„Sich nur zurückzulehnen und schimpfen reicht nicht“

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Im Interview erklärt Dr. Beate Reinhardt, Delegierte im Bayerischen Hausärzteverband und Hausärztliche Vorstandsbeauftragte der KVB, warum sie sich politisch engagiert, wie sie es schafft, Beruf, Familie und Politik zu vereinbaren, was ihr der Beruf der Landärztin bedeutet und welche Möglichkeiten die Hausarztmedizin gerade Frauen bietet.

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Frau Dr. Reinhardt, was motiviert Sie, sich berufspolitisch zu engagieren?

Dr. Reinhardt: Die Ausstiegsbewegung 2010 hat bei mir Vieles in Bewegung gebracht und in mir das Bewusstsein geweckt, aktiv werden zu müssen. Sich nur zurückzulehnen und zu schimpfen reicht nicht, und ich bin auch nicht der Typ dafür. Ich bin auch im privaten Bereich aktiv, engagiere mich beispielsweise im Elternbeirat. Man muss sich selbst bewegen, um andere zu bewegen, das ist meine Überzeugung. Als die Aufgabe des Regionalen Vorstandbeauftragten Oberfranken der KVB an mich herangetragen wurde, habe ich das im Praxisteam besprochen. Mein Mann, die angestellte Kollegin in unserer Praxis und die Weiterbildungsassistenten, sie alle haben gesagt: „Mach es. Für uns.“

Wo sehen Sie Prioritäten als KVB-Vorstandsbeauftragte Oberfranken, welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Dr. Reinhardt: Mir ist die Parität in der ärztlichen Interessensvertretung ein Anliegen, und ich denke, dass ich mit dem neuen Amt auf lokaler Ebene etwas dafür tun kann.  Besonders am Herzen liegt mir die Nachwuchsförderung. Wir müssen für Bedingungen sorgen, die den Hausarztberuf attraktiv machen. Speziell die Möglichkeiten für Frauen, als Hausärztin tätig zu werden, müssen wir weiter ausbauen. Das geht besonders gut, wenn mehrere Hausärztinnen und Hausärzte sich zusammenschließen, beispielsweise in einem MVZ oder in einer Gemeinschaftspraxis mit der Möglichkeit, angestellt zu arbeiten. Was wir brauchen, sind Teilzeitmodelle mit flexibler Arbeitseinteilung. Wir praktizieren das in unserer Praxis, hier haben wir 20 Kinder im Hintergrund. Da ist jeder bereit, für den anderen einzuspringen, wenn Not am Mann beziehungsweise an der Frau ist.  Wenn ich dieses Team nicht hätte, könnte ich auch gar nicht in dem Maß in die Berufspolitik einsteigen, wie ich das jetzt tue.

Damit haben Sie schon ein Stück weit verraten, wie Sie es schaffen, Beruf, Familie und berufspolitischen Engagement unter einen Hut zu bekommen…

Dr. Reinhardt: Ja, ohne gute Organisation im Beruf, aber auch im privaten Bereich geht das nicht. Man braucht ein privates Netzwerk aus Familie und Freunden. Bei uns springen beispielsweise Oma und Opa gelegentlich ein oder die Patentante, und wenn es gar nicht anders geht, kommen die Kinder auch mal mit in die Praxis. Da sind immer fünf oder sechs Ärzte, die zum Teil selbst Kinder haben. Die freuen sich, wenn Leben in der Bude ist. Die Kinder müssen das alles natürlich auch mittragen, insofern ist von ihrer Seite aus ein Stück weit Disziplin erforderlich. Ich muss aber auch klar sagen: Bei all meinen Verpflichtungen hat die Familie für mich immer oberste Priorität.

Immer weniger Mediziner wollen Hausarzt auf dem Land werden. Sie haben den Schritt gewagt. Was hat Sie besonders gereizt?

