Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen: Bayerischer Hausärzteverband beteiligt sich an Initiative München

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Über den verantwortungsvollen Umgang mit Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen aufzuklären, ist das Ziel der Initiative München. Neben dem Initiator, dem Amtsgericht München, gehören der Arbeitsgruppe Vertreter des Justizministeriums, des Ministeriums für Gesundheit und Pflege, des Bayerischen Hausärzteverbandes, der örtlichen Betreuungsbehörden, der Fachstellen für Qualitätssicherung in der Altenpflege und des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen Bayern an.
 Die Auftaktveranstaltung der Initiative München war ein Fachtag am 6. November im Alten Rathaussaal, an dem Dr. Wolfgang Ritter den Bayerischen Hausärzteverband auf der abschließenden Podiumsdiskussion vertrat.

„Für uns Hausärzte steht das Wohl des Patienten im Mittelpunkt. Der  Bayerische Hausärzteverband unterstützt deshalb die Initiative München aus vollem Herzen“, begründet Dr. Wolfgang Ritter, Bezirksdelegierter München im Bayerischen Hausärzteverband das Engagement des Verbandes. „Die Verordnung von Psychopharmaka ist ein sensibles und schwieriges Thema, über das in der Vergangenheit sicher zu wenig aufgeklärt worden ist. Gleichzeitig gilt es aber auch nach den Ursachen zu suchen. In vielen Heimen gibt es leider zu wenig Personal, um die alten und kranken Menschen fachgerecht zu betreuen. Dies zu verbessern, ist eine Herausforderung, der sich die gesamte Gesellschaft zu stellen hat“, so Dr. Ritter.  

Über 50 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen erhalten Psychopharmaka 

Wie relevant das Thema ist, belegen aktuelle Zahlen. Demnach bekommen laut einer Erhebung der Fachstelle für Qualitätssicherung allein in München über 50 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen Psychopharmaka als Dauer-oder Bedarfsmedikation verordnet. Der Qualitätsbericht 2011/2012 der Münchner Heimaufsicht spricht deshalb von einem bedenklichen Umgang mit Psychopharmaka und stellt fest, dass es an einer grundlegenden Strategie fehlt, die ärztliches, betreuerisches und pflegerisches Handeln in Einklang bringt.
 
Genau dies hat sich die „Initiative München, Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen“ jetzt zum Ziel gesetzt. Ein wesentlicher Punkt ist dabei die Aufklärung, unter welchen Voraussetzungen Psychopharmaka als sogenannte freiheitsentziehende Maßnahmen verordnet werden und damit auch dem Genehmigungsverfahren beim Amtsgericht unterliegen. Zudem sollen Strategien entwickelt werden, die durch die Kooperation der beteiligten Ärzte, Fachkräfte und Betreuungsstellen für den einzelnen Patienten nach Wegen neben der medikamentösen Therapie suchen, um die Bedingungen des Patienten zu verbessern.

Gesetzliche Anforderungen zum Verordnen sedierender Medikamente 

Das Amtsgericht München ist zuständig für die Genehmigungen von freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Stadt und dem Landkreis München. Das Gesetz sieht in § 1906 Absatz 4 BGB vor, dass immer dann, wenn ein Medikament mit sedierender Wirkung verabreicht werden soll, ohne dass der Hauptzweck der Medikamentengabe die Behandlung einer zugrundeliegenden Erkrankung ist, eine betreuungsrechtliche Genehmigung vorliegen muss.
„Es geht hier also nicht um Akutfälle, bei denen ein Arzt einen Patienten ruhigstellt, damit der sich nicht gefährdet“, erläutert Sylvia Silberzweig, Richterin am Betreuungsgericht München. „Genehmigungspflichtig ist auch nicht die sedierende Nebenwirkung eines Psychopharmakas, wenn es auf Grund einer zugrundeliegenden Erkrankung zu Therapiezwecken verordnet wird“, ergänzt Dr. Ritter.
 
