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Dr. Markus Beier: „Die größte Herausforderung ist, dass sich genügend Menschen impfen lassen"

In Kürze ist mit der Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe zu rechnen. Welche Bedeutung dies für die Pandemie-Bekämpfung hat und welche Aufgaben jetzt auf Hausärztinnen und Hausärzte zukommen, darauf geht Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverrbandes, im Interview ein.

 
Dr. Markus Beier
Dr. Markus Beier, 
Landesvorsitzender
des Bayerischen Hausärzteverbandes

Herr Dr. Beier, zum Ende eines schwierigen Jahres 2020 eine positive Nachricht. Voraussichtlich in den nächsten Tagen oder Wochen werden auch in der EU gleich mehrere Corona-Impfstoffe zugelassen. Ist die Pandemie damit überstanden?

Dr. Markus Beier: Diese Pandemie zeigt, dass wir globale Herausforderungen nur grenzüberschreitend lösen können und nationale Egoismen in die Katastrophe führen. Die Geschwindigkeit, mit der die Impfstoffe entwickelt worden sind, ist beeindruckend. Und die ersten Meldungen über die Wirkungen der Corona-Impfstoffe sind ebenfalls sehr positiv. Diese Geschwindigkeit geht auch auf jahrelange Grundlagenforschung zurück. Auch wenn noch einige Fragen offen sind, kommt der Impfung eine zentrale Rolle bei der Überwindung der Pandemie in absehbarer Zeit zu.

Welche Herausforderungen liegen noch vor uns?

Dr. Markus Beier: Wir wissen über die Dauer der Impfwirkung und die Frage, ob ein geimpfter Mensch die Infektion weitertragen kann, aktuell noch zu wenig, aber die Wirkstärke aus den Daten der Zulassungsstudien sind erst einmal sehr ermutigend. Und wir hoffen, dass sich die Studienergebnisse bestätigen, wonach es in Einzelfällen nur milde Impfkomplikationen gibt, wie kurzzeitigem Fieber, Rötungen oder leichten Muskelschmerzen. Die größte Herausforderung ist aber, dass sich auch genügend Menschen impfen lassen. Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage einer Krankenkasse sind nur 53 Prozent der Bürgerinnen und Bürger bereit, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen. Weitere 15 Prozent beantworten die Frage, ob sie sich impfen lassen würden, mit „vielleicht“. Die Bereitschaft, die eigenen Kinder impfen zu lassen, liegt bei 42 Prozent. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, brauchen wir aber wahrscheinlich eine Impfquote zwischen 60 und 80 Prozent.

Sehen Sie da die Hausärztinnen und Hausärzte in der Pflicht?

Dr. Markus Beier: Auch wenn die ersten Massen-Impfungen in regionalen Impfzentren durchgeführt werden und erst später die Regel-Impfungen in den Hausarztpraxen, werden wir Hausärzte schon jetzt mit Fragen der Patienten überrannt. Die Erfahrung zeigt, dass Patienten eine intensive ärztliche Beratung wünschen, bevor sie sich impfen lassen. Bei der Corona-Impfung stehen wir noch vor weiteren Herausaufforderungen. Die Impfung ist neu. Und in der Öffentlichkeit wird breit über die unterschiedlichen Impfstoffe berichtet. Jeder Patient hat verständlicherweise den Wunsch, den für ihn individuell besten Impfstoff zu erhalten. Ich fürchte, dass ohne eine intensive und individuelle Beratung der Patienten durch uns Hausärzte die Impfquoten unter den Erwartungen liegen werden. Klar muss der Politik aber auch sein, dass wir diese Mammutaufgabe nicht ohne ein faires Honorar stemmen können. Wir werden nicht noch einmal zulassen, dass die Politik von uns Ärzten eine kostenlose Impf-Beratung erwartet und gleichzeitig den Apotheken zubilligt, Grippe-Impfungen als Kunden-Bindungsprogramme durchzuführen.

Wenn die Umfrage zutrifft, dann müsste man nur die 15 Prozent Vielleicht-Sager überzeugen, um bei 53 Prozent Impfbefürwortern über die kritischen 60 Prozent zu kommen.