Dr. Reinhardt: Ich komme vom Land, und mein Mann und ich lieben das Landleben, die Verbundenheit mit Ursprünglichem, die herzliche Bindung zu den Patienten. Hier kann ich Familienmedizin im eigentlichen Sinne machen. Jetzt kommen schon die ersten Patienten, die ich von klein auf betreut habe, mit ihren eigenen Kindern in die Praxis. Wir betreuen hier vier Generationen mit all ihren unterschiedlichen Erkrankungen. Ich kenne und mag meine Patienten, freue mich, sie zu sehen, und genieße die Wertschätzung, die sie mir entgegenbringen. Mich in einer Landarztpraxis niederzulassen, habe ich keine Sekunde bereut. Ich kann wirklich sagen: Ich habe Freude an meiner Arbeit, gehe gern in die Praxis.

Was sagen die Patienten, wenn Frau Doktor jetzt aufgrund ihres berufspolitischen Engagement öfter mal fehlt in der Praxis?

Dr. Reinhardt: Anders als das Praxisteam, verstehen die Patienten mein berufspolitisches Engagement meist erst mal nicht. Ich erkläre ihnen dann, dass es um die Zukunft ihrer hausärztlichen Versorgung auf dem Land geht, das trifft dann schon auf Verständnis. Zumal wir eine Lehrpraxis sind und die Patienten ja auch sehen, dass wir aktiv etwas dafür tun, dass sie auch in Zukunft ihren Hausarzt vor Ort haben.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus sagen: Warum ist die Hausarztmedizin gerade für Frauen eine interessante Option?

Dr. Reinhardt: Sich als Hausärztin niederzulassen, bietet eine Vielfalt, die es erlaubt, unterschiedliche Interessen zu integrieren. Und es gibt gute Möglichkeit, sich zu entfalten, die Arbeitszeit an die Familie anzupassen durch unterschiedliche Teilzeitmodelle. Will heißen, wenn die Kinder klein sind und viel Zeit beanspruchen, kann ich die Arbeitszeit entsprechend zurückfahren. Das bedeutet nicht wie in vielen anderen Berufen das Ende der Karriere beziehungsweise einen Karriereknick. In der Praxis, vor allem in der eigenen Praxis, kann ich bei Bedarf wieder stärker einsteigen mit der gleichen Verantwortung und dem gleichen Tätigkeitsfeld wie zuvor. Bessere berufliche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten bietet Frauen, die Familie haben wollen, kaum ein anderer Beruf.

Das scheint vielen jungen Ärztinnen nicht bewusst zu sein.

Dr. Reinhardt: Das wollen wir ändern. Vom Bayerischen Hausärzteverband wird es Anfang kommenden Jahres eine Informationsveranstaltung zur Niederlassung und den Möglichkeiten speziell für Ärztinnen geben. Die Planungen dazu laufen bereits, und ich werde dort als Referentin tätig sein.

Zur Person:

Landärztin, Mutter, engagierte Berufspoltikerin – Dr. Beate Reinhardt ist der Beweis dafür, dass Frau all das durchaus erfolgreich managen kann. Seit 2004 ist sie zusammen mit ihrem Mann, einem hausärztlichen Internisten, und einer Kinderärztin niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis in Effeltrich, Landkreis Forchheim (Oberfranken). Bereut hat die heute 47-Jährige den Schritt in die Selbstständigkeit mit einer Landarztpraxis nie, wie sie sagt.  Im Sommer dieses Jahres hat die Hausärztin eine weitere Aufgabe übernommen: Sie löste Dr. Ingo Rausch, der für die Fraktion Bayreuther Gemeinschaft in den Stadtrat von Bayreuth eingezogen ist, als Regionalen Vorstandbeauftragten Oberfranken der KVB ab. Im Bayerischen Hausärzteverband engagierte sie sich bereits seit längerem, unter anderem als Ersatzdelegierte für Oberfranken. Bei der Bezirkswahl am 15. Oktober wurde sie zur regulären Delegierten für Oberfranken gewählt.