Das Gesetz stellt somit die medikamentöse Ruhigstellung der mechanischen Fixierung gleich. Anträge für solche Genehmigungen sind von den Betreuern beim Betreuungsgericht München zu stellen, wo dann ein sogenanntes „Unterbringungsverfahren“ durchgeführt wird. Dabei wird die Notwendigkeit der Medikamentengabe geprüft und die Medikamentengabe gegebenenfalls genehmigt. Bisher gingen beim Amtsgericht München solche Anträge nur in verschwindend geringer Zahl ein.

Das Genehmigungsverfahren für Psychopharmaka bei Gericht
 

  1. Das Gericht wird eng -und das ist völlig neu!- mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen Bayern und dem Bayerischen Hausärzteverband zusammenarbeiten, die in ihrem Bereich die Sensibilisierung für die Genehmigungsbedürftigkeit und Notwendigkeit ihrer Verschreibungen vorantreiben werden.
  2. Auch bei der Vergabe von Gutachtensaufträgen durch das Betreuungsgericht wird die Aufforderung ergehen, explizit zu den verabreichten Medikamenten und ihrer Wirkung Stellung zu nehmen.
  3. Das Gericht wird entsprechend der Zielsetzung die Anforderungen an die Berichte der Berufs-Betreuer anpassen. Konkret heißt das, dass die Betreuer aufgefordert werden, speziell zu der verordneten Medikation Stellung zu nehmen.
  4. Bei Eingang eines Antrages auf Genehmigung einer Medikation bestellt das Gericht einen spezialisierten Verfahrenspfleger mit beruflicher Pflegeerfahrung, der die Interessendes Betroffenen vertritt. Diese Verfahrenspfleger verfügen sowohl über pflegefachliches als auch juristisches Wissen. Sie sollen mit den Pflegeverantwortlichen, Angehörigen, rechtlichen Betreuern sowie den Ärzten nach alternativen Lösungen suchen. Außerdem erarbeiten sie vor Ort alternative Maßnahmen, um bei Ruhelosigkeit, herausforderndem Verhalten oder gesteigertem Antrieb der Betroffenen auf Psychopharmaka verzichten zu können.
  5. Der Verfahrenspfleger wird abschließend eine in der Regel mit den Pflegeverantwortlichen und Angehörigen gemeinsam erarbeitete pflegefachliche Empfehlung abgeben, die die Grundlage der betreuungsrichterlichen Entscheidung bildet.

Richterin Silberzweig: „Das Amtsgericht München ist der Überzeugung, dass durch diese Initiative die Psychopharmaka-Gabe transparent gemacht und reduziert werden kann und insgesamt die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Pflege in Heimen zum Wohl der Bewohner und pflegebedürftigen Menschen gefördert wird.“

"Werdenfelser Weg" als Vorbild

Die Initiative München verweist dabei auf positive Erfahrungen mit dem sogenannten „Werdenfelser Weg“, dessen Ziel es ist, mechanische Fixierungen zu vermeiden. Mit dem „Werdenfelser Weg“, der ebenfalls auf die Zusammenarbeit aller Disziplinen setzt, konnten Fixierungen in München drastisch von 12 Prozent im Jahr 2011 auf unter 5 Prozent im Jahr 2013 reduziert werden.

Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgerichts München: „Es ist mir bewusst, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der stationären Pflege bei der Fülle der Patienten und dem Stellenplan der Pflegekräfte eine enorme Herausforderung darstellt. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die neue Initiative die Lebensqualität der Heimbewohner verbessern und das gegenseitige Vertrauen fördern wird. Die Freiheitsrechte des einzelnen zu achten und zu schützen und so lang wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen ist eine grundlegende Verpflichtung unserer Gesellschaft. Das Amtsgericht München hat daher mit der 'Initiative München, Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen' einen Weg gefunden, Hand in Hand mit allen Beteiligten zum Wohl der Patienten die Vergabe von Medikamenten zum Zweck der Sedierung zu reduzieren.“

Stellten auf dem Fachtag die Initiative München vor: Sylvia Silberzweig (Richterin am Betreuungsgericht München) mit (v.l.) Marcus Maier (Leiter Damenstift am Luitpoldpark), Dr. Gerhard Tiefenböck (Zentrum für Akutgeriatrie und Frührehabilitation), Dr. Wolfgang Ritter (Bayerischer Hausärzteverband) und
Thomas Muck (MDK Bayern).