Dr. Markus Beier: Diese Umfrage ist eine Momentaufnahme. Die Corona-Impfung wird sich über Monate hinziehen und ist ein dynamischer Prozess. Wir müssen damit rechnen, dass rabiate Impfgegner Meldungen über Nebenwirkungen für ihre Zwecke missbrauchen, aufbauschen oder vielleicht sogar erfinden. In Japan hat man das leidvoll bei der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs erleben müssen. Nach einem Fake-Video über eine Frau, die angeblich durch die Impfung einen epileptischen Anfall bekommen hatte, brach die Impfbereitschaft auf unter 1 Prozent zusammen. Dies bedeutet, dass jetzt jedes Jahr zwischen 600 und 800 Frauen in Japan an Gebärmutterhalskrebs sterben, weil sie nicht geimpft sind. Dies bedeutet auch: Wir werden als Gesellschaft die Corona-Pandemie nur dann in den Griff bekommen, wenn wir Ärztinnen und Ärzte die Zeit bekommen, unsere Patienten verantwortungsvoll und wissenschaftlich fundiert aufzuklären. Und das geht nur mit einer Impfberatungsziffer, die unabhängig davon abgerechnet wird, ob sich der Patient am Ende impfen lässt oder nicht. Alles andere würde das Patient-Arzt-Verhältnis schwer schädigen. Die Patienten erwarten von uns eine objektive Beratung, die frei von eventuellen wirtschaftlichen Interessen ist.

Wenn die Impfstoffe zugelassen sind, wird es aber zumindest in der Anfangsphase einen Run geben. Wer soll zuerst geimpft werden?

Dr. Markus Beier: Als Arzt sage ich, dass jeder meiner Patienten das gleiche Recht hat, sich impfen zu lassen. Als Bürger weiß ich, dass diese Kapazitäten am Anfang nicht vorhanden sein werden. Das ist keine medizinische Frage, sondern eine gesellschaftliche. Die Entscheidung muss also die Politik treffen. Natürlich sind wir grundsätzlich in der Lage zu entscheiden, ob ein Patient zu einer vulnerablen Gruppe gehört, jedoch gehe ich davon aus, dass in vielen Praxen der Anteil dieser Menschen bei 60 bis 70 Prozent liegt. Es ist überhaupt nicht unsere Aufgabe, unter unseren Patienten zu priorisieren. Hier müssen Politik und Gesellschaft schon selber Mut und Kraft aufbringen. Wir Ärzte werden in unseren Praxen keine Triage machen und Patienten auswählen, die wir impfen. Die Pandemie beschäftigt uns seit knapp einem Jahr. Dass Impfstoffe entwickelt werden, ist ebenfalls seit langem bekannt. Die politisch Verantwortlichen hatten also genug Zeit, sich auf dieses Szenario vorzubereiten.

Was ist Ihre Botschaft an die Hausärztinnen und Hausärzte?

Dr. Markus Beier: An erster Stelle steht ein herzliches Dankeschön an die Kolleginnen und Kollegen für die aufrichtige und nachhaltige Unterstützung. Das ist eine große Motivation für alle, die in diesen schwierigen Zeiten im Bayerischen Hausärzteverband Verantwortung tragen. Wir bekommen auch sehr viel Lob für die umfangreichen und fundierten Informationen, die wir den Kolleginnen und Kollegen über unsere Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen. Hier lautet meine Bitte, auch weiterhin informiert zu bleiben. In Kürze wird es eine Abfrage geben, wann und wie Ärzte und Praxisteams geimpft werden. Wir haben uns für diese Priorisierung stark gemacht, um die flächendeckende Versorgung unserer Patienten in jedem Fall aufrecht halten zu können und hoffen natürlich auf eine breite Teilnahme. Außerdem hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns gemeinsam mit der Bayerischen Landesärztekammer bereits einen Aufruf gestartet, sich für die Impfzentren und die mobilen Impf-Teams zur Verfügung zu stellen. 

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