„Das zeigt klar die Aufwertung der Allgemeinmedizin als Fach“
Mit der Wahl würdigt die Akademie Prof. Gensichens herausragende wissenschaftliche Beiträge zur Versorgungsforschung und zur Weiterentwicklung einer patientenzentrierten hausärztlichen Versorgung, insbesondere auch für Menschen mit psychischen und chronischen Erkrankungen.
Herr Prof. Dr. Gensichen, können Sie kurz erklären, worum es dabei geht?
Prof. Dr. Gensichen: Heute leben immer mehr Menschen mit chronischen Krankheiten. Alle denken an die Volkskrankheiten, wie Diabetes, Herz- oder Lungenerkrankung, bislang aber weniger an psychische wie Depressionen Angsterkrankungen und deren Langzeitverläufe. Diese kommen oft zu den somatischen hinzu, sodass wir es gleichzeitig mit Mehrfacherkrankungen zu tun haben.
Das ist nicht trivial. Diese Patienten brauchen über lange Zeiträume - teilweise ein Leben lang - fachkundige Begleitung, damit Verschlechterungen und Langzeitfolgen rechtzeitig erkannt und ggf. auch vermieden werden können. Hier setzt das Konzept „collaborative care“ an, also die abgestimmte Versorgung in einem Guss und über die Grenzen des eigenen Faches hinaus.
Ausgehend von der Hausarztpraxis soll eine gute Verzahnung mit fachärztlichen, bzw. psychotherapeutischen Kompetenzen werden, sodass Überdiagnostik und Übertherapie, aber auch Behandlungsfehler reduziert werden können. In Studien konnten wir die Wirksamkeit und Kosteneffizienz selbst durch sehr kompakte psychotherapeutische Kurzinterventionen für Depression, Angst, PTSD in deutschen Hausarztpraxen zeigen und erste Hinweise gibt auch für ADHS. Dann werden nur die Patienten von Fachspezialisten behandelt, die unsere Möglichkeiten übersteigen (stepped care). Das erinnert Sie wahrscheinlich an die Chronikerprogramme
Mit Ihrer Berufung wurde erstmals in der Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Allgemeinmediziner als Mitglied aufgenommen. Die Wahl gilt als historischer Schritt – was bedeutet dieser Paradigmenwechsel für die Allgemeinmedizin?
Prof. Dr. Gensichen: Das ist in der Tat ein Paradigmenwechsel in der Leopoldina. Sie erkennt damit die große Breite in der Medizin an: von den wissenschaftlichen Grundlagen in den Labors bis in die tägliche Arbeit im Krankhaus und in den Praxen. Das zeigt klar die Aufwertung der Allgemeinmedizin als Fach, die ja genau wie all die anderen Gebiete ihre klinische Tätigkeit wissenschaftlich untersucht und begründet.
Dieses Wissen kann jetzt leichter in die Empfehlungen der Leopoldina einfließen. Als Beispiel sei hier die aktuelle Empfehlung der Leopoldina zur den Post-Infektionserkrankungen (PIE) genannt. Festgestellt wird hier ein Paradigmenwechsel bei COVID: von einer infektiologischen Akutinfektion hin einer chronischen Erkrankung, mit all seinen Grundsätzen in der Versorgung und sie ruft dazu auf, auch Forschungsgelder bereitzustellen.
Seit 2008 ist die Leopoldina zusätzlich Nationalakademie, also Beraterin für Politik und Gesellschaft und Vertreterin der deutschen Wissenschaft im Ausland, etwa in den Science-Gremien S7 oder S20 vor G7- und G20-Gipfeln. Sehen Sie da viel Arbeit auf sich zukommen und womit werden Sie sich einbringen?
Prof. Dr. Gensichen: Die genannten Gipfel kenne, ich nur aus dem Fernsehen. Dort würde mich dann doch über mich selbst wundern. Ich bin der Sektion „Global Health“ zugeordnet und möchte mich v.a. in Global Mental Health engagieren. Hier werde ich noch im Dezember mit Kolleginnen und Kollegen in Mexiko zu einem Austausch zusammenkommen.






































