Selbsthilfegruppen

„Das Wesentliche ist, dass der Hausarzt einen Tinnitus-Patienten ernst nimmt“

 Im Interview geht Volker Albert, Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga auf die besondere Problemstellung für Tinnitus-Patienten, die Bedeutung der Selbsthilfegruppe für Betroffene und seine Erwartungen an die Hausärzte ein.

Volker AlbertZum Vergrößern bitte klicken.

Diagnose Tinnitus – vor welche besonderen Schwierigkeiten stellt die Erkrankung Betroffene?

Volker Albert: Der Dauerton nervt zunächst einmal, ist aber nichts „Schlimmes“, nicht lebensbedrohlich. Tinnitus-Patienten hören einfach etwas, das andere nicht hören können, um es salopp auszudrücken. Hausärzte, die meist die erste Anlaufstelle sind, aber auch HNO-Ärzte, gehen deshalb oft nicht so auf die Patienten ein, wie diese sich das wünschen würden. Denn für die Betroffenen kann die Störung sehr belastend sein und zu psychischen und emotionalen Problemen führen. Es gibt aber auch immer noch Ärzte, die sich auf ein „da kann man nichts machen“ beschränken.

Was ja in gewisser Hinsicht auch stimmt…

Volker Albert: Man kann einen chronischen Tinnitus in der Regel nicht heilen, ja, aber man kann lernen, damit umzugehen. Zum Beispiel, indem man sich bewusst macht, was den Dauerton verstärkt. Das können beispielsweise Stress oder belastende Lebenssituationen sein, Schreckmomente.
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen, bevorzugt in einer spezialisierten Einrichtung wie zum Beispiel einem Tinnitus-Zentrum oder einer auf Tinnitus spezialisierten psychosomatischen Klinik können Betroffenen helfen, mit der Störung umzugehen. Dabei arbeitet der Therapeut oft mit dem HNO-Arzt und dem Akustiker zusammen. Häufig sind auch technische Hilfen notwendig. So sind etwa 80 Prozent aller Tinnitus-Patienten gleichzeitig hörgeschädigt.
Das Wesentliche aber ist, dass Menschen mit Tinnitus vom Hausarzt und vom HNO-Arzt ernst genommen werden.

Was bietet die Selbsthilfegruppe Betroffenen, was der Arzt nicht leisten kann?

Volker Albert: Das ist vor allem Zeit. Menschen mit Tinnitus sind oft „schwierige“ Patienten, weil sie viele Fragen haben. Ärzte und Akustiker können sich die notwendige Zeit dafür meist nicht nehmen, sie erhalten auch keine Vergütung dafür. Die Selbsthilfegruppe bietet Informationen und die Chance, das eigene Leiden zu verstehen. So reagieren Menschen mit einem Tinnitus schneller gereizt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Dauergeräusche, die Tinnitus-Patienten hören, meist im Hochtonbereich angesiedelt sind, und hohe Töne sind für den Menschen instinktiv ein Signal für Gefahr. Das hat zur Folge, dass Betroffene ständig unter Strom stehen, sich in Alarmbereitschaft befinden. Ein hoher Dauerton behindert Betroffene auch darin, Gesagtes in Gesprächen richtig einzuordnen, da Emotionen beim Sprechen über höhere Töne vermittelt werden, die durch den Tinnitus nicht richtig wahrgenommen werden können. Das ist besonders dann der Fall, wenn man seinen Gesprächspartner nicht sieht und keine Rückschlüsse aus Gesten und Mimik ziehen kann, etwa beim Telefonieren. Bei einem Tinnitus-Patienten kann beispielsweise etwas ironisch ankommen, was vom Gesprächspartner gar nicht so gemeint war. Ich muss mein Gegenüber schon öfter mal fragen “wie meinst du das denn“, um  Missverständnisse zu vermeiden. Wenn man diese Dinge weiß, hilft das den Betroffenen, ihre Erkrankung besser zu verstehen.

Aktiv in einer Selbsthilfegruppe zu sein – wirkt sich das auf den Behandlungserfolg aus?

Volker Albert: Die aktive Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe kann die Therapie unterstützen, da sie den Patienten wie gesagt hilft, sich mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen und damit umzugehen. Das hat eine neue gemeinsame Studie der Deutschen Tinnitus-Liga und des Instituts für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf jetzt auch bestätigt. Demnach verleiht die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe beispielsweise den Betroffen das Gefühl, nicht mehr allein mit der Erkrankung zu sein, und ein Großteil der Teilnehmer fühlt sich persönlich gestärkt.

Wie stellen Sie sich eine ideale Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Selbsthilfegruppe vor?

Volker Albert: Wir würden uns wünschen, das gerade Hausärzte als erste Ansprechparten der Patienten, aber auch HNO-Ärzte bei der Diagnose Tinnitus die  Betroffenen auf Selbsthilfegruppen hinweisen und zur Kontaktaufnahme ermutigen. Das läuft beispielsweise in Oberfranken schon sehr gut, hier haben wir gute Erfahrungen gemacht. Tinnitus-Selbsthilfegruppen gibt es in ganz Bayern und sie sind bis auf die Region Allgäu relativ gut verteilt.

Tinnitus-Selbsthilfegruppen und Ansprechpartner in Bayern: hier klicken

Über die Deutsche Tinnitus-Liga

Die Deutsche Tinnitus-Liga wurde 1986 gegründet und ist inzwischen  mit 13.000 Mitgliedern der europaweit  größte Tinnitus-Zusammenschluss. Der gemeinnützigen Selbsthilfeorganisation für Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis, Morbus Menière und sonstigen Hörbeeinträchtigungen gehören über 800 Fachleute als Partner und fördernde Mitglieder an, darunter Ärzte, Hörgeräte-Akustiker, Psychologen und Therapeuten. Die Deutsche Tinnitus-Liga bietet fundierte Informationen, Kontakt- und Austauschmöglichkeiten für Betroffene und gibt vierteljährig die Zeitschrift „Tinnitus Forum“ heraus. Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Selbsthilfeorganisation unter www.tinnitus-liga.de.