und Risiko ernst zu nehmen. Wissenschaftliche Empfehlungen müssen nachvollziehbar begründet werden; mögliche Nebenwirkungen dürfen nicht verschwiegen werden. Zugleich ist es wichtig, zwischen begründeten Fragen, gesicherten Erkenntnissen und unbelegten Behauptungen zu unterscheiden. Vertrauen entsteht nicht durch Druck, sondern durch Transparenz, Sachlichkeit und verlässliche Ansprechpartner.

Die LAGI setzt auf freiwillige Impfentscheidungen. Ist dieses Prinzip unter den heutigen Bedingungen noch tragfähig?

Dr. Ludwig: Unser Ansatz beruht auf dem Ziel, Menschen zu einer informierten und eigenverantwortlichen Entscheidung zu befähigen. Dafür müssen sie verständliche, unabhängige und wissenschaftlich fundierte Informationen erhalten. Freiwilligkeit bedeutet allerdings nicht, dass die Gesellschaft auf Aufklärung oder auf gute Rahmenbedingungen verzichten kann. Impfangebote müssen erreichbar sein, Impflücken erkannt und praktische Hindernisse abgebaut werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kommt es darauf an, Eltern frühzeitig zu informieren und Impfungen möglichst unkompliziert zugänglich zu machen.

Ein Schwerpunkt der LAGI ist inzwischen die HPV-Impfung. Warum ist dieses Thema so wichtig?

Dr. Ludwig: Die Impfung gegen humane Papillomviren ist ein wichtiges Beispiel dafür, wie Impfprävention langfristig schwere Erkrankungen verhindern kann. HPV-Infektionen können bestimmte Krebsarten verursachen. Deshalb kommt es darauf an, die Impfung rechtzeitig anzubieten und die Zielgruppen zuverlässig zu erreichen. In Bayern liegen die HPV-Impfquoten bei 15-jährigen Mädchen und Jungen noch unterhalb des Bundesdurchschnittes. Mit dem im März 2026 veröffentlichten Bayerischen Maßnahmenkatalog „Gemeinsam gegen HPV“ hat die LAGI gemeinsam mit Partnern Vorschläge für bessere Informationen und leichter zugängliche Impfangebote vorgelegt. Nun kommt es darauf an, solche Ansätze in der Praxis umzusetzen und ihre Wirkung zu überprüfen.

Wo liegen die größten Hindernisse, dass sich Menschen nicht impfen lassen?

Dr. Ludwig: Es gibt nicht das eine Hindernis. Manche Menschen wissen nicht genau, welche Impfungen für sie oder ihre Kinder empfohlen werden. Andere vergessen Auffrischungen, haben Schwierigkeiten, einen Impftermin zu bekommen, oder sind durch Berichte über mögliche Nebenwirkungen verunsichert. Hinzu kommen organisatorische Fragen im Gesundheitswesen. Deshalb müssen wir die Perspektive der Menschen ebenso berücksichtigen wie die Arbeitsbedingungen derjenigen, die Impfungen anbieten. Eine gute Impfstrategie verbindet Aufklärung, einfache Zugänge und eine verlässliche medizinische Beratung. Eine Reihe von Hausarztpraxen bieten beispielsweise freie Impfsprechstunden an. Solche niederschwelligen Angebote sind sehr sinnvoll.

Wenn Sie auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken: Was ist Ihr wichtigstes Fazit?

Dr. Ludwig: Eine Vernetzung aller Impfakteure auf partnerschaftlicher Ebene bietet hohe Synergieeffekte und ist wirksamer als Maßnahmen von einzelnen. Hier bestätigt sich der Grundsatz, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“. Dieser Austausch ermöglicht auch die Sichtweise des anderen Akteures besser zu verstehen und eine gute Konsensbildung bei gemeinsamen Aktionen für das übergeordnete Ziel der Erhöhung des wichtigen Impfschutzes. Wir müssen stärker darauf achten, dass Gesprächsangebote zum Impfen und Impfgelegenheiten nicht ungenutzt verstreichen. Wenn jemand ohnehin eine Arztpraxis aufsucht, kann geprüft werden, ob der Impfschutz vollständig ist und ob Impfungen nachgeholt werden sollten – was in vielen Hausarztpraxen auch bereits umgesetzt wird. Ebenso wichtig sind gut verständliche Informationen für unterschiedliche Altersgruppen. Die LAGI kann dafür Erfahrungen bündeln, Fachleute vernetzen und Impfhindernisse sichtbar machen. Die konkrete Umsetzung erfordert allerdings das Zusammenwirken vieler Einrichtungen und Berufsgruppen.

Und was wünschen Sie sich für die nächsten 20 Jahre?

Dr. Ludwig: Zunächst würde mich die Fortsetzung und Erweiterung dieser bewährten Zusammenarbeit in der LAGI freuen. Wir haben seit kurzem auch weitere Partner zum Thema HPV-Impfung aufnehmen können, wie das Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF). Dass wir Impfprävention noch stärker als selbstverständlichen Bestandteil einer vorausschauenden Gesundheitsversorgung begreifen. Dazu gehört, Erfolge ebenso zu überprüfen wie bestehende Impflücken. Wir müssen wissenschaftlich auf dem neuesten Stand bleiben, neue Erkenntnisse verständlich vermitteln und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren fortsetzen. Das Ziel ist unverändert: die Impfaufklärung zu stärken, den Impfschutz der Bevölkerung zu verbessern und vermeidbare Erkrankungen zu verhindern.

3. LAGI-Impfsymposium (Präsenz und Online)

Das dritte LAGI-Impfsymposium findet am Mittwoch, 21.10.2026 ab 13:30 Uhr im Landesamt für Denkmalpflege, Hofgraben 4, 80539 Münchenin der Säulenhalle statt, eine Teilnahme ist auch online möglich. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

Kostenfreie Bestellung von aktuellen, industrieunabhängigen Impf-Flyern der LAGI wie z.B. den soeben aktualisierten Flyer für Senioren ist möglich auf dem Broschürenportal der Bayerischen Staatsregierung (Stichwort LAGI).